Im „Figaro“ informiert sich Catherine Rothlübbers über ihr Heimatland. Foto: Bulgrin

Das vereinte Europa macht es möglich: Seit 2011 sitzt die Französin Catherine Rothlübbers für die CDU im Ostfilderner Gemeinderat. Sie gilt dort als feinfühlige und unbequeme Lokalpolitikerin.

OstfildernGut oder schlecht, schwarz oder weiß – die Welt nach so einfachen Kriterien zu klassifizieren, ist ganz und gar nicht ihre Sache. Catherine Rothlübbers wägt ab, bevor sie ein Urteil fällt, sehr lange und umfassend. „Ich denke tief“, sagt sie von sich. Und sie ist ausgesprochen feinfühlig. Im Ostfilderner Gemeinderat werden diese Wesenszüge immer dann offenkundig, wenn sich die 64-Jährige zu Wort meldet. Ausführlicher und mit viel mehr Pathos als die allermeisten Mitglieder des Gremiums begründet sie, weshalb sie sich für oder gegen eine Angelegenheit entschieden hat. Darüber hinaus gibt es ein weiteres Charakteristikum, das Rothlübbers zu einer Besonderheit im Gemeinderat der Großen Kreisstadt macht: Sie ist, wie unschwer zu hören ist, die einzige Französin. Das vereinigte Europa macht es möglich, dass seit Jahren auch Menschen aus anderen EU-Ländern hierzulande in der Kommunalpolitik mitmischen.

2011 ist Rothlübbers für Heinz Vollmer in den Gemeinderat nachgerückt. 2014 bei der Wahl bestätigt, übt sie ihre Rolle als Bürgervertreterin in den Reihen der CDU-Fraktion nun seit acht Jahren aus. Auch wenn es mit großem zeitlichen Aufwand verbunden ist, tut sie es nach wie vor sehr gerne, wie sie betont. Deswegen hat sie sich auf Platz 8 der Parteiliste erneut für die Kommunalwahl nominieren lassen. Dass sie die Christdemokraten vertritt, ist nach ihren Angaben eher dem Zufall geschuldet. 2004 sei sie erstmals von einem führenden CDU-Mann angeworben worden. Es hätte aber genauso gut eine andere Partei oder Wählergruppierung sein können. Denn ihr Leitmotiv ist ein humanistisches Menschenbild. Ihr gehe es um die Unversehrtheit des Menschen, dafür engagiert sie sich in der Lokalpolitik. Mit Herz und Verstand, wie sie immer wieder betont. Da spiele Parteiräson für sie keine Rolle. Außerdem sei sie ein viel zu freier Geist, der lasse sich keine Fesseln anlegen.

Ob sie eher Deutsche oder Französin sei? Catherine Rothlübbers überlegt lange, bevor sie antwortet. Dem Französischen stehe sie wohl nach wie vor näher, meint sie. Das drücke sich in vielerlei Hinsicht aus, bei den Gefühlen, in ihrer Symbolwelt und natürlich bei der Wortwahl. Doch mag sie sich auch da nicht klassifizieren lassen. „Ich bin Weltbürgerin“, sagt die 64-Jährige.

Aufgewachsen ist sie im Baskenland bei Biarritz. Sie studierte in Bordeaux Literaturwissenschaften und Germanistik, als sie ihren späteren Mann, einen deutschen Diplom-Ingenieur, kennenlernte. 1974 folgte sie ihm nach Deutschland, ein Jahr später zogen sie nach Nellingen und gründeten eine Familie. Zunächst sattelte sie um auf ein Lehramtsstudium, entschied sich dann aber für die Bibliothekswissenschaften. Bis die drei Kinder kamen, arbeitete Rothlübbers in Stuttgart als Bibliothekarin. „Im Kern bin ich aber immer Pädagogin gewesen“, sagt sie. Diesen Job lebt sie als Französisch-Lehrerin seit 1976 bei der Volkshochschule in Ostfildern. Für ihre pädagogischen Qualitäten spricht, dass die Ruiter Französisch-Gruppe ihr seit mittlerweile 43 Jahren die Treue hält. „Das ist für mich sehr erfüllend“, sagt Catherine Rothlübbers. „Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, denn jeder bringt ein Stück Weisheit mit in die Gruppe.“

Für die Stadt war Rothlübbers schon vor ihrer Gemeinderatszeit tätig. Immer dann, wenn im Rahmen der deutsch-französischen Partnerschaft mit Montluel eine Dolmetscherin oder Übersetzerin gefragt war, war sie zur Stelle.

Echte Lieblingsthemen hat sie in der Kommunalpolitik nicht. Doch gibt ihre Zugehörigkeit zum Ausschuss für Technik und Umwelt eine gewisse Richtung vor. Sich in die dort vorherrschenden, eher technokratischen Themen einzuarbeiten, sei nicht leicht gewesen, erzählt sie. Doch empfindet sie auch das als sinnstiftende Tätigkeit. Zum Beispiel, wenn es um den Klimaschutz geht. Natürlich sei das eine globale Aufgabe, meint Rothlübbers, aber man müsse im Kleinen anfangen, „denn alles was wir tun, hat immer Einfluss auf das Ganze“.

Was in ihrem Heimatland passiert, verfolgt sie mit großem Interesse. Regelmäßig kauft sich die Nellingerin die französische Zeitung „Le Figaro“, um über die aktuellen Geschehnisse im Bilde zu sein. Die sozialen Unruhen im Land sieht Rothlübbers mit Sorge. Die Gewalt auf den Straßen verurteilt sie. „Was da passiert, ist verheerend.“ Doch kann sie die Unzufriedenheit im Land verstehen. „Wenn die Menschen nicht von ihrer Arbeit leben können, läuft doch etwas grundsätzlich schief“, sagt sie. Vor dem 17. November 2018, als Gelbwesten anfingen, auf die Straßen zu gehen, und mit Blockaden gegen zu hohe Spritpreise protestierten, hätten die allermeisten gar nicht gewusst, wie schlecht es vielen Menschen in Frankreich geht. Ob Staatspräsident Emmanuel Macron das Volk wieder befrieden kann? „Er kann keine Lösung herbeizaubern“, sagt die 64-Jährige. „Doch ich wünsche mir, dass er schnell Wege aus der Krise findet.“

In dieser Serie stellt die EZ Gemeinderäte und -rätinnen sowie Kreisräte und -rätinnen aus verschiedenen Gemeinden vor. Sehr junge Ratsmitglieder, sehr erfahrene Räte, Personen mit unterschiedlichsten Erfahrungshorizonten.

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