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Sie hat sich mehr als 15 Kilometer weit durch den Fels gefräst und bei einem zentralen Abschnitt von Stuttgart 21 geholfen. Jetzt hat die Tunnelbohrmaschine «Suse» ausgedient.

Stuttgart (dpa/lsw)Das Kernstück haben sie ihr schon genommen: Das Schneidrad, groß wie ein Einfamilienhaus, mit dem sich die Tunnelbohrmaschine «Suse» durch die Hügel südlich von Stuttgart gegraben hat, ist bereits abmontiert. Denn die Arbeit des rund 120 Meter langen Kolosses ist erledigt. «Suse» hat große Teile des Fildertunnels gegraben, der den Stuttgarter Hauptbahnhof mit dem Flughafen und der Neubaustrecke in Richtung Ulm verbinden soll – ein zentraler Bauabschnitt des Mega-Bahn-Projekts Stuttgart 21. Jetzt wird sie in ihre Einzelteile zerlegt.

«Man ist schon ein bisschen wehmütig, wenn jetzt Stück für Stück die ganze Maschine abgebaut und einfach nach draußen gebracht wird», sagt Ralf Zuchtriegel, Schichtingenieur bei der Arbeit mit «Suse». Die steht derzeit ungefähr einen Kilometer Luftlinie südwestlich vom Stuttgarter Fernsehturm – allerdings fast so weit unter der Erde, wie der Turm hoch ist: in knapp 200 Metern Tiefe. Hier unten in der kreisrunden Röhre ist es halbdunkel, ein metallischer Geruch liegt in der Luft, ab und zu flackern die Schweißgeräte der Mineure auf, die die Riesen-Maschine zerlegen. Und es ist warm, gut über 20 Grad. «Es ist das ganze Jahr T-Shirt-Wetter», sagt Thomas Berner, Teamleiter der Deutschen Bahn für den Fildertunnel.

Die Tunnelbohrmaschine könne man sich ein wenig «wie eine Coladose» vorstellen, erklärt Berner. Vorne, an der Stirnseite der «Dose», war das kreisrunde Schneidrad montiert, das mit 65 Meißeln bestückt war und sich im Betrieb langsam drehte, mit zwei bis drei Umdrehungen pro Minute. Die Maschine «stemmte» sich nach hinten ab und drückte das Schneidrad mit massiver Kraft – mit 2000 bis 3000 Tonnen – gegen den Fels. Dahinter arbeiteten die Mineure, rundum geschützt von einer kreisrunden Stahlhülle: der «Dose». Alle paar Meter verlegten sie einen neuen Kranz «Tübbinge», also Betonringe, die die Außenwand des Tunnels bilden.

«Suse» war wie eine fahrende Fabrik: vorne fräste sie sich durchs Gestein, in der Mitte wurde gearbeitet, hinten kam ein Tunnel im Rohbau heraus. Die Betonwände, die «Suse» hinterließ, sind die, die in einigen Jahren einmal Bahnpassagiere vom Fenster aus sehen werden.

20 bis 25 Meter sei «Suse» so pro Tag ungefähr vorangekommen, sagt Matthias Türtscher, der Bauleiter der ARGE Atcost21, die mit dem Tunnelbau beauftragt ist. Mehr als 15 Kilometer weit habe sie seit November 2014 gegraben, nämlich weite Teile der beiden rund 9,5 Kilometer langen Röhren. Auf einem unter dem Stuttgarter Stadtteil Degerloch gelegenen, etwa einem Kilometer langen Teilstück sprengten sich die Tunnelbauer den Weg durch den Berg frei.

Für die Mineure heißt es jetzt langsam Abschied nehmen von der Tunnelbohrmaschine, mit der sie fast fünf Jahre lang gearbeitet haben. Zehn Stunden lang hätten die Arbeiter pro Schicht ohne Sonnenlicht verbracht, sagt Zuchtriegel. Und das wie «auf Montage», also zehn Tage am Stück. «Diese Jungs sehen ihre Kameraden hier auf der Maschine mehr als ihre Familie. Und das schweißt dann doch zusammen», sagt Zuchtriegel. «Da ist es vollkommen egal, ob Österreicher, Deutscher, aus der Türkei oder Polen. Es ist egal, woher man kommt. Man wird hier aufgenommen und es ist einfach ein Team. Und das ist das Schöne.»

Ein paar Wochen verbringen die Arbeiter noch zusammen mit «Suse». Bis Ende November soll sie fertig abgebaut sein. Vielleicht werden die Mineure aber bei einem künftigen Projekt einmal zumindest mit einzelnen Stücken von «Suse» arbeiten. Denn während Teile wie die Stahlhülle – also die «Dose» – oder Kabel verschrottet werden, nimmt der Hersteller Herrenknecht Herzstücke von «Suse» wie Antrieb, Hydraulik oder Elektroteile zurück.

Bei dem in Lahr ansässigen Unternehmen werden die Teile dann geprüft und aufbereitet, sie können dann bei künftigen Tunnelbohrmaschinen verwendet werden, wie eine Sprecherin des Unternehmens mitteilte. Das sogenannte Remanufacturing sei der Königsweg, den Wert dieser Komponenten zu bewahren. Geprüft und aufbereitet seien sie neuen Teilen gleichwertig. Das Vorgehen schone die Ressourcen, den CO2-Ausstoß und damit die Umweltbilanz eines Projektes. Ein direktes Folgeprojekt für «Suse» sei derzeit aber nicht vorgesehen.

«Suse» steht für «Stuttgart-Ulm schnell erreicht» – laut Bahn verkürzt sich durch «Stuttgart 21» die Fahrtzeit von Stuttgart nach Ulm auf 31 statt 56 Minuten. Der Flughafen könne vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus in 8 statt 27 Minuten erreicht werden. Dass man den Bohr-Giganten Namen gibt, sei nicht ungewöhnlich, sagt Thomas Berner. Doch zumindest bei den Mineuren um Ralf Zuchtriegel hat sich «Suse» nicht durchgesetzt. «Da ist es einfach: "Die Maschine"», sagt Zuchtriegel.

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