Im Soma-Rausch: eine Foto: Julian Marbach - Julian Marbach

Philipp Rosendahl hat den dystopischen Roman „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley sehr frei in der Spielstätte Nord des Stuttgarter Staatsschauspiels inszeniert.

StuttgartSchräg ist die schöne neue Welt und auf Hochglanz poliert: Eine aufgebockte Scheibe dreht sich in der Spielstätte Nord des Stuttgarter Staatsschauspiels, umtanzt von Scheinwerfern und mit fenstergroßer Bodenöffnung versehen. Ihr entsteigt zum mehrspurigen Elektrosound wie ferngesteuert ein abgespactes Partyvolk und formiert sich zum Eingangschor, ästhetisch angesiedelt irgendwo zwischen japanischem Manga-Stil und pastelltoniger Wellnesswelt.

Recht frei nach der 2014 von Robert Koall erstellten Bühnenfassung von Aldous Huxleys 1932 erschienenem Roman „Brave new world“ inszeniert der sonst in Kassel als Leiter des Jungen Staatstheaters und Hausregisseur tätige Philipp Rosendahl erstmals fürs Stuttgarter Staatsschauspiel. Huxleys Roman gehört in die Reihe der großen Dystopien des 20. Jahrhunderts. Von denen war in dieser Spielzeit schon „Fahrenheit 451“ nach dem Roman von Ray Bradbury zu sehen, Ende Mai wird sich dann Intendant Armin Petras als Regisseur mit George Orwells „1984“ von Stuttgart verabschieden. Rosendahl fordert seine acht Protagonisten, allesamt Studierende der Stuttgarter Schauspielhochschule, richtig heraus: Er lässt sie singen, springen, rasen, zittern, tanzen, im Chor und solistisch agieren – immer im Kreis herum, auf und unter der schief gestellten Scheibe, die um sich selbst kreist. Mit infantilen Grinsegesichtern, intersexueller Anmutung und nahezu unfähig für Äußerungen mit Sinn und Verstand verkörpern sie die zwangsoptimierte Gesellschaft von morgen und zeigen dabei eine bestechend reife Leistung.

Wenn Lua Mariell Barros Heckmanns in der Rolle des Wissenschaftlers Helmholtz Watson mit Eiern im Samthöschen und Sixpack-Attrappe unter der Brust (Kostüme: Brigitte Schima) ins Grübeln kommt und dabei reflexartig den starken Maxe mimt, oder wenn Thorsten Rodenberg als Bernard Marx das Wort Mutter nicht über die Lippen kommen will, wird die Sollbruchstelle eines Konzepts deutlich, das zugunsten von Kollektivität, Identität und Stabilität jede persönliche Erfahrung verhindert.

Die Folgen macht Rosendahls Inszenierung deutlich. Die mit der Droge Soma zugedröhnten Wesen sind zwar gut drauf, doch ihr Alltag ist ohne Reiz. Die Gefahr, dass dieses gleichförmige Einerlei die Inszenierung bedroht, ist da und wird nicht ganz gebannt. Ohne Empathie haben die Figuren keinen Zugang zu ihren sedierten Seelen noch können sie die Reaktionen und Wünsche der Menschen verstehen, die im abgekoppelten Naturreservat ihr Dasein fristen, bedroht von Krankheit, Einsamkeit und Gefühl. Im Nord wird diese schlechte alte Welt quasi aus dem Off in Form eines mit Ikea-Möbeln bestückten Eckzimmers hereingefahren. Hier leben John und seine Mutter Linda bei laufender Glotze, die Neuigkeiten von Papst Franziskus sendet. Durch ihre unerlaubte Schwangerschaft verstoßen, reut Linda nichts so sehr wie ein Leben geschenkt zu haben.

Von Arwen Schünke atemraubend grotesk gespielt, ist Linda die einzige Figur mit einem veritablen Konflikt. Während die Zweifler Bernard und Helmholtz nur eine vage Sehnsucht nach einer spannungsreicheren Existenz haben und der literarisch bewanderte John Shakespeares Dramen so verinnerlicht hat, dass er der kunstbefreiten Kunstwelt ohnehin nichts abzugewinnen weiß, zerreißt es die unfreiwillige Außenseiterin vor Verzweiflung.

Spätestens hier wird offenbar: Das Drama gehört dazu, darf weder aus dem Leben noch von der Bühne verschwinden. Rosendahl aber ordnete das Personal seines Stücks so konsequent der neuen und alten Welt zu, dass der Dialog, der Streit, das Ringen um die beste aller Existenzformen zwischen den gespaltenen Lagern unterbleibt. Das führt unweigerlich zum Stillstand. Ob kalkuliert oder nicht: Es passt, dass die zunehmend schwarz beschattete und an Dynamik zunehmende Karussellfahrt dann doch ins Stocken gerät und einem fast schulmeisterlich anmutenden Monolog über das Recht auf Unglück Platz macht. Dennoch: Eine sehenswerte Inszenierung mit einem Darstellerkollektiv, das Lust auf künftige Theatererlebnisse macht.

Die nächsten Vorstellungen: 12. April, 5. und 13. Mai, 7. und 22. Juni.

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