Springt gern zwischen Ironie und Ernst: Christine Prayon. Foto: Elena Zaucke - Elena Zaucke

Seit mehr als 15 Jahren lebt Christine Prayon schon in Stuttgart. Von der Stadt wird sie aber eher ignoriert, obwohl sie doch S-21-Widerständlerin der ersten Stunde ist. Oder gerade deswegen?

StuttgartHeute wollte ich eigentlich gar nicht reden“, sagt Christine Prayon. „Ich wollte mich bedeckt halten. Damit macht man sich interessanter!“ Gesprochen hat die Kabarettistin, deren neues Programm „Abschiedstour“ an diesem Samstag im Stuttgarter Renitenztheater Premiere feiert, zum Glück aber doch. Christine Pra­yon? Na die aus der „heute-show“ im ZDF. Birte Schneider! Dass der Name ihrer Kunstfigur bekannter ist als ihr eigener, stört sie kein bisschen, kann Christine Prayon doch viel mehr als Birte Schneider.

Seit mehr als 15 Jahren lebt die Tochter eines Bundeswehrobersts in Stuttgart. Die Stadt scheint sich nicht groß um sie zu scheren, obwohl sie beispielsweise S-21-Widerständlerin der ersten Stunde ist. Schon vor zehn Jahren hat sie mit satirischen Reden an der Seite der Montagsdemonstranten vor all dem gewarnt, was heute sattsam bekannt ist: unzureichender Brandschutz, Kostenerhöhung auf mindestens acht Milliarden Euro. „Davon wussten aber leider nur die Protestierenden“, spottet die 45-Jährige. „Hätte man das doch nur auch den Verantwortlichen mitgeteilt!“

Manchmal springt die ausgebildete Schauspielerin im selben Satz zwischen Ironie und Ernst hin und her. In einem Moment grübelt sie, im nächsten gibt sie sich schon wieder angriffslustig. „Abschiedstour“ heiße das Programm in erster Linie, weil der Titel bei den Leuten Bestürzung hervorrufe. Der Inhalt sei eher zweitrangig. Hauptsache, das Ding verkauft sich. Das meint sie wohl nicht ernst, aber sie deutet damit an, dass andere durchaus so denken. Zugleich legt Christine Prayon viel Wert darauf, richtig verstanden zu werden. Sie plappert nicht einfach drauflos, ihre Formulierungen sind bedacht.

Mit der Überwindung des gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems kokettieren zwar diverse Kabarettistinnen und Kabarettisten, aber so ernsthaft wie Prayon traut sich kaum jemand an die Systemfrage heran. Alternativlos scheint für sie nicht der Kapitalismus zu sein, sondern der Kampf gegen ihn. Dessen fatale Folgen für Mensch und Umwelt erahnt mittlerweile zumindest die jüngste Generation in Form von Fridays for Future: „Die haben kapiert, dass sich was ändern muss und dass die Zeit für hohle Phrasen vorbei ist“, lobt Prayon. Und schiebt sophistisch nach: „Wobei ‚Die Zeit für hohle Phrasen ist vorbei‘ natürlich auch eine hohle Phrase ist.“

Die große Stärke des Kapitalismus ist aber bekanntlich die Vereinnahmung seiner Kritiker. Auch Christine Prayon hat von der Kapitalismuskritik profitiert: Eine Redakteurin der „heute-show“ wurde dereinst Zeugin ihrer Ansprachen in Stuttgart und holte sie zum ZDF. Hier wechselt Pra­yon wieder ins Uneigentliche und mimt erneut die karrieristische Kapitalistin: „Ich hab’s auch allein deswegen gemacht! Da hat Stuttgart 21 meiner Karriere echt einen Kick gegeben!“

Dass ihr jedoch ihre Überzeugung wichtiger als Ruhm und Mammon ist, lässt sich belegen. So schloss sie zum Beispiel aus, wegen der „Alles ist gut, wie es ist“-Attitüde von Dieter Nuhr in dessen populärer ARD-Show aufzutreten. Und als man ihr in diesem Jahr in München den Dieter-Hildebrandt-Preis verlieh, lobte sie die bayrische Metropole als erste Großstadt Europas, die sämtliche Computer der Stadtverwaltung von Microsofts Windows auf die freie Software Linux umgestellt habe. „Ich finde das so klasse, dass Sie hier in München angefangen haben, sich von einem Riesenkonzern mit Monopolstellung unabhängig zu machen“, sagte Prayon in ihrer Dankesrede. Doch selbstredend wusste sie, dass die rot-schwarze Mehrheit im Münchner Stadtrat entgegen dem alten grün-roten Beschluss schon Ende 2017 entschieden hatte, zurück zu Microsoft zu wechseln. Drum kündigte Prayon in Anwesenheit des Oberbürgermeisters an, das gesamte Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro der Free Software Foundation Europe zu spenden.

Trotz des Vexierspiels, dem eine Unterhaltung mit der Künstlerin bisweilen ähnelt, will Christine Prayon offensichtlich nicht die ironische Distanz zu allem und jedem wahren. Mit der Ungerechtigkeit, die man gemeinhin als Normalität bezeichnet, weil man sich damit arrangiert hat, kann sie sich nicht abfinden.

Christine Prayons Auftritt im Stuttgarter Renitenztheater beginnt an diesem Samstag um 20 Uhr. Zusatztermin am 23. April 2020.

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