Silas Wamangituka (VfB Stuttgart) beim Spiel gegen den FC St. Pauli. Foto: dpa/Christian Charisius - dpa/Christian Charisius

Die Stuttgarter werden auf St. Pauli gleich zweimal geschockt. Einmal durch die schlimme Verletzung von Kapitän Kempf und dann durch den spielerischen Rückfall in alte Zeiten.

StuttgartAm Tag nach dem durchaus ernüchternden 1:1 beim FC St. Pauli, das zudem noch die schlimme Verletzung von Marc Oliver Kempf mit sich gebracht hatte, war immerhin Sven Mislintat schon wieder zum Lachen zumute. Angesprochen auf seinen Spruch über die schwierigen Platzverhältnisse im Stadion am Millerntor („Gras gab es hier nur auf der Tribüne“), meinte der Sportdirektor des VfB Stuttgart grinsend: „Eigentlich wollte ich den nur bei einem Sieg bringen. Aber wir wollten zeigen, dass wir auch kreativ sein können.“ Auf dem tatsächlich ordentlich malträtierten Rasen war das dem Team von Trainer Pellegrino Matarazzo eher selten gelungen.

Der VfB tat sich schwer, erspielte sich kaum Chancen, geriet in der 56. Minute in Rückstand, wurde erst dann zielstrebiger und rettete gerade so noch einen Punkt. Die Chance, an Spitzenreiter Arminia Bielefeld (0:0 gegen Erzgebirge Aue) heranzurücken, blieb ungenutzt – und nach dem zweiten Spiel unter Matarazzo ist klar: Wer nach dem souveränen 3:0 gegen den 1. FC Heidenheim gedacht hatte, diese Stuttgarter Mannschaft mit ihren gegenüber der Zweitligakonkurrenz überdurchschnittlichen individuellen Qualitäten sei nun endlich ins Rollen gekommen, muss sich auch weiterhin in Geduld üben. Und mit der Erkenntnis klarkommen: Die Sache mit der sofortigen Rückkehr ins Oberhaus wird bis zum Saisonende eine ganz enge Kiste bleiben.

VfB braucht Zeit, die er nicht hat

„Wir sind schon weiter, als ich gedacht habe“, meinte Matarazzo, der Anfang Januar den Trainerjob beim VfB übernommen hat, nach dem Spiel gegen die Heidenheimer. Gemessen daran wirkte der Auftritt auf St. Pauli wie ein Rückschritt – von dem die Protagonisten aber nichts wissen wollten. „Unterm Strich“, sagte Matarazzo, sei er mit dem Unentschieden „nicht unzufrieden“. Mario Gomez, der Torschütze zum 1:1 erklärte: „In der Hinrunde hätten wir so ein Spiel noch verloren.“ Und der Stürmer ergänzte: „Man sollte nicht glauben, dass mit dem neuen Trainer alles von alleine läuft.“ Die Umstellung braucht Zeit – die der VfB eigentlich nicht hat.

Vier Spiele in elf Tagen lassen derzeit nicht viele Feinabstimmungen im Training zu, auch die Belastungssteuerung muss (wie am Samstag bei Daniel Didavi) berücksichtig werden. Dennoch verwunderte es viele Beobachter, dass Matarazzo seine Mannschaft gegenüber dem Sieg am Mittwoch auf gleich vier Positionen verändert hatte – wo sie sich doch einspielen soll. „Es ist normal, dass sich die Mannschaft noch finden muss, wir haben ein halbes Jahr lang ein anderes System gespielt“, sagte etwa der Torhüter Gregor Kobel.

In Hamburg fehlte dem VfB lange genau das Element, das Pellegrino Matarazzo implantieren soll – und von dem man im ersten Pflichtspiel unter seiner Regie auch schon einiges gesehen hatte: das vertikale Spiel mit hohem Tempo. „Nicht quer, nicht wieder aus dem Druck raus“, wie es Sven Mislintat beschreibt. Doch die Probleme der Hinrunde sind längst nicht gänzlich getilgt, das Zaudern steckt noch in der Mannschaft. Zu beobachten ist es vor allem bei verunsicherten Offensivkräften wie Philipp Klement, der Eins-gegen-eins-Situationen derzeit scheut wie ein Vampir das Sonnenlicht. „Wir hätten eine bessere Mischung aus Risiko und Sicherheit finden können“, sagte Kobel, und er war mit dieser Meinung nicht allein.

In der Defensive stabiler

„Das wurde alles bereits besprochen“, sagte Sven Mislintat und versicherte, er sehe die Handschrift des neuen Coaches. Mehr Struktur sei im Spiel, die Basiskomponenten würden abgerufen, defensiv scheint das Team stabiler – ohne ein deutlich zielstrebigeres Handeln (wie am Ende der Partie in Hamburg) purzeln die Punkte allerdings nicht aufs VfB-Konto. „Wir sind in einem Prozess und noch lange nicht aufgestiegen“, mahnte Mario Gomez einerseits Geduld an, andererseits auch eine zügige Weiterentwicklung. Denn das Kontingent an verkraftbaren Niederlagen hat der VfB ja bereits in der Hinrunde nahezu aufgebraucht. Vom Stand des Fortschritts können sich die Fans der Stuttgarter schon am Mittwoch (18.30 Uhr) ein weiteres Bild machen.

Bevor es in der Liga am Samstag (13 Uhr) gegen Erzgebirge Aue geht, kämpft der VfB bei Bayer Leverkusen um den Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals. Mal nicht in der Favoritenrolle zwar, dafür gegen „offensiv eine der besten Mannschaften der Bundesliga“ (Mislintat). „Wir haben nichts zu verlieren“, sagte der Sportdirektor, „es wird eine Herausforderung, aber wir fahren nicht hin um uns zu ergeben.“ Der VfB will gewinnen – und diesmal nicht nur den Preis für den besten Spruch des Tages.

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