Vietnam-Demonstration in der Heidelberger Hauptstraße, Mai 1968 Foto: Stadtarchiv Heidelberg, privat, Eberhard Reuß

Kommunistische Kader, Autobomben und Straßenbahn-Boykott: Der pensionierte Lehrer Volker von Offenberg blickt zurück auf die Heidelberger Studentenrevolte.

November 1967. Große Pause am Kurfürst-Friedrich-Gymnasium, der Eliteschule in Heidelberg. Volker von Offenberg ist 16 und hat noch gut zwei Jahre bis zum Abitur. Draußen, mit Blick auf Neckar und Heiligenberg, stehen zwei markante Typen. Der eine groß und kräftig mit Walross-Schnurrbart, der andere schlank und elegant mit Zigarillo im Mundwinkel. Sie sind Studenten, verteilen Flugblätter, welche die „lieben Schülerinnen und Schüler“ zu einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg einladen. Klingt gut.

Vor dem Schulgebäude wird in kleinen Gruppen diskutiert, und nach Schulschluss macht sich Volker von Offenberg gleich auf den Weg. Ziel ist das US-Hauptquartier an der Römerstraße, wo sich 200 bis 300 jüngere Leute versammelt haben. „Amis raus aus Vietnam!“ steht auf ihren Plakaten. Studentinnen versuchen, den GIs Chrysanthemen in den Gewehrlauf zu stecken.

Wie die Idee zu dem Buch entstanden ist

„Ich hatte das Gefühl, Zeuge von etwas Besonderem zu sein“, erinnert sich Volker von Offenberg heute mit 75 Jahren. Es war seine erste Demonstration, weitere sollten folgen. „ Das Flugblatt von damals habe ich aufbewahrt. Und danach weiter gesammelt.“ Er bewahrt die Blätter bis heute in drei prall gefüllten DIN A4-Ordnern und chronologischer Ordnung auf. Zusammen mit einem Konvolut von Broschüren, Flugschriften, Manifesten aus den Jahren der Revolte in Heidelberg.

„Anfang der 90er hatten mein Studienkollege Christian Weiß und ich die Idee, das Material für eine Doktorarbeit zu verwenden, aber daraus ist dann nichts geworden.“ Keine Zeit, der Lehrerberuf, unterschiedliche Lebenswege. Sie hatten sich aus den Augen verloren. Vor anderthalb Jahren trafen sie sich dann zufällig in einer Heidelberger Bäckerei. Weiß führt inzwischen seinen eigenen kleinen „Draupadi“-Verlag. Der ist eigentlich auf Literatur aus Südasien spezialisiert. Aber beim Brezelkauf kamen die Erinnerungen zurück: „Lass uns doch das Buch machen!“

Die Herzen sind jung geblieben

Jetzt liegt es vor: „Wege zum Paradies“. Binnen drei Monaten bereits in der dritten Auflage: „Ich war überrascht, aber es scheint ein Riesenbedürfnis da zu sein“, sagt Volker von Offenberg. Bei der Buchvorstellung im Heidelberger Karlstorbahnhof drängten sich jüngst fast 200 Gäste im überfüllten Auditorium: „Die Stimmung war super, wie damals, überfüllter Hörsaal, lebhafte Diskussionen. Dazwischen liegen sechs Jahrzehnte, aber im Herzen sind wir jung geblieben“, sagt Offenberg. Viele von damals sind heute nicht mehr dabei. „Aber dann freut man sich umso mehr, dass Leute wie Mani Neumeier, der Elektrolurch, Drummer und Kopf von Guru Guru, gerade 85 geworden ist und immer noch Musik macht.“

Die Wege zum Paradies waren heiß umstritten. All die Initiativen, Gruppen, Kader und Sektierer hatten ihre ganz eigenen Vorstellungen von einer befreiten, friedlichen Gesellschaft, von Empathie und Solidarität, einem Leben ohne Unterdrückung, Angst, Aggression, Krieg. Manche machten sich auf den „langen Marsch“, einige verirrten sich in Sackgassen, andere plädierten für Gewalt und endeten als Terroristen. All das beschreibt der Zeitzeuge Offenberg mit der abwägenden Gelassenheit des Historikers: „Mit meinen schulterlangen Haaren und der Nickelbrille hätte man mich mit John Lennon verwechseln können. So auszusehen, konnte damals gefährlich sein.“

Es waren repressive Zeiten, aber in den studentischen Milieus von Heidelberg ging den späteren Demos und Straßenschlachten schon Ende der 50er Jahre peu à peu eine kulturelle Revolte voraus. Ami-Jazz im Cave 54, AFN und Rock’n’Roll, Bands wie die Starfighters und die Monks. Dazu gesellten sich politisches Kabarett wie das „Bügelbrett“ mit Hannelore Kaub, junge Künstler wie Jörg Burghard, Jürgen Theobaldy, Michael Buselmeier, Klaus Staeck. Am Stadttheater provozierte Hans Neuenfels, auf der Bühne agierten Gottfried John und Ulrich Wildgruber.

