Euro-5-Diesel dürfen wegen hoher Stickoxid-Werte flächendeckend nicht in Stuttgart fahren. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Volkswagen meldet 195 Fälle, Daimler 824 – die Autohersteller zahlen selten Zuschüsse für Umrüstungen. Dabei sind bundesweit noch fünf Millionen Euro-5-Diesel unterwegs. Eine Pleite und viele Lieferengpässe der Hersteller frustrieren Kfz-Betriebe und Autohalter.

Brüssel - Das Kapitel Hardware-Nachrüstung von Euro-5-Diesel-Fahrzeugen ist so gut wie abgeschlossen. Nur ein Bruchteil der Fahrzeuge, die von Fahrverboten betroffen oder bedroht sind, wurde umgerüstet. Da einer von drei Herstellern der sogenannten SCR-Katalysatoren – SCR steht für selektive katalytische Reduktion – insolvent ist und der andere seit Wochen über Produktionsprobleme klagt und nicht mehr ausliefert, dürfte sich daran auch in Zukunft nichts ändern.

Nach Informationen unserer Zeitung hat Daimler insgesamt 824-mal Autohaltern einen Zuschuss für die Umrüstung gewährt. VW teilt auf Anfrage mit, dass der Wert konzernweit bei 195 liegt. VW und Daimler sind die einzigen Hersteller, die sich auf Druck der Bundesregierung 2018 verpflichtet haben, von Fahrverboten betroffenen Haltern einen Zuschuss von bis zu 3000 Euro nach erfolgter Umrüstung zu zahlen. Der Bestand an Euro-5-Diesel-Pkw ist deutlich höher.

5 Millionen Euro-5-Diesel sind auf deutschen Straßen

Zum Stichtag 1. Oktober fuhren noch knapp fünf Millionen Euro-5-Diesel auf deutschen Straßen, das entspricht einem Drittel des gesamten Diesel-Pkw-Bestands. Die Zahl der tatsächlichen Nachrüstungen dürfte etwas höher liegen, da nur VW und Daimler die Nachrüstung bezuschussen, es aber auch Nachrüstkits für BMW und Volvo gibt. Einige Halter dürften die Nachrüstung auch aus eigener Tasche bezahlt haben. Für sämtliche Fahrzeuge der Importeure – außer Volvo – gibt es gar keine Nachrüstlösungen.

Mit dem SCR-Katalysator lässt sich der Stickoxidausstoß der Dieselfahrzeuge reduzieren, so dass sie nicht von den erlassenen oder weiter drohenden Euro-5-Fahrverboten betroffen sind.

Ein Sprecher von VW teilt mit, das Interesse von VW-Haltern an Nachrüstlösungen sei deutlich zurückgegangen. Im Sommer hätten sich noch 400 Kunden im Monat über die Hotline gemeldet, derzeit seien es im Schnitt 50 pro Monat. „Die Nachrüstung ist durch den Zuschuss von 3000 Euro seitens Volkswagen für die Kunden de facto kostenfrei.“ Er zieht ein vernichtendes Fazit: „Das Konzept der Hardware-Nachrüstung kann als gescheitert angesehen werden. Die Kunden fragen die Lösung so gut wie nicht nach.“

Im Stuttgarter Raum noch 130 000 Euro-5-Diesel

Auch bei Daimler heißt es, das Interesse sei gering und konzentriere sich nur auf den Stuttgarter Bereich. 6159 Kunden hätten sich auf einer eigens im Internet geschalteten Seite registriert, 837 Anträge seien gestellt und 824 Anträge genehmigt worden. Daimler und VW zahlen bis zu 3000 Euro, wenn der Halter in der Nähe der Fahrverbote wohnt oder arbeitet. Außerdem muss das Auto vor einem bestimmten Datum gekauft worden sein.

Stuttgart ist europaweit die einzige Stadt, in der flächendeckende Fahrverbote für diese Fahrzeuge gelten. Im Großraum Stuttgart gab es nach Angaben der Kfz-Innung Ende des Jahres noch immer knapp 130 000 Euro-5-Diesel. Das Interesse der Halter von Euro-5-Diesel-Fahrzeugen an der Umrüstung war durchaus vorhanden. Viele Autofahrer, die etwas für die Luft tun wollten, haben aber entnervt aufgegeben, weil sie kein Nachrüstkit für ihr Modell bekamen oder abgeschreckt wurden vom bürokratischen Aufwand zur Beantragung des Zuschusses.

Die Hersteller haben es abgelehnt

Die Autohersteller hatten es abgelehnt, selbst Nachrüstlösungen für Euro-5-Dieseln mit hohem Stickoxidausstoß anzubieten. Sie hatten nach Bekanntwerden des Dieselskandals die technischen Möglichkeiten geprüft und sich dagegen entschieden. Auch HJS, ein Unternehmen, das in der Vergangenheit Nachrüstlösungen in der Abgasnachbehandlung angeboten hat und in der Branche als führend gilt, hat abgewinkt. HJS ist nur im Nutzfahrzeugbereich eingestiegen.

Von den acht SCR-Katalysatoren, die vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) für knapp 2800 Modelltypen zugelassen wurden, stammen drei Lösungen von Baumot, vier von Dr. Pley. Oberland-Mangold bietet einen Katalysator an.

Nachschub zusammengebrochen

Seit einigen Wochen ist der Nachschub an Nachrüstkits regelrecht zusammengebrochen. Das börsennotierte Unternehmen Baumot, das schon länger als angeschlagen galt, aber große Hoffnungen in das Nachrüstgeschäft gesetzt hatte, musste Mitte Januar mit allen Töchtern Insolvenzantrag stellen.

Die Kfz-Branche berichtet unterdessen von Funkstille. Baumot liefere gar keine SCR-Katalysatoren mehr aus. Vor allem für Mercedes-Fahrer in der Region Stuttgart ist dies ein herber Schlag. Baumot hatte für die Volumenmodelle der A- und B-Klasse Lösungen angekündigt. Auf der Internetseite des zweiten Anbieters, Dr. Pley, heißt es seit Wochen: „Aktuell sind unsere Lagerbestände erschöpft. Neue Nachrüstsysteme stehen bald wieder zur Verfügung.“ Ob überhaupt und wann das sein wird, ist unklar. Der einzige Lieferant ist noch die Firma Oberland-Mangold, die für VW Sharan, Seat Alhambra und Audi Q5 Kits anbietet. Petra Haas vom Vertrieb: „Das Interesse ist sehr gering.“ Insgesamt habe das Unternehmen etwa 250 Nachrüstkits ausgeliefert.

Die Kfz-Innung der Region Stuttgart bedauert die Entwicklung. Obermeister Torsten Treiber sagte gegenüber unserer Zeitung: „Die Innung hat sich stark für die Dieselnachrüstung engagiert.“ Man habe 2020 rund 1000 Systeme verbaut und damit im schwierigen Coronajahr eine halbe Million Euro Umsatz gemacht. „Wir sind unzufrieden, dass wir nicht mehr Kunden bedienen konnten, die Nachfrage überstieg das Angebot bei Weitem.“