Foto: Rafik Schami bei LesART. bul - Rafik Schami bei LesART. bul

Der Anfang ist grausig, der Schluss ist ein Happyend: In der ausverkauften WLB stellte Rafik Schami seinen ersten Kriminalroman vor.

EsslingenEigentlich könnte ich Ihnen die Geschichte in einer Minute erzählen: Es geht um Glaube und Aberglaube, um die Suche nach Wahrheit unter der Diktatur und um die Liebe zwischen einer klugen Frau und einem Kommissar.“ Keiner wird daran zweifeln, dass ein so erfahrener Schriftsteller wie Rafik Schami den Plot seines neuen Buches in 60 Sekunden zusammenfassen kann. Das Publikum freilich hat viel mehr davon, wenn der 73-Jährige ins Erzählen kommt: Frei fabulierend, ausgeschmückt und abschweifend, spannend und vergnüglich begeisterte Rafik Schami, der zu den am meisten gelesenen deutschsprachigen Autoren zählt, in der ausverkauften Württembergischen Landesbühne im Rahmen der 25. Literaturtage LesART mit seinem neuesten Roman.

„Die geheime Mission des Kardinals“ (Hanser-Verlag, 26 Euro) ist Rafik Schamis erste Kriminalgeschichte, und die beginnt ziemlich grausig: In einem Fass mit Olivenöl, das im November 2010, am Vorabend des Syrienkrieges, an die italienische Botschaft in Damaskus geliefert wird, steckt ein ermordeter Kardinal. Ohne seinen Kardinalsring, stattdessen mit zwei Goldmünzen hinter den Augenlidern und einem Basaltstein anstelle des Herzens in der Brust – Botschaften, die die Handschrift der Mafia tragen. Weil in Syriens Polizeiapparat zwar mit unnachgiebiger Härte gegen kleine Gauner vorgegangen wird, bei Ermittlungen gegen die korrupte Oberschicht jedoch meist beide Augen zugedrückt werden, möchte Kommissar Barudi, der mit der Aufklärung des Kardinal-Falles betraut wird, einen im Kampf gegen die Mafia erfahrenen italienischen Kollegen an seiner Seite wissen. Gemeinsam versuchen sie, Licht ins Dunkel zu bringen: In welcher Mission war der Kardinal in Syrien unterwegs? Warum wurde er ermordet? Wer hat ihn aus dem Weg geschafft? Aber die politische Gemengelage in jenen Tagen ist mehr als schwierig: Es gibt christliche und muslimische Gruppen, islamische Terroristen und bestens organisierte Drogenbarone. Die Geheimdienste und die Mafia mischen mit, und auch obskure Heilsverkünder, denen die abergläubischen Menschen nur zu gerne ihr Vertrauen und ihr Geld schenken, spielen eine wichtige Rolle.

Vordergründig ein Krimi, erzählt Rafik Schamis Buch bildreich vom syrischen Alltag und gibt Einblick in orientalische Lebens- und Gedankenwelten. Man meint, den Duft zu riechen, wenn er von mit Pistazien gefüllten süßen Nachtigallen-Nestern erzählt. Man glaubt, mit ihm über die flachen Dächer im christlichen Viertel im Ostteil der Stadt Damaskus zu laufen, auf denen Rafik Schami als Kind spielte. Lächelnd beschreibt er, dass die Syrer Meister im Vordrängeln sind, und dass ihnen Gastfreundschaft über alles geht: „Meine Mutter sagte immer: ‚Wenn ein Gast zufrieden ist, dann segnet er unser Haus in seinem Herzen‘“, schildert der Schriftsteller, der 1971 über den Libanon nach Deutschland flüchtete, weil er die Zensur nicht länger ertragen wollte, und der seither nie wieder nach Syrien zurückkehrte.

Dass Rafik Schami auch ein politischer Mensch ist, der – so Oberbürgermeister Jürgen Zieger in seiner Begrüßung –, sich immer wieder „wortstark für Demokratie und Menschenrechte einsetzt“, wurde deutlich: Ob das undurchlässige Pyramidensystem innerhalb der Sippengesellschaft im Nahen Osten, die Abwanderung syrischer Lehrer ins besser bezahlende Saudi-Arabien oder das Treiben der Islamisten: „Sie wissen gar nichts, nur, dass sie herrschen wollen mit Mord und Totschlag. Je kleiner das Hirn, desto länger die Bärte.“

Neben der Krimi-Handlung räumt Rafik Schami seinem Kommissar viel Raum ein. Barudi wächst den Zuhörern ans Herz, je näher man ihn kennenlernt: Beruflich hat er sich aufgerieben. „Er hat 40 Jahre nach Wahrheit und Aufklärung gesucht, das hat ihn zermürbt“, konstatiert Schami. Der Ermittler fühlt sich mitschuldig am frühen Tod seiner Frau und hat „eine undurchdringliche Burg um sein Herz gebaut“. Wie gut, dass da eines Tages die ebenso kluge wie liebevolle Nariman aus dem siebten Stock in sein Leben tritt, die Steinchen für Steinchen von dieser Mauer entfernt.

Das alles erzählt Rafik Schami aus dem Stegreif, mit knitzem Augenzwinkern, mit hübschen Anekdoten, immer opulent, mal dramatisch, mal spitzbübisch, mal sich echauffierend über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. So bleibt die Geschichte lebendig. Diese Tradition des mündlichen Erzählens hat Schami aus seiner syrischen Heimat mitgebracht. Nach dem Vorbild Scheherazades aus 1001 Nacht und seines Großvaters, der Abenteuerliches erzählte, hat Rafik Schami schon als Kind seinen Freunden Geschichten ausgemalt. Und weil er ob der Stoff-Fülle seine Esslinger Zuhörer nicht überfordern möchte, kürzt er zwischendurch ab – „Das ist eine andere Geschichte“ – und rät immer mal wieder: „Behalten Sie das im Gedächtnis, ich komme später darauf zurück.“ Am Ende des Abends knüpft er dann tatsächlich diese losen Enden zusammen. Und er verrät ganz bewusst das Happy End seiner Geschichte: „Ich will ja, dass sie den Saal mit einem guten Gefühl verlassen.“

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