In studentischen Kreisen dominierte das Patriarchat. Frauenemanzipation lief eher unter „Nebenwiderspruch“. Aber mit der Lyrikerin Hilde Domin, der Künstlerin Eva Vargas, der Grafikerin Marie Marcks gab es in Heidelberg starke Frauenvorbilder für viele spätere Feministinnen wie etwa auch die Emma-Karikaturistin Franziska Becker. All das waren die Vorzeichen eines gesellschaftlichen Klimawandels.

In Heidelberg ist Schluss mit lustig

Für den Beginn einer rebellischen Massenbewegung gab es bald einen Anlass: „Als die Berliner Polizei am 2. Juni 1967 den gewaltlos gegen den Schah von Persien demonstrierenden Germanistikstudenten Benno Ohnesorg erschoss, konnten es viele zunächst nicht fassen“, sagt Offenberg. Selbst Rektor und Senat der Universität Heidelberg äußerten sich „bestürzt“ über die „beschämenden Vorgänge“. 2000 Studenten demonstrierten. In Heidelberg entstand eine „Gegenöffentlichkeit“, in der bald der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS) die oppositionelle Bewegung anführte. Es ging gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetzgebung und den „drohenden Faschismus“. NPD-Plakate wurden von SDS-Vertretern in einer satirischen Aktion mit Hakenkreuzen „kenntlich gemacht“.

Als am 11. April 1968 in Berlin der SDS-Führer Rudi Dutschke Opfer eines rechtsextremen Attentäters wurde und schwer verletzt überlebte, war auch in Heidelberg Schluss mit lustig. Am 28. Mai besetzten Studenten die Neue Universität und verbarrikadierten Teile des Gebäudes. Polizei und Justiz schlugen zurück, mit Schlagstöcken und rigorosen Urteilen. Heidelberg wurde fast ein Jahrzehnt lang Schauplatz härtester Auseinandersetzungen. Presse, Funk und Fernsehen berichteten von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“. „Ich war bei den meisten Demos mit dabei“, sagt Volker von Offenberg, „hatte aber Scheu, von Wasserwerfern attackiert, verprügelt, verhaftet zu werden. Wenn es richtig ernst wurde, habe ich mich immer in die zweite, dritte Reihe zurückgezogen.“

Die Universität, die Polizei und die US-Army sind die Feindbilder

Es gab immer Anlass für Demonstration, selbst bei einem Konzert von Deep Purple am 28. November 1970 in der Aula der Neuen Universität. Protestiert wurde gegen die Veranstalter – „profitgierige Ausbeuter“, die zehn Mark Eintritt verlangten. Sturmbereite Musik-Fans prügelten sich mit Saalschutz-Rockern. 50 Fensterscheiben gingen zu Bruch.

Dass Heidelberg jahrelang Brennpunkt des Protests blieb, hängt für Offenberg auch mit der Topographie zusammen: „In der Stadt waren alle denkbaren Feindbilder, gegen die sich Proteste richten konnten, ganz konkret sichtbar und in Laufentfernung vorhanden. Rathaus, Universität, Polizei, Gefängnis. Die US-Army war präsent. Und in der Hauptstraße fuhren noch Straßenbahnen und Autos, das war leicht blockierbar.“

Mit dem Bomben-Anschlag auf das Heidelberger US-Hauptquartier am 24. Mai 1972 trat auch die RAF auf den Plan. Zwei Autobomben explodierten. Die US-Soldaten Clyde Bonner, Ronald Woodward und Charles Peck kamen ums Leben, fünf Armeeangehörige erlitten schwerste Verletzungen. Volker von Offenberg beschreibt, wie es aus seiner Sicht soweit kommen konnte. Rekonstruiert Verbindungen. Nennt Namen. Beschreibt Schicksale. Spricht von Paranoia und fatalen Fehlentscheidungen mit lebenslangen Folgen. Blickt zurück auf therapeutische Experimente wie das „Sozialistische Patientenkollektiv“ und deren Scheitern. Und er würdigt die Versuche von „Release“ und „Free Clinic“, etwas gegen das Elend des Heidelberger Drogenmilieus zu unternehmen.

