Foto: Landesmedienzentrum - Landesmedienzentrum

Von der fränkisch-alemannischen Zeit bis heute: Die VHS-Projektgruppe „Geschichte vor Ort“ aus Ostfildern hat die Geschichte der Landwirtschaft auf den östlichen Fildern untersucht.

OstfildernDas Stadtarchiv Ostfildern hat den zwölften Band seiner Schriftenreihe der Geschichte der Landwirtschaft auf den östlichen Fildern gewidmet. Unter der Federführung des Autors Ulrich Posselt versammelt das Buch die Erkenntnisse der VHS-Projektgruppe „Geschichte vor Ort“ und beleuchtet die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion und den Wandel der Lebensbedingungen in den Filderdörfern von der Frühzeit der Besiedlung bis zur Gegenwart.

„Die Landwirtschaft war über viele Jahrhunderte dominierend und prägte das Leben der Menschen auf den Fildern bis zur Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts und blieb bis in die jüngere Vergangenheit wichtig. Viele Fabrikarbeiter betrieben bis in die 70er-Jahre noch eine Nebenerwerbslandwirtschaft“, sagte Ostfilderns Stadtarchivar Jochen Bender bei der Vorstellung der aktuellen Veröffentlichung des Stadtarchivs.

Der soeben erschienene zwölfte Band der Schriftenreihe befasst sich mit der Geschichte der Landwirtschaft in den Filderdörfern Kemnat, Nellingen, Ruit und Scharnhausen und versammelt die Erkenntnisse, die die Ostfilderner VHS-Projektgruppe „Geschichte vor Ort“ in den vergangenen vier Jahren zusammengetragen hat. Zeitzeugenberichte und eine umfangreiche Illustration mit historischen Aufnahmen veranschaulichen die mühevolle Arbeit auf dem Feld, die noch nach dem Zweiten Weltkrieg oftmals von Hand erledigt werden musste.

Der promovierte Agraringenieur und frühere Leiter der Versuchsstation für Pflanzenzüchtung der Universität Hohenheim, Ulrich Posselt, der in Nellingen lebt, hat als Autor des Buchs die Arbeitsergebnisse der Gruppe zu einem übersichtlichen Kompendium zusammengestellt und mit eigenen Studien- und Forschungsergebnissen erweitert. „Lange war das Wissen in diversen Heimatbüchern und Einzelveröffentlichungen verstreut. Nun ist eine schöne Monografie und somit ein Nachschlagewerk und Lesebuch zugleich entstanden“, würdigte Bender den Band.

Wie Ulrich Posselt erläuterte, hätte es sich angeboten, die Darstellung der Entwicklung der Landwirtschaft mit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu beginnen. „Zu der Zeit liegen die ersten Oberamtsbeschreibungen für die vier Orte vor, und damit auch statistisches Material und verlässliche Angaben zu Flächen und zur Anzahl der Tiere“, sagte er. Doch Landwirtschaftsgeschichte bedeute auch Siedlungsgeschichte, und so spannt sich der Bogen der Betrachtung von Landbesitz, Tierhaltung und Bodenbearbeitung im Kontext der politischen Verhältnisse von der Zeit der fränkisch-alemannischen Besetzung der Filderregion etwa ab der Mitte des 4. Jahrhunderts über die Einführung der Dreifelderwirtschaft im 9. Jahrhundert, den Bauernkrieg und die folgende, Jahrhunderte andauernde gesellschaftliche Stagnation für die Landbevölkerung bis zu den oft verheerenden Armutsfolgen der Realteilung und zur Abschaffung der Leibeigenschaft im 19. Jahrhundert.

Dieser politische Umbruch in der Folge der Hungerjahre 1816/1817 führte zur Einführung neuer landwirtschaftlicher Geräte und Produktionsmethoden. So ist ein umfangreiches Kapitel dem Beginn der Neuzeit und den Veränderungen durch die Industrialisierung gewidmet. Mit ihr entwickelte sich auch die Bedeutung der Nebenerwerbslandwirtschaft als „Sozialversicherung und Altersversorgung“, die Industriearbeitern eine relative Autarkie ermöglichte, wie Stadtarchivar Jochen Bender beschrieb.

Die Darstellung der rasanten Entwicklungen im 20. Jahrhundert mit einer zunehmenden Mechanisierung aller landwirtschaftlicher Produktionszweige, Flurbereinigungen, Flächenkonzentration und Aussiedlungen rundet das Bild der Landwirtschaftsgeschichte auf den Fildern ab. „Wir schlagen also einen Bogen vom Anspannen der Kühe bis zum Großschlepper und vom Getreideschnitter bis zum Mähdrescher“, erklärte Posselt. Und trotz aller Veränderungen der Filderlandschaft durch die Aufsiedlung in der Moderne sieht er für die Landwirtschaft noch Zukunftschancen. Bei einigen ab den 1960er-Jahren ausgesiedelten landwirtschaftlichen Betrieben übernehme nun die dritte Generation das Ruder. „Sie werden das nächste Kapitel der Geschichte der Landwirtschaft in Ostfildern schreiben.“

Ulrich Posselt, Geschichte der Landwirtschaft auf den östlichen Fildern, Schriftenreihe des Stadtarchivs Ostfildern Bd. 12, Ostfildern 2019, ISSN 0944-9965; 134 Seiten, ist für 15,80 Euro erhältlich im Ostfilderner Buch- und Schreibwarenhandel sowie im Stadtarchiv

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: