Linda Kyei aus Stuttgart. Foto: Franco Maria Jennewein

Die Sängerin Linda Kyei und der Schlagzeuger Andrew Andrews sprechen im Interview über ihr Projekt, die Musik und Tänze der bewegten Epoche dem Publikum nahe zu bringen.

Köngen/StuttgartDen Geist des Swing, der in den 1920er- und 30er-Jahren ein Massenpublikum begeisterte, lassen die Stuttgarter Sängerin und Geigerin Linda Kyei und Schlagzeuger Andrew Andrews mit ihrer Band lebendig werden. Am Freitag, 13. Dezember, spielt die Linda Kyei Swing Combo beim Jazzclub Schloss Köngen vor ausverkauftem Haus. Im Interview sprechen die Musiker über ihr Projekt, die Musik und Tänze der bewegten Epoche einem Publikum aller Generationen zu erschließen.

Bald beginnen die 2020er-Jahre – dann jährt sich der Beginn der Swing-Ära zum 100. Mal. Allerdings haftet der Musik ein Hauch von Nostalgie an. Wie kamen Sie denn darauf, sich mit der Linda Kyei Swing Combo diesem Stil zu widmen?

Linda Kyei: Ich bin über die Klassik zum Gospel und dann zum Jazz gekommen. Da ist das Thema Swing nicht mehr so weit weg. Die Idee entstand, als wir mal angefragt wurden, auf einer Swing-Tanz-Party zu spielen. Davor hatte ich viel im Bereich Popularmusik gemacht, hauptsächlich meine eigene Musik geschrieben und auch Jazz-Konzerte gegeben, vorwiegend war das moderner Jazz. Bei dieser Party zu spielen, war ein großer Kontrast zu all den Jazz-Konzerten, die ich bisher erlebt hatte. Faszinierend war, dass es da Leute gibt, die tanzen und feiern. Die Leute hatten Spaß, da ist der Funke übergesprungen. Das war ja auch früher das Wesen des Swing.

Wie eignet man sich denn so eine Epoche musikalisch an?
Linda Kyei: Wir haben versucht, uns in die Epoche reinzudenken. Daraus ergaben sich viele Fragen. Wie haben die Musiker das damals gemacht? Wie sind die Arrangements aufgebaut? Was haben die Leute getragen? Wie haben sie getanzt? Da hat uns unser Bandleader Andrew Andrews geführt und den Stil der Combo geprägt.

Andrew Andrews: Während meines Schlagzeug-Studiums an der Musikhochschule Stuttgart wurde eher moderner Jazz gelehrt und gespielt. Mit diesen jedoch teilweise schwer nachvollziehbaren Formaten lässt sich aber eben auch leider nur ein überschaubares Publikum erreichen. Erst durch die Beschäftigung mit dem Jazz der 1920er/30er Jahre wurde mir bewusst, welche Qualitäten diese frühe Popmusik hat. In den Anfangsjahren war der Jazz auf rudimentärer Harmonik aufgebaut. Erst später haben sich dann komplexe Stile entwickelt, die ein breites Publikum manchmal schwer nachvollziehen kann. Uns geht es um schmissige Arrangements, schöne Melodien und um gute Unterhaltung, zur der man auch tanzen kann. Wir stellen eine Ebene her, die alles verbindet.

Was reizt Sie denn künstlerisch an den Swing-Arrangements?
Andrew Andrews: Besonders fasziniert mich diese Lebensfreude, die die Musik ausstrahlt. Die Musiker wie auch ihr Publikum waren fröhlich und beschwingt, obwohl die Zeiten in den 20er- wie auch in den 30er-Jahren politisch und wirtschaftlich schwierig waren – in den USA wie auch in Europa. Da bot die Musik eine Rückzugsmöglichkeit. Die Menschen fühlten sich im Sound des Swing aufgehoben. Dieses ganz positive Grundgefühl erleben wir auch heute noch bei unseren Auftritten – gerade auch bei einem Publikum, das sitzend lauscht. Immer wieder beobachte ich da die Zuhörer und sehe, wie sie in die Musik eintauchen. Sie beginnen, innerlich zu tanzen. Das sehen wir in ihren Augen.

Stimmt denn das Vorurteil, dass Swing eher für Ältere ist?
Linda Kyei: Wenn man unsere Auftritte anschaut, ergibt sich ein anderes Bild. Das Schöne ist ja gerade, dass nicht nur die älteren Leute unsere Musik mögen. Auch die Jüngeren kommen beim Swing auf den Geschmack. Es gibt auch mittlerweile wieder viele Remixes der damaligen Musik, die die jungen Menschen kennen und somit wieder auf diese Musik stoßen. So verbindet unser Musikstil Generationen. Das macht richtig viel Spaß.

Der Swing lässt sich kaum vom Tanzen trennen. Sie geben dem Publikum bei vielen Ihrer Konzerte die Möglichkeit, Charleston und Lindy Hop zu tanzen. Wie bringen Sie die Zuhörerinnen und Zuhörer aller Generationen denn dazu, sich auf diese etwas aus der Mode gekommenen Tänze einzulassen?