Offenberg will daran erinnern, dass viele Ideen von damals auch heute wieder bedenkenswert sein könnten: „So etwas wie die Rote-Punkt-Aktion im Sommer 1969, der Straßenbahn-Boykott mit solidarischem Handeln quer durch alle Schichten gegen die Erhöhung der Fahrpreise. Das war sensationell.“ Autofahrer klebten einen roten Punkt an die Windschutzscheibe – als Zeichen, kostenlos Anhalter mitzunehmen. „Oder das Collegium Academicum – also selbst verwaltetes, gemeinschaftliches Studentenleben. 1978 beendet, jetzt an anderer Stelle in Heidelberg neu belebt.“

Ein rechtsextremer Richter

Das Vergangene ist noch nicht vergangen. Weshalb Offenberg auch schildert, was aus vielen der Protagonisten geworden ist. Der Richter Rainer Orlet, der einst in Heidelberg linke Studenten mit der ganzen Härte des Gesetzes aburteilte und in Haft schickte, attestiert 1994 dem NPD-Funktionär, Holocaust-Leugner und ehemaligen Gymnasiallehrer Günter Deckert „Charakterstärke und Verantwortungsbewusstsein“. Er setzt die Haftstrafe Deckerts zur Bewährung aus. Das Urteil sorgt weltweit für Aufsehen – und wird dann doch noch kassiert. Richter Orlet geht aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand.

Eine ganz andere Karriere werden ehemalige Funktionäre des SDS und der Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG) machen. Die haben Anfang der 70er Jahre in Heidelberg den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) aus der Taufe gehoben, treten an zur Befreiung der Arbeiterklasse, feiern den kambodschanischen Massenmörder Pol Pot, zetteln Straßenschlachten an und versuchen den politischen Diskurs zu bestimmen. „Ich erinnere mich an eine Veranstaltung bei Professor Reinhart Koselleck“, erzählt Volker von Offenberg: „Da stürmten zu Beginn 20, 30 Mann von KHG/KBW und schwadronierten über ihre politischen Forderungen. Wir alle waren an der Vorlesung interessiert, duldeten aber die Unterbrechung, ohne uns zu wehren. Wir wollten ja nicht als Verräter oder Schleimer gelten. Ich fürchte, heute ist das in vielen Bereichen ganz ähnlich.“

Zumindest das Proletariat – so überhaupt vorhanden – wollte damals nicht mitmachen. Der KBW endete in einer politischen Sackgasse, manche seiner Spitzenfunktionäre blieben trotzdem in der Politik, wie Offenberg feststellt. „Joscha Schmierer fand später eine Stelle im Planungsstab des Auswärtigen Amtes unter Außenminister Joschka Fischer. Auch Reinhard Bütikofer, Ralf Fücks und andere ehemalige KHG- und KBW-Genossen konvertierten zu den Grünen und fanden Posten als Abgeordnete oder in Stiftungen.“ Andere bezahlten für ihre politischen Jugendsünden einen hohen Preis, weiß Volker von Offenberg: „Im Referendariat gab es keine Probleme für mich, trotz des Radikalenerlasses. Das traf für viele andere leider nicht zu. Da wurden in Baden-Württemberg Lebenswege zerstört. Dass es dafür keine Entschädigung gab, ist traurig.“

Volker von Offenberg ist Lehrer für Geschichte und Deutsch geworden. Zuletzt unterrichtete er am Karl-Friedrich-Gymnasium in Mannheim. Dort hat er gerade sein Buch vorgestellt – auch mit großer Resonanz. Wussten seine Schüler eigentlich, was ihr Lehrer in jungen Jahren so alles getrieben hat? „Nein, das ist weit weg und für heutige Schüler schwer zu vermitteln“, sagt er. „Aber mit den Kollegiaten vom Abendgymnasium, die ja alle schon erwachsen waren, gab es tolle Erlebnisse und Diskussionen. Ich wurde gefragt, zu welcher Fraktion ich damals gehörte. Auf meine Antwort – zu den Spontis – kam die Reaktion: Das hatten wir uns schon gedacht.“

Buch: Volker von Offenberg: „Wege zum Paradies. Utopisches Denken und radikales Handeln in der Heidelberger Revolte 1968 bis 1978“, erschienen im Draupadi Verlag Heidelberg, 350 Seiten, 28 Euro.