Autorin Thea Dorn mit dem Moderator der Veranstaltung, Johannes M. Fischer, Lokalchef der Eßlinger Zeitung Quelle: Unbekannt

Streitbare Themen mit der streitbaren Autorin Thea Dorn unter der Moderation von Johannes M. Fischer, Lokalchef der Eßlinger Zeitung, beim Pre-Opening der 25. LesArt.

EsslingenSie wirkt unnahbar. Strenger Pferdeschwanz, akkurate Brille, schwarzes Oberteil, schwarze Jeans, schwarze, flache Schuhe. Kühl. Distanziert. Abweisend. Und wirklich: Thea Dorn kommt nicht auf Samtpfötchen daher, aber sie zeigt auch nicht die Krallen. Das ist nicht ihr Stil, wie sie in der Schickhardt-Halle im Alten Rathaus ausführte. Beim Pre-Opening der 25. LesArt legte sie auf einfühlsames Nachfragen von EZ-Lokalchef und Moderator Johannes M. Fischer ihr Lebens-Credo dar: Ja zu einem „aufgeklärten Patriotismus“, Nein zu völkischem Gedankengut und NS-Barbarei und ein Konfliktaustrag mit Mitteln des sachlich-gebildeten Argumentierens. Diese Thesen untermauerte die Autorin, Schriftstellerin, Moderatorin und Mitwirkende am Literarischen Quartett mit Beispielen aus dem humanistisch-großbürgerlichen Bildungskanon, Philosophen und Denkern quer Beet aus vielen Jahrhunderten und biografischen Anekdoten – eng angelehnt an ihr aktuelles Buch „Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“.

Wagner beim Zähneputzen

In die Ecke elitären Bildungsbürgertums abseits vom kollektiven Mainstream ließ sich Thea Dorn nicht stecken: Auf Nachfragen von Johannes Fischer nach ihrem Besuch eines humanistischen Gymnasiums, den vielen intellektuell geschwängerten Passagen in ihrem Buch und dem provokativ vermuteten Hören von Richard Wagner schon beim Zähneputzen konterte die 1970 im hessischen Offenbach am Main Geborene und nun in Berlin Lebende mit einem Verweis auf die Wichtigkeit von klassischen Grundlagen, auf denen Europa fuße. Sehr ausführlich, manchmal zu ausführlich beantwortete Thea Dorn Fragen des Moderators und des Publikums - im gekonnten Redefluss, mit angenehmer Rhetorik, sparsamer Gestik, aber sympathischer Mimik, die das strenge Outfit gut zu mildern wusste. Patriotismus in Form von Verteidigung, Einsatz und Erhalt der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung hält die studierte Philosophin für unabdingbar, die Geschichte als Grundlage und Lehrmeisterin der Gegenwart für alternativlos, die Existenz einer deutschen Kultur für unstrittig. Dennoch ist eine Definition von Kultur ihrer Ansicht nach unmöglich: Dabei zog sie Parallelen zu dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, der auch eine Definition des vielfach interpretativ belegten Terminus des Spiels als nicht machbar ausführte.

Die über 150 Besucher in der voll besetzten Schickhardt-Halle waren auf angenehme Weise kritisch. Fragen aus dem Publikum waren kein ermüdendes Zur- Schau-Stellen eigenen Wissens, sondern konkrete Auseinandersetzungen mit Dorn’schen Inhalten. Der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus? Patriotismus sei eine „besondere Beziehung zu meinem Land“, der Nationalismus fühle sich anderen überlegen und halte das eigene Land für besser als alle anderen. Anders als in ihrem Buch „Deutsch, nicht dumpf“ mit seiner oft schwer nachvollziehbaren Argumentation, subjektiven Auslegung anderer Denker, fehlenden Definitionen und ausschweifenden Exkursen formulierte Thea Dorn beim LesArt-Abend ihre Gedanken in ansprechender, klar strukturierter Form mit humorvollen Ansätzen.

Die im Druckwerk oft schwer zu ertragende Anhäufung eigener Bildungswut fand beim Pre-Opening der Esslinger Literaturtage eine selbstironisch-sympathische Wende. Thea Dorn gab nicht die überlegene, auf andere herunterschauende Gelehrte, sondern plauderte erfrischend offen aus dem privaten Nähkästchen.

Typisch deutsche Verhaltensmuster

Die Schriftstellerin outete sich als ehemalige Nicht-Patriotin. Früher habe sie alles sein wollen, nur nicht deutsch, und als Angehörige der typischen Anti-Generation der frühen 70er Jahre gab sie eher die hippe Kosmopolitin. Doch während einer Gastprofessur in den USA wurde ihr von einem Kollegen mitgeteilt, dass sie eben genau das sei, was sie nie sein wollte – typisch deutsch. Denn jeder, wirklich jeder aus der Bundesrepublik würde sich in den USA zuerst einmal nach der Mülltrennung erkundigen. Das zweite typisch deutsche Merkmal sei die Wanderlust mit einem ungeheuren Maß an Systematik und mindestens drei Wanderkarten parallel. Für Thea Dorn der Beginn eines Umdenkens und einer Hinwendung zum Begriff Patriotismus, um dessen genauere Festlegung sie sich auch in ihrem Buch „Die Deutsche Seele“ bemüht. Eine Seele, in die sie tiefe, sehr streitbare Einblicke wagt.

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