Namika sing von Identitätssuche und großen Emotionen. Foto: Robert Bajela - Robert Bajela

Ihr luftig-leichter Stilmix, der scheinbar mühelos daherkommt, steht zugleich für Emotion und Tiefgang: Die Sängerin Namika verschmelzt im Stuttgarter LKA-Longhorn.

StuttgartMit „Je ne parle pas français“ landete Namika den letztjährigen Sommerhit. Bereits drei Jahre zuvor war die Frankfurterin mit marokkanischen Wurzeln verantwortlich für einen der Sommerhits: „Lieblingsmensch“ hieß der Ohrwurm von ihrem 2015 erschienenen Debütalbum „Nador“. Namika („Die Schreibende“) ist also mehr als ein One-Hit-Wonder. Nahezu ausverkauft ist denn auch ihr Konzert im Stuttgarter LKA Longhorn.

Namika, die gebürtig Hanan Hamdi heißt, ist durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre künstlerisch gereift. Und trotzdem wirkt die mittlerweile 28-Jährige noch immer wie ein Shootingstar: sympathisch, aber fast noch schüchtern, geradezu verletzlich. Im Zentrum ihres Konzerts steht ihr zweites Album „Que Walou“ (2018), eine Redewendung eines Berber-Dialekts aus Zentralmarokko. Je nach Kontext kann es „wie nichts“ oder „für nichts“ bedeuten. Eine treffliche Beschreibung für ihren luftig-leichten Stilmix, der scheinbar mühelos daherkommt.

Inhaltlich aber beweist Namika berührenden Tiefgang. Lässig in blauen Jeans und braunem T-Shirt singt sie von Identitätssuche sowie großen Emotionen und schreckt nicht davor zurück, den 1500 Fans, in der Mehrzahl junge Heranwachsende, ihr Herz auszuschütten. Im sehr persönlichen „Ahmed“ etwa erzählt sie schonungslos von ihrem marokkanischen Vater, den sie nie kennenlernte. Im Titelsong-Rap „Que Walou“ handelt sie ihre Lebensgeschichte und ihren Antrieb für die Musik ab, spinnt darüber hinaus sogar ihre Zukunft als ältere Frau weiter. Eine orientalische Note macht sich hier wie in anderen Songs breit. Die Hookline singt sie sogar auf Arabisch.

Strahlender Hip-Hop-Soul

Es ist schwer, die Sängerin in eine Schublade zu stecken. Hier tiefgründige Texte vom Verliebtsein oder der Heimat, dort ein stimmungsvoller Mix, in dem die Grenzen zwischen nordafrikanischer Tanzmusik, Pop, Rap, Reggae, Soul und Hip-Hop verschwimmen. Namikas Liebe ist der Hip-Hop, von Anfang an ihre wesentliche Inspirationsquelle. Dass sie rappen kann, beweist sie auch bei „Wenn sie kommen“, wo sie sich anhört wie die junge Sabrina Setlur. Das Uptempo-Stück ist der druckvollste Song des Abends. Der Rest sind sommerlich-leichte Lieder, mal zart, mal anregend. Mit eindrucksvoller Vielseitigkeit und Nachdenklichkeit wartet Namika dabei auf. Afrikanisch-wuchtige Trommelschläge, die den täglichen Wirrwarr im Kopf symbolisieren, starten „Dschungel im Kopf“ und das Konzert. Nahtlos lädt der Partytrack „Zirkus“ die Fans zum Mitklatschen ein. Namika selbst überzeugt mit schöner Stimme: mal leise, mal stark. Mit dem leicht funkigen „Gut so“ und „90s Kids“ zeigt sie, dass sie dem derzeit üblichen Deutsch-Betroffenheits-Pop diametral entgegengesetzt ist.

Mitten im Set spielt sie mit ihrer hervorragenden Vier-Mann-Band sowie der Backgroundsängerin Denise Modjallal ein Akustik-Set vorne am Bühnenrand. Für eine Viertelstunde stellt Namika wie in dem Stück „Stoptaste“ einfach den Lärm ab, bricht die Songs „Programm“, das lässige „Coole Katze“ und „Parkbank“ auf das Wesentliche herunter und lässt den Hip-Hop-Soul umso mehr strahlen, auch dank eines zurückgenommenen, fein austarierten Klangbildes.

Auf „Lieblingsmensch“ müssen die Fans fast bis zum Schluss warten, das dann aber umso heftiger in heiter-ausgelassener Stimmung gefeiert wird. Der sich anschließende Ohrwurm „Je ne parle pas français“ handelt von Begegnungen: Mensch ist gleich Mensch und Musik eine universelle Sprache. Dramaturgisch geschickt stellt sie den Song nach 90 kurzweiligen Minuten noch einmal ans Ende der Zugaben – in einer aufgepimpten Remix-Version. Man darf Namika enormes Talent bescheinigen. Que Walou – was im Arabischen auch bedeutet: trotzdem stark.

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