Quelle: Unbekannt

Wenn eine Ausstellung wie Alex Hanimanns „Same but different“ am Sonntag in der Esslinger Galerie Villa Merkel eröffnet wird, werden die Arbeiten mit viel Gespür präsentiert. Das dahinter eine ausgeklügelte Konzeption steht, ahnen nur die wenigsten.

EsslingenIm Foyer überragt ein monströses Gerüst den beeindruckenden Mosaik-Fußboden, nebenan wird mit schwerem Gerät gearbeitet, Holzleisten in allen Längen lehnen an der Wand, Farbtöpfe und Gipseimer stehen auf dem abgeklebten Parkettboden neben Leitern und Werkzeugkisten parat. Wo sonst museale Andacht herrscht, lärmen derzeit kreischende Sägen und dröhnende Hammerschläge: Wenn in der Villa Merkel eine neue Ausstellung aufgebaut wird, herrscht in der Städtischen Galerie der Ausnahmezustand. Gerade mal zwei Wochen liegen zwischen dem Ende der alten und der Vernissage der neuen Schau, deshalb muss ein Rädchen ins andere greifen. Da werden die bereits präsentierten Kunstwerke von „Good Space“ abgebaut, verpackt, etikettiert, verladen und abtransportiert, da werden technische Installationen zurückgebaut, Befestigungen abmontiert, Löcher zugegipst, Wände gespachtelt und zwei eigens gefertigte Wandbilder im Treppenhaus weiß überstrichen. Parallel dazu liefert ein riesiger Lastwagen samt Anhänger bereits die neuen Arbeiten für die kommende Ausstellung „Same but different“ an: In riesigen mit „Fragile“-Aufklebern versehenen Kisten, dick in Luftpolsterfolie eingeschlagen und mit größter Sorgfalt verpackt, werden die Arbeiten von Alex Hanimann ausgeladen. Der Schweizer Künstler ist ein akribischer Planer: Jeder Karton, jedes Bild, jedes Objekt ist beschriftet und auf Plänen ist detailliert dokumentiert, was in den kommenden acht Wochen wo und wie in der Villa Merkel zu sehen sein wird.

Wurden früher in Museen in erster Linie gerahmte Bilder in Szene gesetzt, so ist heute Vielfalt angesagt: Zeichnungen, Drucke, Gemälde, Skulpturen und Objekte, Leuchtbildkästen, Video-Projektionen, Installationen, Federleichtes und Tonnenschweres, Winziges und Riesiges will professionell präsentiert sein. Alex Hanimanns großformatige Rasterbilder verlangen dem Aufbau- und Organisationsteam alles ab: Über ein eigens eingebautes Baugerüst werden die riesigen Bilder vorbei an den Säulen der Galerie mit Spanngurten von Hand zu Hand nach oben über das Geländer hinweg in den ersten Stock befördert. Mit vereinten Kräften packen auch Galerie-Leiter Andreas Baur und Alex Hanimann selbst bei dieser Aktion mit an.

Ein gutes Dutzend Studierende und Absolventen der Kunstakademie gehören zum Aufbauteam. Sie alle kennen die Villa Merkel aus dem Effeff: Wo darf in einem Kulturdenkmal gebohrt werden? Welche Wände halten wie viel Gewicht aus? Wie befördert man großformatige Leinwände durch das enge Treppenhaus? Wie verankert man Skulpturen in den Parkettböden? Wo lagert man voluminöse Transportkisten? Wo und wie bringt man Beschriftungen an? Stört die Tonspur eines Videofilms die konzentrierte Kunstbetrachtung im Nebenraum? Wie verdunkelt man die lichtdurchfluteten Räume, damit Projektionen gut zu sehen sind?

Für Elektrik und Elektronik holt sich das Team professionelle Unterstützung: „Die technologische Entwicklung ist enorm schnell, da können wir nicht mithalten. Und wenn ein temporärer Baustrom-Verteiler mit drei Kilometern Kabel für 6000 Quadratmeter Sonder-Ausstellungsfläche in den ehemaligen Lok-Hallen benötigt wird, dann muss das ein Fachmann machen“, betont Galerie-Chef Baur. Vieles andere bewerkstelligt das Team selbst: Für Videoräume werden zur Verdunklung eigens Lichtschleusen gebaut. Wände werden gestrichen. Vor dem Erker im Erdgeschoss wird ein Holzgerüst für eine Spiegelwand errichtet, in der sich Alex Hanimanns Figuren reflektieren sollen. Im Obergeschoss wird eine Halterung für eine überdimensionale Videoleinwand konstruiert.

„Der Aufbau ist die wildeste Zeit in der Villa“, konstatiert Anka Wenzel, die für die Organisation verantwortlich ist. Nicht nur, weil zur Vernissage alles fertig und präsentabel sein muss, sondern auch, weil die Anforderungen an die Mitarbeiter überaus vielfältig sind: Sie haben schon Goldprojektile in die Wände geschossen, ein Haus auf einem Teich montiert und eine 800 Kilogramm schwere Skulptur, die quer nicht durch die Eingangstür passte, aber auch nicht gekippt werden durfte, ins Haus gebracht. „Das geht nur mit sehr viel persönlichem Einsatz“, lobt Wenzel die Truppe, die auch scheinbar Unmögliches möglich macht. Auch wenn sich Galerie-Leiter Baur in solchen Situationen manchmal einen Museumsneubau mit Lastwagenzufahrt, Material-Aufzügen in jedes Stockwerk und großzügigen Lagerräumen herbeiträumt, liebt er diese handwerkliche Seite seines Jobs doch. Man sieht ihn – im Anzug – eine Wand spachteln, man hört ihn über Schattenfugen, Dübel und Trockenwände fachsimpeln, und man spürt, wie gespannt er auf die Anlieferung der neuen Kunstwerke ist: „Wenn so eine Transportkiste aufgeschraubt wird, ist das für mich jedes Mal wie Weihnachten.“

Dafür nimmt er auch in Kauf, dass nicht jeder Künstler „so erfahren, perfekt vorbereitet und brillant strukturiert“ ist wie Alex Hanimann: „Manch einer ist auch sehr chaotisch, dann wird das auf den letzten Metern schon stressig. Und es kann auch passieren, dass ein Künstler beim Aufbau total die Nerven verliert. Aber auch das kriegen wir gemeinsam hin“, weiß Baur. Und irgendwann hängen alle Bilder, sind alle Objekte platziert, sind Gips und Farbe getrocknet, werden die Abdeckplanen abgenommen, die Werkzeuge weggeräumt, und es wird ein letztes Mal geputzt, damit sich die Ausstellung bei der Eröffnung von ihrer besten Seite zeigt.

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