Die Studentin Jana Vogel, die Rentnerin Marianne und der Blindenhund Max Foto: /Ines Rudel

Marianne ist Rentnerin, blind und oft allein. Die Studentin Jana kommt sie alle zwei Wochen ehrenamtlich besuchen. Wer profitiert mehr davon?

Zwischen blühenden Bäumen spazieren zwei Frauen, die man für Oma und Enkelin halten könnte. Nach wochenlangem Grau blitzt endlich einmal der Frühling hervor, und die beiden schmieden Pläne für die wärmeren Tage. „Welches Eis essen wir?“, fragt Jana Vogel, die Jüngere. Ihre Fingernägel sind blau lackiert, die Augen mit einem kräftigen Lidstrich in der gleichen Farbe betont. Die Ältere ist einen ganzen Kopf kleiner als sie. „Amarena“, antwortet Marianne sofort. „Ich bin für einen Früchtebecher“, sagt Jana und fügt hinzu: „Ich habe dieses Jahr erst eine Kugel gegessen.“ Marianne lacht, obwohl es traurig klingt, wenn sie sagt: „Letztes Jahr hatte ich gar kein Eis.“

Das ist eines von vielen Dingen, für die Marianne bislang die Gesellschaft fehlte. Dazu zählt auch ein Besuch in dem netten Straßencafé, wo sie seit Jahren nicht mehr saß. Kleine Alltagserlebnisse, die in der Summe das Leben ein wenig lebenswerter machen.

Jana ist 25, Marianne über 70. Jana schneidet neben ihrer Ausbildung an der Hochschule der Medien Videos für ein nachhaltiges Unterwäschelabel, Marianne hat noch keinen ihrer Instagram-Posts gesehen. Sie ist blind und trägt hier zu ihrem Schutz einen anderen Namen. Dass sich die zwei gefunden haben, verdanken sie dem Besuchsdienst der Malteser.

Corona hat viel Nähe genommen

Das Angebot richtet sich an einsame Senioren. Allein in Stuttgart sollen etwa 20 000 Menschen unter Einsamkeit leiden. Sie gehen im Großstadtrauschen unter, bleiben ungehört, weil lange niemand offen über das Alleinsein sprach. Das ändert sich gerade. Seit Corona, als ein Großteil der Bevölkerung plötzlich auf die vertraute Nähe von Freunden und Verwandten verzichten musste, reagiert man sensibler auf das Thema. Die Stadt hat im vergangenen Sommer eine Initiative gestartet, um auf das Phänomen aufmerksam zu machen. Einsamkeit ist keine Krankheit, aber sie kann krank machen, Depressionen oder Angstzustände auslösen.

Marianne sagt, sie könne gut allein sein. Die meiste Zeit lässt sie sich zu Hause von Hörbüchern unterhalten. Sie lacht dann über die Eberhofer-Krimis von Rita Falk oder lauscht der Highland-Saga „Outlander“ von Diana Gabaldon. Und dann ist da natürlich noch Max, ihr Blindenhund. Ein neun Jahre alter, heller Labrador. Dreimal am Tag geht Marianne mit ihm Gassi, durch den Ort im Raum Leinfelden-Echterdingen bis raus auf die Felder. Ein Hund ist ein prima Kumpel, aber kein Ersatz für eine Freundin oder einen Freund. „Wenn du ein Handicap hast, trauen sich die Leute nicht an einen ran“, sagt Marianne. Sie lebt nicht isoliert. Ihre Welt ist mit den Jahren nur sehr überschaubar geworden.

Sie hat Familie in der Nähe, ihre Tochter schaut regelmäßig vorbei. Eine Nachbarin hilft im Haushalt. Wenn Marianne mit Max im Blindenhundegeschirr unterwegs ist, wird sie nett gegrüßt. Einsamkeit lässt sich nicht unbedingt an der Zahl der sozialen Kontakte ablesen. Man kann sich auch mitten unter Menschen einsam fühlen, weil sich alles nur an der Oberfläche abspielt. Stippvisiten ersetzen kein vertrautes Gespräch. Marianne möchte vor allem endlich wieder am Leben teilnehmen: „Ich setze mich nicht in eine Ecke oder einen Glaskasten, da ersticke ich.“

So klingelten Anfang des Jahres Jana und eine Mitarbeiterin der Malteser an ihrer Tür. Marianne hatte Bananenkuchen gebacken, servierte Tee und Kaffee. „Da war keine Fremdheit, keine Schüchternheit“, erinnert sie sich. Die Frauen vergaßen komplett die Zeit. Auch Jana sagt: „Ich hab gleich gespürt, das ist ein Match.“ Viele ihrer Sätze lösen sich in einem Lachen auf.

Die Studentin hatte über die Stuttgarter Freiwilligenbörse nach einem Ehrenamt gesucht und war so auf den Besuchsdienst gestoßen. Das Angebot sieht regelmäßige Treffen mit einer Seniorin oder einem Senior vor. Was wann gemeinsam unternommen wird, bleibt dann ihnen überlassen. Bei den Maltesern achtet man darauf, dass sie von der Art und den Interessen zueinander passen. Jana gefiel der Gedanke, anderen Menschen Freude zu schenken. „Ich hatte schon immer ein Händchen für ältere Menschen.“

Unentgeltliche Besuche

Finanziert werden solche Angebote über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Die Ehrenamtlichen erhalten für ihre Besuche kein Geld. Umso wichtiger ist es, dass sie darin Sinn und Erfüllung finden. „Ich habe gesagt, ich brauche eine Frau, mit der ich reden kann, die offen für meine Themen und witzig ist“, sagt Jana. „Eigentlich habe ich Marianne beschrieben.“ Dazu kommt, dass die beiden nur eine Bahnstation voneinander entfernt wohnen. Alle zwei Wochen treffen sie sich.

