Künstler mit Graupappe. Foto: Gideon Knabben - Gideon Knabben

Die zeitgenössische Ausstellung „Fracht“ in der Spinnerei weckt Erinnerungen an „gute alte Zeiten“. Es geht um Norm, Normalität und die Durchbrechung derselben.

EsslingenNicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Aber es ist doch offenbar immer wieder schön, sich zu erinnern. Die nicht mehr ganz so jungen Männer stehen mit ergrautem Haar und einem rosafarbenen Sekt im Hof der Spinnerei, die wie liegen geblieben am Rande der asphaltdominierten Mammutkreuzung Maillestraße/Kiesstraße liegt. Ein paar Meter weiter über den Hof liegt das Jugendzentrum Komma, das Kommunale Kino mit Filmen „jenseits des Mainstreams“ und die Szene-Kneipe Lux. Der gesamte Komplex hängt irgendwie dazwischen – zwischen breiten und viel befahrenen Straßen einerseits und dem Beginn einer schmalen Idylle entlang des Roßneckarkanals. Eine kleine Oase für Menschen auf der Flucht vor zu viel normalem und genormten Leben.

Die beiden älteren Männer mit dem Glas Sekt in der Hand schwelgen gerade in alten Zeiten, die vor ein paar Jahrzehnten gewesen sein müssen. Sie reden über die Zeit, wo sich das Komma und der Verein für Kultur am Rande gründeten. Ein Dritter kommt vorbei und grüßt: „Na, du auch hier?“ Antwort: „Ja, ich lebe auch noch“.

An diesem Tag ist Vernissage in der Spinnerei, einem Ort, der den Verein „Kultur am Rande“ beherbergt. Die „Kultur am Rande“ bietet, so ihr Selbstverständnis, „gesellschaftlichen Randgruppen für kreative Prozesse eine Bühne“. Unter anderem unterstützt der Verein Menschen, denen das Obdach verloren gegangen ist.

Angesagt hat sich der Künstler Gideon Knabben. Zwar kommt er nicht „vom Rande“, sondern eher aus dem halbwegs gesicherten Mittelfeld – im „normalen“ Beruf ist er Lehrer für Kunst und Deutsch –, aber seine Kunst passt dann doch recht gut an diesen Ort. Sie ließe sich interpretieren als Kritik an zu viel Norm, ein Thema, mit der die beiden Männer im Hof in ihren Aufbruchjahren vermutlich auch schon einmal zu tun hatten.

Als sollten die Dinge an diesem Tag besonders gut zusammenpassen, beginnt Knabben mit einem Konzert, in dem er Melodien und Rhythmen der 1970er Jahre spielt. Minimalistisch, mit einem Bass und seiner vollen Stimme interpretiert er die melancholisch-raue Musik der Gruppe Ramones, die es ihm offenbar nicht erst seit gestern angetan hat. Später, wenn er seine gestaltete Kunst erklärt, kommt er darauf zu sprechen: „Von sogenanntem Punkrock hatte er“ – Knabben sprich von sich in der dritten Person – „nicht derart schöne Melodien erwartet, eher schon die Kritik und die Ironie in den Texten, kaum jedoch einen solch reinen Sinn für Romantik.“ Es hört sich ein wenig so an, als lese er aus einem Rock- oder Künstlerlexikon vor, das nur noch nicht geschrieben oder veröffentlicht worden ist.

Tatsächlich liest Knabben erst mal einen vorbereiteten Text vor, der ihm wichtig ist, wie er abseits der offiziellen Eröffnung deutlich macht. Darin beschreibt er, was an der Wand des Ausstellungsraums in der Spinnerei hängt: Vierzig Karten, alle zwölf Zentimeter hoch und neun Zentimeter breit. Es fallen auch Sätze, die auf Kunstausstellungen, egal ob 1970 oder 2019, nicht fehlen dürfen: „Objekt und Musik sind eins.“

Die grauen Kartonkarten hängen alle in nahezu gleichem Abstand. Es sieht ziemlich pedantisch aus. Aufgemalt ist auf jeder Karte eine Art Strichcode, jeder ein bisschen anders. An der Stirnseite des Raumes steht ein Tisch mit Kopfhörern, um sich beim Betrachten der Kartonkärtchen die von Knabben gespielte Ramones-Musik anzuhören.

Inspiriert wurde der Künstler – inzwischen ist der Text verlesen und er spricht frei – von kleinen Schildchen an Masten und Häuserwänden, die irgendwelche Informationen über Gas, Wasser oder Strom transportieren und von Normalsterblichen nicht zu übersetzen sind.

Das und noch sehr viel mehr gäbe es zu den Details der Ausstellung zu berichten. Wer sich einen eigenen Sinn erschließen möchte, hat noch bis zum 6. Oktober Zeit. Die Vernissage ist jetzt vorbei, doch die beiden Männer im Hof wirken etwas ratlos. „Was könnte man denn da jetzt drüber schreiben?“, fragt einer.

Die Ausstellung geht noch bis zum 6. Oktober. Die Öffnungszeiten: freitags, samstags und sonntags jeweils von 16 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung: gideon.knabben@t-online.de

Zum Ende der Ausstellung am 6. Oktober um 11 Uhr gibt es noch eine Finissage mit einem weiteren Konzert.

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