Weich, manchmal weinerlich: Leadsänger Patrick Sheehy. Foto: LKA Longhorn - LKA Longhorn

40 Minuten lang fehlt es beim Stuttgarter Auftritt der irischen Indie-Pop-Band an Kanten und Reibung. Erst in den Zugaben des kurzen Konzerts schöpfen die fünf ihr Potenzial aus.

StuttgartDas Cover des Debütalbums „Every­thing this Way“ gab vor drei Jahren schon Hinweise auf die Musik von Walking on Cars. Bunte Luftballons steigen vor entlaubten Bäumen in den Himmel – ein Bild, das Frühling und Herbst gleichermaßen symbolisiert. Und genau zwischen diesen Polen changieren die Songs der Indie-Pop-Band: Euphorische Hymnen stehen melancholischen Liedern gegenüber. Wer die Herkunft des Quintetts kennt, weiß warum. Das pittoreske Dorf Dingle im irischen County Kerry lässt einem bei Sonnenschein das Herz aufgehen, kann im trübnassen Regensturm aber durchaus aufs Gemüt schlagen.

Eine Band seit der Schulzeit

Dort, an der Südwestküste Irlands, fing alles an. Seit ihrer Schulzeit machten die fünf Freunde gemeinsam Musik, in urigen Pubs spielten sie ihre ersten Lieder. 2010 beschlossen sie, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Für ein halbes Jahr nisteten sie sich in einem Cottage ein – ohne Fernseher, Handy und Internet – und nahmen ein paar Demos auf. Ihre erste Single „Catch me if you can“ stieg in ihrer Heimat sofort auf Platz eins. Walking on Cars war geboren.

Schattierungen, Emotionen und Styles wie auf „Everything your way“ vereint auch der kaleidoskopisch angelegte neue, zweite Longplayer „Colours“, mit dem Walking on Cars nun in Stuttgart aufschlugen. Doch das Konzert im ausverkauften LKA Longhorn hält lange Zeit nicht, was Band und Album versprechen. Bereits mit „Too emotional“, einem neuen Song, den die Band beinahe weitergegeben hätte, weil er sich nicht nach ausreichend Walking on Cars anfühlte, stellt sich ein Unbehagen sein, das sich lange nicht auflöst. Zu ruhig, zu reserviert, zu düster kommt der Opener im Gegensatz zur Studioversion daher. Auch „Don’t mind me“ vom Debütalbum reißt nicht mit, genauso wenig wie das traurige „Always be with you“ oder „Ship goes down“.

Es fehlt dem Auftritt in den ersten 40 Minuten an Kanten, an Reibungen, an Spannungen – die nicht einmal der zwar klare, aber kraftlose Sound erzeugen kann. Keyboard, Akustik- und Stromgitarre sowie die Stimme von Leadsänger Patrick Sheehy – alles perlt anfänglich zu eingängig. In ihrer konzertanten Umsetzung sind die Songs nicht ausgefallen genug, mit nichts ecken Walking on Cars an. Soli, die aufbrechen würden, fehlen gänzlich. Die Band wiederholt sich stellenweise und driftet sogar ins einschläfernd Banale ab. Trotzdem scheinen sie mit Unscheinbarem („Two straight lines“) und durchaus Vorhersehbarem („Waiting on the Corner“) einen Nerv überwiegend bei der Jugend im Longhorn zu treffen.

Doch Walking on Cars richten sich zu sehr in einer Wohlfühlzone ein. Die Stimmung ist sinnlich und wird von Sheehy (im grauen T-Shirt und mit Schiebermütze) noch verstärkt. Immer wieder gleitet seine weiche, emotionale Stimme ein wenig ins Weinerliche ab. Auf Zwischenansagen verzichtet der asketische Typ fast gänzlich, was der Dramaturgie ebenfalls nicht förderlich ist. Erst mit „Coldest Water“, „Hand in Hand“ und insbesondere „Monster“, dem Anfangstrack des neuen Albums, ändern sich Ton- und Stimmungslage. Urplötzlich ist alles stimmig: Schalldruck, Licht und die Oh-oh-oh-oh-oh-Singalongs. Und endlich spiegeln auch die pulsierenden Drums von Schlagzeuger Evan Hadnett die Begeisterung der Fans wieder, während die Musik an Dynamik gewinnt. In der ersten Hälfte standen sein tanzender Rhythmus wie auch das fast stroboskopartig zuckende Gegenlicht in starkem Gegensatz zum leicht betäubenden Indie-Pop der Iren. Die Frage stellt sich, warum die Band diese Songs nicht früher ins Set einstreute oder beispielsweise die Show mit dem treibenden „Tick Tock“, das von Dan Devanes hymnischer Gitarre lebt, startete – wie 2017 im Wizemann, wo die Band ein weitaus überzeugenderes Konzert gegeben hat. Jetzt sind Momente wie jener, als Keyboarderin und Backgroundsängerin Sorcha Durham kurz Aufmerksamkeit erregt, weil sie bei „One Last Dance“ die Vocals übernehmen darf, zu rar gesät.

Hochform erst in den Zugaben

Für vier Zugaben kommen Walking on Cars bereits nach einer Stunde zurück, und erst jetzt schöpfen sie all das Potenzial aus, das in ihnen steckt. „Catch me if you can“, ihr erster Hit in der Heimat, ist ganz nah dran am perfekten Popsong. Sie spielen ihn laut und stolz, und inmitten der nunmehr elektrisierenden Atmosphäre singen die ungemein textsicheren Fans wunderschön mit. Bei der emotionalen Ballade „When we were kids“ übernehmen sie den Sangespart am Ende sogar alleine – a cappella, ohne Band. Die fünf Rosenblüten auf der Bühnenleinwand, die das Cover von „Colours“ symbolisieren, leuchten dazu in unterschiedlichen Farben zum Takt der Musik auf. Mit ihrem größten Hit „Speeding Cars“ – schon heute fast ein Klassiker, der nicht als Live-Hymne geschrieben worden zu sein scheint, aber genau das geworden ist – beenden sie obligatorisch das Konzert. Noch einmal wird das große Besteck rausgeholt, noch einmal präsentiert Patrick Sheehy sein durchaus vorhandenes Stimmtalent. Und trotz eines am Ende reichlich scheppernden Klangs bleiben die „Heya heya heya“-Parts im Ohr.

Gegenüber dem 65 Minuten kurzen Auftritt 2017 im Wizemann legen sie im LKA etwas Zeit drauf. Trotzdem sind nicht einmal 85 Minuten für eine Band wie Walking on Cars kein Ruhmesblatt. Wenn schon der musikalische Umzug vom Album auf die Bühne nur bedingt gelingt, sollten wenigsten die äußeren Rahmenbedingungen keinen Anlass zur Kritik geben. Walking on Cars sind nicht mehr die Newcomer wie vor zwei Jahren, erwachsen sind sie mit so einem Konzert allerdings auch noch nicht.

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