Auf ihrer heutigen Spazierrunde hält Marianne Max am Blindengeschirr dicht bei sich. Er stoppt an jedem Straßenübergang, bis sein Frauchen sagt: „Weiter.“ Ein Glöckchen bimmelt bei jedem Tapser. Auf Zuruf würde Max den Weg zum Bäcker oder Metzger finden oder Marianne nach Hause lotsen.

Bald haben die Frauen die Felder erreicht. Viel weiter traut sich Marianne allein meist nicht. Vor allem wegen der anderen Hunde, die hier oft von der Leine gelassen werden. Sie sieht ja nicht, wer da auf Max und sie zustürmt. „Ich habe große Angst zu fallen.“ Auch jetzt ruft sie ängstlich: „Ist da ein Hund?“ Ja, aber nur der kleine Chino, den sie schon seit Jahren kennt.

Max darf vom Geschirr an die Leine, und die Frauen marschieren einen leichten Hang hinauf. Mariannes größter Wunsch war es, mit jemandem längere Spaziergänge zu unternehmen. „Achtung, da kommt was, geh mal ein bisschen nach rechts“, ruft Jana. Die Leine verheddert sich in einem am Boden liegenden Ast. Jana entwirrt die Knoten. Weiter geht’s.

Seit mehr als 20 Jahren kennt Marianne diese Strecke. „Hast du dich schon mal verirrt?“, will Jana wissen. Marianne lacht auf. „Im Winter, beim Schneeschippen“ gesteht sie und macht dann eine Pause wie ein Komiker bei einem Witz. „Bei mir im Garten.“ Sie sei immer im Karree gelaufen, habe einfach den Ausgang nicht mehr gefunden. Max habe sie schließlich gerettet.

Marianne ist nicht von Geburt an blind. Sie leidet an einem Gendefekt, Retinitis pigmentosa, der die Zellen der Netzhaut nach und nach absterben und die Sehkraft schwinden lässt. Sie war etwas jünger als Jana, als sie die Diagnose erhielt – und ihr Schicksal zunächst verdrängte. Drei ihrer sechs Geschwister sind ebenfalls betroffen. Doch nur Marianne erblindete komplett, da war sie noch keine 50 Jahre alt.

Marianne verlor ihren Mann und ihren Job

Mit ihrem Augenlicht verlor sie auch ihren Mann, der sie verließ, und ihren geliebten Job als Bürokauffrau. „Ich habe das Geld nicht mehr gesehen, musste die Kasse abgeben und konnte keine Rechnungen mehr buchen.“ An ihrem letzten Arbeitstag meldete sie sich krank. Sie hatte keine Kraft für den Abschied.

Sie sei schon immer eine Schafferin gewesen. Und dann Frührente! Doch Marianne überrascht, sie sagt: „Seit ich nichts mehr sehe, lebe ich viel besser.“ Früher habe sie sich oft kleingemacht „wie eine Maus“, heute gehe sie viel mehr auf Menschen zu, habe keine Vorurteile mehr. „Meine Hunde haben mein ganzes Leben ausgesöhnt.“

Vier Blindenhunde haben sie über die Jahre begleitet. Fotos der Tiere hängen an den Wänden ihrer Wohnung, wo Marianne sie stolz Besuchern zeigt. Max wird wohl ihr letzter Weggefährte sein. Sie sei zu alt, sagt sie. „Einem jungen Hund könnte ich nicht mehr gerecht werden.“ Und die Krankenkasse würde wohl auch keinen mehr bezahlen. Es ist das einzige Mal an diesem Nachmittag, dass für einen Moment alle Energie aus ihr entweicht, wie die Luft aus einem Luftballon.

Jana bringt sie wieder auf andere Gedanken. Sie lässt sich zeigen, wie Marianne dank eines Handys mit Sprachein- und Sprachausgabe Whatsapp-Nachrichten verschickt. Oder wie sie online Lebensmittel und Kleidung shoppt. „Ich wurde durch die Begegnung mit Marianne voll belohnt“, sagt Jana. „Wenn ich wieder gehe, denke ich manchmal: Die Welt ist doch in Ordnung. Weil ich sehe, wie toll sie alles meistert.“

Janas Familie lebt in der Pfalz, eineinhalb Stunden mit der Bahn. Man könnte meinen, Marianne sei für sie eine Art Ersatz-Omi? „Also ... so tiefgehende Gespräche führe ich mit meiner Oma nicht“, sagt sie, und ihr Lachen schwingt in jeder Silbe mit. „Ich würde eher sagen, die Marianne ist meine Freundin, wir können über alles schnacken.“

Als die Ältere und die Jüngere draußen vor der Haustür stehen, sagt Jana: „Stopp, Marianne. Du hast da einen Marienkäfer.“ Behutsam pflückt sie den Käfer von der Jacke und lässt ihn auf einem ihrer lackierten Fingernägel balancieren. Marianne gluckst und sagt: „Der soll ja Glück bringen.“

Wer sich für ein Ehrenamt im Besuchsdienst interessiert oder selbst Gesellschaft sucht, kann sich an den Hilfsdienst der Malteser wenden: Telefon 07 11 / 9 25 82 50