Das Stuttgarter Schauspiel zieht in den Landtag und zeigt unter der Regie des Intendanten Burkhard C. Kosminski „Die Ermittlung“ von Peter Weiss.
Als das Theater noch eine spürbare gesellschaftliche Relevanz besaß, geschah etwas, das heute kaum vorstellbar ist: Ein Drama wird begierig erwartet und an fünfzehn Bühnen gleichzeitig uraufgeführt, diesseits und jenseits der Mauer im geteilten Deutschland, dazu in London als Lesung durch die Royal Shakespeare Company. Das war am 19. Oktober 1965, ein einmaliges Ereignis der Theatergeschichte, und nur wenige Tage später zog unter der Regie von Peter Palitzsch das Stuttgarter Staatstheater nach und zeigte „Die Ermittlung“ von Peter Weiss.
Peter Weiss konzentrierte das Grauen des Holocausts
Das Dokumentarstück basiert auf dem Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965. Angestoßen von dem in Stuttgart geborenen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wurden dabei zum ersten Mal im großen Stil die Verbrechen der NS-Zeit juristisch aufgearbeitet. Tat und Täter wurden dingfest gemacht und die deutsche Öffentlichkeit schonungslos mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte konfrontiert. Peter Weiss nahm als Beobachter am Prozess teil und arrangierte die Materialien, Zeugenaussagen und Zeitungsberichte zu einem „Oratorium in elf Gesängen“: Die Aussagen der 409 Zeugen sind in neun anonymen Zeugen konzentriert, die 24 Verteidiger in einem rechtsextremen Gedankenunrat in sich tragenden Verteidiger zusammengefasst, dazu die 18 Angeklagten. Dem Grauen des Holocausts gab Weiss eine Struktur, er machte es überschaubar und mittels einer Sprache, die nichts als Fakten transportiert, für die Bühnen darstellbar. Sie setzten die Aufarbeitung fort und wurden zum – gesellschaftlich relevanten, unverzichtbaren – Ersatzparlament.
Sechzig Jahre sind seit der spektakulären Ring-Uraufführung der „Ermittlung“ vergangen. Doch die Ewiggestrigen sind wieder unter uns, sie erobern den Bundestag und auch die Landtage und haben nicht viel einzuwenden, wenn einer ihrer Repräsentanten die Nazi-Diktatur als „Vogelschiss“ bezeichnet. Ausgerechnet dort, wo auch in Baden-Württemberg an Sitzungstagen 17 Abgeordnete der AfD Platz nehmen, greift das Schauspiel des Staatstheaters Stuttgart den Stoff nun wieder auf. Das Ersatzparlament im Parlament: Gespielt wird im Sitzungssaal, das Publikum sitzt oben in den Rängen und unten auf den Abgeordnetenplätzen, Zeugen und Angeklagte vorne auf den Regierungsbänken, Richter und Verteidiger dort, wo sonst die Landtagspräsidentin die Sitzungen leitet.
Die Richterin (Gabriele Hintermaier) befragt Zeugin 7, die durch eine Luke in die Gaskammern von Auschwitz schauen konnte. Zeugin 7 (Celina Rongen) antwortet: „Die Leichen lagen übereinander gedrängt / und zwar lagen Säuglinge / Kinder und Kranke unten / darüber die Frauen / und ganz oben die kräftigsten Männer / Dies war so zu erklären / dass die Menschen sich gegenseitig niedertraten / und aufeinander kletterten / weil das Gas sich anfangs am stärksten in Bodennähe entwickelte / Die Menschenhaufen waren besudelt von Erbrochenem / von Kot, Urin und Menstruationsblut/ Das Räumungskommando kam mit Wasserschläuchen / und spritzte die Leichen ab / Dann wurden sie in die Lastfahrstühle gezogen und hinauf in den Verbrennungssaal befördert.“ Von der Vergasung berichtet Zeugin 7 im „Gesang von den Feueröfen“ – Feueröfen, die im „Sommer 1944 / als die Verbrennungen die höchsten Ziffern erreichten / täglich bis zu 20000 Menschen vernichteten“. Bis zu seiner Befreiung am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee werden in Auschwitz und seinen Außenlagern rund zwei Millionen Menschen ermordet – eine industrielle Vernichtungsmaschinerie, deren Funktionsweise Peter Weiss minutiös beschreibt. Von den „11 Gesängen“ des Oratoriums hat die Dramaturgin Gwendolyne Melchinger zusammen mit Burkhard C. Kosminski, der Intendant, der hier Regie führt, fünf ausgewählt, von der Ankunft der Gefangenen im Lager über die dort herrschenden Zustände und die angewandten Folterpraktiken bis hin zu den Vergasungen und Verbrennungen.
Die Berichte lassen in Abgründe des absoluten Grauens blicken, sprachlich schnörkellos, weshalb jede inszenatorische Beigabe fehl am Platz wäre. Der Regisseur weiß das und macht sich unsichtbar. Seine 17 Spieler und Spielerinnen – ein Großaufgebot, das mehr als die Hälfte des Ensembles umfasst – müssen nichts psychologisch gestalten, sich keine Nuancen abringen, sondern den Prozessbeteiligten schlicht eine Stimme geben. Sonst nichts. Geringfügige Individualisierungen werden zwar sicht- und hörbar, wenn etwa Angeklagter 8 im gemütlichen Schwäbisch erklärt, dass Gefangene, die nicht zur Arbeit gebraucht wurden, „ins Gas kamen“ – aber auch dann, wenn Boris Burgstaller als Angeklagter Hofmann diese Ungeheuerlichkeit schildert, als wär’s das Selbstverständlichste der Welt, hält er wie alle anderen Darsteller am nüchternen Ton fest. Die Inszenierung entzieht sich einer ästhetischen Bewertung. Es geht um den Inhalt. Keiner der Zuschauer im Landtag – das Theater spricht von rund 300 – wird an diesem Abend zum ersten Mal von den Verbrechen in Auschwitz gehört haben. Und doch: man sitzt da, liefert sich zwei Stunden lang der Hölle von Auschwitz aus – und ist erschüttert.
Das Thema ist noch lange nicht erledigt
Neuesten Umfragen zufolge verdoppelt die AfD, die Partei der Holocaust-Relativierer, bei der Landtagswahl 2026 ihren Stimmenanteil von derzeit fast 10 Prozent auf 20 Prozent und damit eben auch die Zahl ihrer Abgeordneten. Sie werden dort sitzen, wo am Dienstagabend der „Vogelschiss der Geschichte“ verhandelt wurde. „Die Ermittlung“ hat sich noch lange nicht erledigt.
Aufführungen Weitere Termine finden im Landgericht Stuttgart, Urbanstr. 20, statt – am 11. und 12. Oktober, 7., 8. und 9. November sowie am 9. Dezember.