Die Gemeinde Schuld im Ahrtal hat es besonders schwer erwischt. Foto: dpa/Christoph Reichwein

Im idyllischen Ahrtal in Rheinland-Pfalz hat das Hochwasser ganze Orte verwüstet. Das Szenario gleicht dem Ort einer Bombenexplosion. Die Bewohner sind fassungslos.

Schuld - Am Morgen nachdem die Apokalypse über Schuld hereingebrochen ist, blickt man in dem kleinen Eifelörtchen in Gesichter, die völlig fassungslos sind, verschreckt, ermüdet, ermattet. Ein Starkregen biblischen Ausmaßes hat das sonst beschauliche Flüsschen Ahr in einen reißenden, alles niederwalzenden, wütenden Strom verwandelt.

Vier Häuser sind eingestürzt, zwei weitere massiv beschädigt, einige andere wird man abreißen müssen. Gibt es Tote? Einige Menschen sollen nach wie vor vermisst werden, so ganz genau weiß das im Moment niemand. Seit Mittwochnachmittag gibt es im gesamten Ahrtal keinen Handy- und Telefonempfang, keinen Strom, kein fließendes Wasser. Einige Menschen versuchen verzweifelt, ihre Angehörigen in den Dörfern zu erreichen und bitten die Rettungskräfte, ihnen doch über Funk zu helfen.

Der Bürgermeister von Schuld ist fassungslos

In Schuld haben die schlammbraunen Wassermassen die Hauptstraße ins benachbarte Fuchshofen teilweise weggerissen, eine Brücke über die Ahr schwer beschädigt. Autos, Traktoren und Bagger sind weggespült worden, sie liegen auf der Seite, auf den Dächern, umspült von Schlamm, umgeben von ausgerissenen Bäumen, einer Kinderrutsche und einem Kühlschrank. Ein voll beladener Baucontainer ist 200 Meter durch den Ort gewirbelt worden und liegt ebenfalls auf der Seite. Der finanzielle Schaden wird viele Millionen Euro betragen.

Helmut Lussi ist seit zwölf Jahren Bürgermeister der 800-Einwohner-Gemeinde Schuld. Und natürlich hat er eine solche Katastrophe noch nie erlebt. In den zwölf Jahren nicht und davor auch nicht. Dass die Ahr Hochwasser führt, dass sie über die Ufer tritt, all das kennt man in Schuld. Aus dem Jahr 2016 etwa, als im Ahrtal Menschen mit Hubschraubern gerettet werden mussten und die Schäden in die Millionen gingen. Das Jahrhunderthochwasser von 1910 kennt man nur aus Erzählungen. Damals trotzten die alten Häuser an der Ahr den andrängenden Wassermassen. Jetzt liegt der Schutt ihrer Überreste auf der Straße.

Dem Anwohner bleiben nur 40 Euro

Lussi sagt: „Es ist unfassbar, wie schnell das Wasser kam und wie schnell es gestiegen ist. In einer Stunde etwa einen Meter.“ Schon Dienstagnacht hatte es extrem geregnet. Dann kamen die Vorhersagen mit Unwettern und extremem Starkregen. Also haben sich auch in Schuld viele Menschen auf ein Hochwasser eingestellt. Feuerwehr- und andere Rettungskräfte waren im Dauereinsatz – und am Ende doch fast hilflos. Gegen diese unbegreifliche Flut kamen sie nicht an. „Der Fluss, der sonst 60 Zentimeter tief ist, stieg auf acht Meter an“, so Helmut Lussi.

Die Häuser direkt an der Ahr wurden evakuiert. Ihre Bewohner kamen bei Freunden, Bekannten und im Hotel unter. Andere sind in ihren Häusern geblieben. Weil das Wasser im ersten Stock stand, sind Lucia Andrei und Liviu Pitigoi in den zweiten Stock geflüchtet. Ob sie denn keine Angst hatten, dass das komplette Haus über ihnen einstürzen könnte? „Doch, aber wo sollten wir denn hin? Um das Haus stand das Wasser überall meterhoch.“ Ob sie zurück in ihr Haus können, werden Experten bewerten müssen.

„Das ist alles, was ich noch habe“, sagt ein Anwohner aus der Ahrstraße in Schuld und hält ein Marmeladenglas in der Hand. Umgerechnet 40 Euro sind noch drin. „Es ist alles kaputt. Ich habe nichts mehr.“ Carina Adriaenssons aus der Bahnhofstraße hat ihre Katzen gerettet. Mit ihnen und ein paar Lebensmitteln im Rucksack findet sie sich am Sammelplatz vor der Kirche ein. Ebenso Herbert Welch, ein Rollstuhlfahrer aus der Hauptstraße. Er hatte sich von seiner Parterrewohnung die Treppe in die oberen Stockwerke hinaufgeschleppt, um den Fluten zu entkommen. „Wir konnten sehen, wie die Häuser weggerissen wurden“, erzählt er.

Das Gemeindehaus von Schuld existiert nicht mehr

Der Frischemarkt von Kurt Thiesen hat sich in ein schlammiges Schlachtfeld verwandelt. Selbst das Geld aus der Kasse hat die Flut weggespült. Auch die Kfz-Werkstatt Hupperich gibt es nicht mehr. Und in der Landbäckerei Schlösser werden wohl auf lange Zeit keine Brötchen mehr verkauft werden. Die Infrastruktur des Dorfs ist nur noch zu erahnen. Das Gemeindehaus, gerade erst renoviert, existiert nicht mehr, ebenso mitgerissen von den gewaltigen Wassermassen wie die Schützenhalle. Wo der Spiel- oder der Tennisplatz einmal waren, lässt sich nur noch erahnen.

Bürgermeister Lussi schüttelt den Kopf: „Du kannst einfach nichts machen, nicht helfen. Du siehst nur zu, wie die Fluten steigen, wie es kracht, wie die Häuser wegfliegen.“ Er hofft, dass die Politik und die Behörden jetzt schnell reagieren – auch, damit die Kommunikations- und die Versorgungsinfrastruktur wieder funktioniert. Er schätzt, dass 80 Prozent des im Tal liegenden Ortsteils von Schuld zerstört sind. „Es wird Jahre dauern, bis hier alles wieder aufgebaut ist“, befürchtet er.

Eine Nacht auf dem Brückenpfeiler

Auch Insul, Dümpelfeld und Liers, die Örtchen im weiteren Verlauf des Ahrtals, hat es hart getroffen. In Dümpelfeld, wo der Adenauer Bach in die Ahr mündet, sagt eine Frau: „Es war sehr grausam. Wir haben noch versucht, alles wegzuräumen.“ Fährt man die Bundesstraße  257 weiter, gibt es immer wieder Stellen, die überspült sind, von Wasser, Schlamm und Geröll. Viele kleinere Brücken über die Ahr sind weggerissen worden.

Auch in Insul. Dort läuft die Küche eines Hotels innerhalb kürzester Zeit voll. Die Angestellten retten sich in den zweiten Stock, wo sie die Nacht verbringen. Sie sehen, wie in Insul nicht nur die Brücke weggerissen wird, sondern auch ein Haus. Ein Bewohner rettet sich auf einen Brückenpfeiler, wo er die ganze Nacht ausharren muss, bis am nächsten Morgen der Rettungshubschrauber kommt.

Diese Bilder am Tag nach diesem schrecklichen Mittwoch, dem 14. Juli, sind nicht zu begreifen. Schäden kann man beziffern. Ob die Menschen im Ahrtal den erlittenen Schrecken jemals verarbeiten werden, weiß im Moment niemand.