Mit innovativer Videokunst und Malerei tritt Anja Franz der Resignation entgegen. Die Kunstpädagogin setzt mit ihrer Kunst positive Akzente. Zugleich regt sie die Betrachter zum Umdenken an.
Neuhausen - Als DJane hat sich Anja Franz in der Frankfurter Szene einen Namen gemacht. Als Interstella war die Künstlerin und Lehrerin jahrelang in angesagten Clubs unterwegs. Ihre Leidenschaft für Technomusik lebt die Malerin und Videokünstlerin weiterhin aus. „Splitter“ heißt eine ihrer faszinierenden Arbeiten, die auf ihrer Homepage zu entdecken sind. Im Sog der elektronischen Klänge bewegen sich die Körper von Tänzern im Raum. Sensibel tastet sich die Künstlerin und Kamerafrau an die Bewegungsmuster heran. Mit ihrer ungewöhnlichen Kameratechnik lässt sie die Glieder zu Ornamenten zerfließen. Dieser Rausch lässt auch die Betrachter nicht mehr los.
Durch die Clubs zieht die Künstlerin heute nicht mehr. Ihre künstlerische Arbeit ist ihr wichtiger denn je. Dass sie als fest angestellte Lehrerin an der Wernauer Realschule tätig ist, sieht Anja Franz gerade jetzt in Zeiten der Coronapandemie als ein großes Plus. Anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen habe sie ein festes Einkommen. Dennoch fehlt der Künstlerin der Austausch. Sie ist bestens in der Kunstszene vernetzt, engagiert sich auch im Kunstverein Neuhausen (KVN). Auf Vernissagen oder in Workshops bekomme sie wichtige Impulse, findet die Künstlerin, die heute in Neuhausen lebt. Da wirkte sie mit bei der Jubiläumsausstellung „Just paint it!“, die im Herbst 2020 verspätet in den Räumen des KVN stattfand.
„Der Mangel an Ausstellungsmöglichkeiten und an Kontakt zu den Menschen macht Vielen sehr zu schaffen“, sagt die Künstlerin. „Viele Kunstschaffende, aber auch Kunst- und Kulturinteressierte leiden darunter, dass sie sich nur wenig austauschen können und wenig Input bekommen.“ Deshalb freut sich die experimentierfreudige Malerin, dass der Kunstverein Neuhausen auf seiner Homepage mit dem „Schwarzmarkt“ kleine Kunstwerke und Artefakte auf der Homepage präsentiert und zum Kauf anbietet.
Dort gibt es auch von Anja Franz Fotoprints und Videostills zu kaufen. Die Künstlerin fand es spannend, das ungewöhnliche Projekt mit ihren Kolleginnen und Kollegen zu realisieren: „Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, dass die Kunst sichtbar bleibt.“ Dafür setzt sich die Künstlerin, die auch sehr gut zuhören kann, auf vielen Ebenen ein.
Denn neben ihrem eigenen künstlerischen Schaffen war es der reflektierten Malerin immer wichtig, Kunst und Kultur zu vermitteln. Deshalb hat sie sich für das Studium der Kunstpädagogik entschieden, das sie an der Goethe-Universität in Frankfurt mit dem 1. Staatsexamen abschloss. Der Kunstunterricht mit den Realschülern mache ihr große Freude, obwohl sie derzeit meist online unterrichten müsse: „Da holen wir vor allem bei der Kunsttheorie und -geschichte Stoff auf.“ Da nicht alle ihrer Schülerinnen und Schüler die entsprechenden Farben, Pinsel oder sonstige Materialien daheim hätten, sei es schwer, da in die Praxis zu gehen. Schon jetzt freut sich Anja Franz, die schon im Gespräch vor Kreativität sprüht, auf die Zeit, wenn sie die Jungen und Mädchen wieder bei ihrer kreativen Entwicklung unterstützen darf. Die Liebe zur Kunst schon bei Kindern zu wecken, das reizt die Pädagogin aus Leidenschaft eigenem Bekunden nach. Vom allgemeinen Pessimismus, der sich in der Gesellschaft breit mache, wolle sie sich nicht anstecken lassen.
Gerade in diesen düsteren Zeiten setzt Franz mit ihrer Malerei farbige Akzente. „Dancing Queen“ aus dem Jahr 2014 ist eines der farbenfrohen Ölgemälde, mit denen die 52-Jährige das Lebensgefühl nicht nur ihrer eigenen Generation zum Ausdruck bringt. Auch in ihrer Malerei arbeitet Franz mit filmischen Techniken. „Freischwimmer“, entstanden im April 2015, zeigt Anja Franz’ Spiel mit den Gattungen Malerei und Kameratechnik besonders stark. Vor blauem Hintergrund schwimmt eine Frau in die Freiheit.
Mit ihrer grenzüberschreitenden Kunst drückt die Malerin starke Gefühle aus. Das zeigt sich besonders in ihrer Videokunst. Wenn die 52-Jährige hinter der Kamera steht, ist sie voll konzentriert. Jedes kleinste Detail fängt sie ein. Vor allem aber erfasst die ehemalige DJane den Rhythmus der Bewegungen. Lustvoll kombiniert sie Klänge und Bildende Kunst.
„Ich sorge mich sehr über die Folgen der Coronakrise für unsere Gesellschaft“, sagt die Künstlerin, die auf den ersten Blick sehr ruhig und nachdenklich wirkt. Als Lehrerin steht die Künstlerin mitten im Leben. Und die aktuelle Entwicklung beunruhige sie sehr: „Ich bin in großer Sorge, was die Pandemie mit uns macht und welcher Keil in unserer Gesellschaft entsteht und entstanden ist.“
Diese Entwicklung wolle sie bremsen. Gegen die Risse in der Gesellschaft setzt sie sich jedoch nicht nur mit künstlerischen Mitteln zur Wehr. Seit einigen Jahren hält sie auch auch Vorträge für Lehrkräfte und Sozialarbeiter zu Themen wie Hatespeech und Extremismus. Ihre Kunst auch im gesellschaftlichen Kontext zu verorten, ist ihr großes Anliegen. Ein Umdenken muss aus ihrer Sicht schon bei der jungen Generation beginnen – dafür setzt sie sich jeden Tag aufs Neue ein.
Im „Schwarzmarkt“ kann man auf der Homepage des Kunstvereins Neuhausen stöbern: https://kvnneuhausen.com
https://anjafranz.de