Leere Rahmen und Chaos machten in einer Ausstellung Warschau deutlich, wie die Deutschen Polens Kultur zerstört hatten. Foto: Muzeum Narodowe Warszawie

Ausstellungen nach 1945 in Paris, London oder Warschau zeigten die Wahrheit über die Nazis, aber verfolgten auch andere Interessen, wie eine Schau in Berlin nun enthüllt.

Heute würde man sagen: Da waren wahrlich kreative Kuratoren am Werk. Wie käme man sonst auf die Idee, eine Ausstellung zu machen, in der das blanke Chaos herrscht? Leere Bilderrahmen, zerschnittene Gemälde und verkohlte Skulpturen, zerbrochene Geigen und gestürzte Engelsfiguren. Sogar die Reste gesprengter Denkmäler wurden 1945 in der Ausstellung „Warschau klagt an“ präsentiert. In der schwer zerstörten Stadt mit zahllosen Massengräbern wollte man erlebbar machen, wie brutal die Deutschen im Krieg vorgegangen waren. Denn sie hatten in Polen nicht nur systematisch gemordet, sondern deren Kultur gezielt auszulöschen versucht.

Im Deutschen Historischen Museum (DHM) kann man nun Fotos dieser ungewöhnlichen Ausstellung aus Warschau sehen, die die polnische Identität wieder stärken wollte. Auch in anderen Städten wurden zu Kriegsende Ausstellungen eröffnet. So zeigte man in London im Lesesaal des Daily Express Fotos der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. In Paris präsentierte man „Crimes hitlériens“. Alle Schauen hatten ein Ziel: Sie wollten die Verbrechen der Deutschen und die unfassbare Gewalt und Unmenschlichkeit sichtbar machen.

Die Motive hinter den Schauen

„Ich dachte, es wäre übertrieben“, kommentierte denn auch ein Besucher in London. In langen Schlagen standen die Menschen an, um zu sehen, was die Engländer zwei Wochen zuvor im KZ Bergen-Belsen vorgefunden hatten. „Ich dachte, ich hätte die Nase voll von Gräueltaten“, meinte ein Soldat, „aber sich das hier anzuschauen, ist eine Pflicht.“ In nur wenigen Monaten verbreiteten die Ausstellungen in Europa schonungslos die Wahrheit über Nazi-Deutschland.

Umso erstaunlicher ist es, dass nun zum ersten Mal in einer Ausstellung nachgegangen wird, was damals in Europa vermittelt wurde – und zu welchem Zweck. Entsprechend sehenswert ist „Gewalt ausstellen“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin, das die ersten Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa in den Blick nimmt. Zahllose Länder waren unter deutscher Besatzung – an die 230 Millionen Menschen. Und endlich wurde von der Berliner Kunsthistorikerin Agata Pietrasik aufgearbeitet, welches Bild der Deutschen im Nachgang verbreitet wurde. „Tschechen, seid auf der Hut vor dem ewigen Feind“, hieß es zum Beispiel in Liberec. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei machten die Deutschen die Stadt unter dem Namen Reichenberg zur „Hauptstadt des NS-Reichsgaus Sudetenland“. Nach dem Krieg wurde in der Villa, in der der NS-Gauleiter Konrad Henlein gewohnt hatte, eine Gedenkstätte eingerichtet. Einen ungewöhnlichen Teppich aus Liberec kann man nun in Berlin sehen: Er zeigt Zwangsarbeiter, die im Getto Lodz Raubgut der Ermordeten sortieren. Produziert wurde er 1942 im Getto.

Die Pariser strömten 1945 in „Crimes hitlériens“ im Grand Palais. Foto: Service historique de la Défense Vincennes

Jeder Tscheche sollte die Gedenkstätte mindestens einmal besucht haben, lautete damals die Ansage, denn mit der ausgestellten „Nazi-Barbarei“ wollte man auch Stimmung machen und die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei legitimieren. Auch in den anderen Städten bezweckte man mit den Ausstellungen weit mehr, als nur die Wahrheit zu zeigen.

Frankreich wurde 1940 von der Wehrmacht besetzt. Im Süden hatte das Vichy-Regime allerdings mit den Deutschen zusammengearbeitet, was in der Bevölkerung für enorme Konflikte sorgte. Deshalb versuchte man nun mit der Ausstellung, die Menschen zu einen, indem man das Leid der französischen Nation ins Zentrum rückte. Fotos zeugten vom Nazi-Terror, von Krematoriumsöfen, Galgen und Folterkammern.

Jüdische Geschichte im Hintergrund

Ein Teppich von 1943 zeigt, wie Zwangsarbeiter im Getto Lodz Raubgut der Ermordeten sortierten. Foto: Association of the Jewish Historical Institute of Poland

In der Erzählung, die sich in Europa über Nazi-Deutschland verbreitete, fehlte allerdings ein zentraler Aspekt: Das Schicksal der Juden spielt sowohl in „Crimes hitlériens“ in Paris nur eine Nebenrolle, so, wie auch in Warschau jüdische Objekte eher beiläufig integriert wurden. Auch in Liberec geriet in Vergessenheit, dass die Villa einst einem jüdischen Unternehmer gehört hatte, sie blieb der Bevölkerung allein als NS-Sitz im Gedächtnis.

Umso wichtiger, dass man in Berlin noch an eine weitere Ausstellung erinnert, von der bislang wenig bekannt war. Sie macht sichtbar, wie es für die Jüdinnen und Juden, die das KZ überlebt hatten, nach Kriegsende weiterging. Als „Displaced Persons“ (DP) hatten sie Anspruch auf besondere Fürsorge, weshalb in Bergen-Belsen DP-Camps eingerichtet wurden, die bis Mitte der 1950er Jahre bestanden. Die Bewohner, vor allem die jüngeren, konnten hier eine Ausbildung machen und einen Handwerksberuf erlernen.

1947 wurde im DP-Camp Bergen-Belsen eine Ausstellung eröffnet, in der die Produkte gezeigt wurden, die man hier fertigte: Zahnprothesen oder Näharbeiten aus der Schneidereiklasse. Auch Kunst war zu sehen, in der die Menschen versuchten, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und erste Schritte hin zu neuem jüdischen Leben zu gehen.

Ausstellung „Gewalt ausstellen“ im DHM Berlin, bis 23. November, geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr.

Den Schrecken aufarbeiten

Deutschland
Auch in Deutschland sollten Ausstellungen die NS-Gräuel bewusst machen. So wanderte eine deutsche Fassung der Pariser Schau „Hitlers Verbrechen“ auch nach Baden-Baden, Freiburg oder Tübingen und brachte Nazi-Propaganda, Hitlers Parolen und Terrormethoden in Zusammenhang.

Information
Ausstellung „Gewalt ausstellen“ im DHM Berlin bis 23. November, geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr.