Die Raccoons spielen künftig Football mit Helmen und Schulterpolstern. Foto: Weise - Weise

Inzwischen zählt die Abteilung der Turnerschaft Esslingen 110 Mitglieder.

EsslingenEkelhafter Regen, Temperaturen um die fünf Grad und kühler Wind: Der 17. März 2018 blieb beileibe nicht wegen des Wetters in Erinnerung. Und auch sonst dürften wohl nur die Wenigsten etwas mit diesem Tag in Verbindung bringen. Ein wichtiges Datum war es für die Esslingen Raccoons (deutsch: Waschbären), wie sich die Football-Abteilung der Turnerschaft Esslingen nennt. Die veranstalteten an jenem Tag ein Tryout (offenes Training) im Georgii-Waldstadion am Jägerhaus, wozu alle eingeladen waren, die sich für American Football interessierten. „Angesichts des Wetters haben wir mit 15 Leuten gerechnet – wenn es geil läuft“, erzählt Mitgründer Luca Weise. Rückblickend lässt sich sagen, dass es geil lief. Außergewöhnlich geil sogar. Statt der erwarteten 15 folgten mehr als 70 Interessierte aus der ganzen Region dem Ruf der Esslinger, die mit ihrem Angebot einen Nerv getroffen hatten. Am Sonntag (15 Uhr), etwas mehr als ein Jahr später, treffen die Raccoons im Georgii-Waldstadion in ihrem ersten American-Football-Spiel auf die Pforzheim Wilddogs II.

„Seit Tag eins war es unser Traum, irgendwann einmal ein American-Football-Team in Esslingen zu gründen“, sagt Weise, der dabei war, als im September 2015 alles mit einer Clique footballbegeisterter Freunde und dem sogenannten Flagfootball begann. „Wir hatten seit Jahren das Geschehen in der amerikanischen Profiliga NFL mitverfolgt, es aber nie wirklich selbst probiert“, erzählt Weise. Flagfootball gilt als die verletzungsärmere Variante des Footballs und ist vor allem aufgrund seiner Einfachheit beliebt. „Man braucht kaum Equipment, spielt fünf gegen fünf und als Spielfeld eignet sich im Prinzip jede grüne Wiese“, sagt Weise über das Spiel, bei dem massive Tacklings verboten sind. Markus Glauben, heutiger Abteilungsleiter der Raccoons und auch Mitglied in der Tennisabteilung der Turnerschaft, stellte schließlich den Kontakt zum Verein her. Dort durften die Raccoons künftig Platz und Kabine nutzen. „Wir haben dann recht schnell Blut geleckt und das Potenzial im Landkreis erkannt“, sagt Weise über die Abteilung, die heute 110 Mitglieder zählt und damit schon nach kurzer Zeit eine der größeren der Turnerschaft ist. 2017 veranstalteten die Raccoons schließlich erstmals ein Turnier der deutschen Flagfootball-Liga. Der Startschuss für American Football erfolgt, dank professioneller Hilfe, nun zwei Jahre später.

Zweieinhalb Jahre haben die Esslinger diesen Schritt geplant und strategisch darauf hingearbeitet. Dies unterstreicht auch die Verpflichtung des neuen Headcoaches Frank Bechinger im vergangenen Jahr. „Wir schauen den Sport zwar gerne im Fernsehen und verstehen auch die Spielregeln, aber wir sind eben keine lizenzierten Trainer“, erklärt Weise, weshalb sich die Raccoons auf der Trainerposition professionell aufstellen wollten. Dies gelang: Bechinger ist kein Unbekannter in der Szene. Als Spieler lief er Ende der 1990er-Jahre für die Stuttgart Scorpions in der German Football League (GFL) auf, seit 2003 arbeitet der in Aichwald wohnende Bechinger als Trainer. Als Positionscoach bei den Albershausen Crusaders war er zuletzt in der GFL 2 tätig.

Bereits seit dem vergangenen August bereiten sich die Raccoons auf die anstehende Kreisliga-Saison vor. Ein- bis zweimal pro Woche wurde an der Römerstraße trainiert, jede Unit (Position) für sich. „Zunächst macht jeder seine eigenen Übungen, ehe gegen Ende des Trainings auch mal gemeinsam Spielzüge eingeübt werden“, nennt Weise einen Unterschied zu anderen Teamsportarten. Ebenfalls anders: Die Ausrüstung – das heißt: Helm, Schulterpolster, Schuhe, gepolsterte Hose, Handschuhe und sonstige Schoner – müssen von den Spielern selbst finanziert werden und können gut und gerne 500 bis 600 Euro kosten.

Abzuschrecken scheint dies kaum einen. 75 Pass-Anträge haben die Esslinger gestellt, dabei wird der Kader an Spieltagen maximal aus 50 Spielern bestehen. „Das ist schon Wahnsinn“, sagt Weise, der den Ansturm auch auf die fehlenden Alternativen für Rookies (Anfänger) im Großraum Esslingen zurückführt. Hinzu kommt, dass American Football in Deutschland seit einigen Jahren einen Boom erfährt. „Das Schöne ist, dass man alle Arten von Menschen braucht – von Athleten bis hin zu schweren Jungs“, beschreibt Weise die Vorzüge des in seinen Augen so unberechenbaren Sports.

Sport mit Rahmenprogramm

Die Esslinger wollen in ihrem ersten Jahr eine ordentliche Saison mit möglichst wenig Verletzungen spielen. „Ein Sieg wäre schon der Hammer“, sagt Weise. Beinahe genauso wichtig ist den Raccoons aber, den Sport in Esslingen und dem Umland zu etablieren. „American Football ist ein Eventsport. Uns ist durchaus bewusst, dass da zwei Sportkulturen aufeinandertreffen“, sagt Weise, „nur die wenigsten werden drei Stunden gebannt ein Spiel verfolgen. Deshalb wird es wichtig sein, ein Rahmenprogramm anzubieten.“ Wie das in Zukunft aussehen wird, steht noch nicht fest. Nur so viel sei gesagt: „Wir haben super viele Ideen, wollen aber nichts überstürzen.“ Die eigens kreierte Raccoons Bratwurst wird es aber in jedem Fall schon am Sonntag zum Auftakt geben.

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