Linda Kyei: Zu manchen Auftritten bringen wir einen Tanzlehrer mit, oder arbeiten wir auch mit Tanzschulen zusammen, die den Gästen die Schrittfolgen von Charleston und Lindy Hop vermitteln. Häufig in Form eines Schnupperkurses vor dem Konzert. Das Gelernte können die Leute dann gleich beim Konzert ausprobieren. Wir waren dieses Jahr auch mit „Swing Kultur Stuttgart“ beim internationalen „Colours“-Tanzfestival von Eric Gauthier auf dem Schlossplatz in Stuttgart dabei. Bei unserem Swing-Tanztee durfte jeder, der auf der Straße zuschaute, einfach mal die Tanzstile ausprobieren. Da waren viele langjährigen Tänzer dabei, die man aus der Szene kennt. Aber auch viele andere nutzten die Chance, haben das einfach mal ausprobiert. Das war eine wirklich schöne Aktion im Sommer.

Die Swing Combo bietet nicht nur Konzerte an, bei denen die Zuhörer sitzen und zuhören. Ihr legt auch Wert auf Tanz und Inszenierung. Wie vermittelt Ihr da den Geist der damaligen Zeit?
Andrew Andrews: Wir veranstalten unseren „Sophisticated Evening“. Das ist ein größeres Format, bei dem wir den Revuegedanken weiterentwickeln. Wechselnde Gäste begleiten uns. Da führt ein Conférencier durch den Abend – gemeinsam mit Linda, die Gastgeberin ist. Wichtig ist uns, stilgerecht gekleidet zu sein. Die Anzüge der Männer sind dieser Zeit nachempfunden; ebenso wie die Frauenkleider.

Schon Monate vor dem Jahreswechsel 2020 spürt man, dass die Themen der damaligen Epoche ins öffentliche Bewusstsein rücken. Euer Swing-Projekt gibt es schon viel länger. Was bedeutet denn das 100-Jährige für Euch als Band?

Andrew Andrews: Durch Filmprojekte wie „Babylon Berlin“ oder den Brecht-Film sind die 20er-Jahre beim Publikum wieder sehr viel mehr präsent. Für den letzteren hat übrigens Eric Gauthier die Choreographie gemacht. Die Leute setzen sich mit der Musik, der Mode und den Tanzstilen auseinander. Da wächst auch das Interesse an unseren Swing-Auftritten. Das Tolle am Swing ist, dass man die Musik zu jedem Anlass spielen kann. Nicht nur in Clubs, auch bei Hochzeiten und privaten Festen kommt das an. Wir wollen den Leuten Mut machen, sich auf die Musik der 20er- und der 30er-Jahre einzulassen. Pop und Rock gibt es ja schon genug. Linda Kyei: Wir haben vor, im nächsten Jahr noch mehr Auftritte zu spielen. Das ist für uns das perfekte Motto. Gerade jetzt ist Swing-Musik so „In“ wie nie. In Städten wie Berlin oder Amsterdam floriert die Szene da schon länger. Aber auch hier in Stuttgart ist die Bewegung angekommen. Natürlich muss auch nicht jeder, der Swing mag, tanzen lernen. Man kann einfach in einen Club kommen und die Musik inklusive der Prise Nostalgie genießen.

Das Interview führte Elisabeth Maier.

Biografisches und Termine

Linda Kyei wuchs in Reutlingen auf, ihr Vater stammt aus Ghana. Schon mit drei Jahren lernte sie das Blockflötenspiel, später Klavier und Violine. Bei Workshops mit Melva Houston entdeckte sie ihre Liebe zum Jazz, Gospel und Soul. Mit 15 Jahren fing sie an, Stücke am Klavier zu komponieren und leitete Gospelprojekte. 2008 startete Kyei ihr Bandprojekt Marvelous Vibrations und gab in ganz Deutschland Konzerte. Seit Anfang 2009 ist sie mit dem Gitarristen Antonio Cuadros De Béjar auf Tour.

Andrew Andrews ist Schlagzeuger und Musikproduzent. Der Bandleader der Linda Kyei Swing Combo hat an der Musikhochschule in Stuttgart studiert. Er spielt auch bei „The Hot Jazz Rewinders“. Dem Esslinger Publikum ist er als Theatermusiker bei der Erfolgsproduktion „Der Trafikant“ von Robert Seethaler an der Württembergischen Landesbühne Esslingen bekannt.

Nächste Termine: In der Jazzhall Stuttgart spielt die Linda Kyei Swing Combo am Freitag, 7. Februar 2020, 20 Uhr: www.jazzhall-stuttgart.de. Im Bix Stuttgart ist der nächste Auftritt am Samstag, 11. April 2020, 21 Uhr – „A Sophisticated Evening“: www. bix-stuttgart.de

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