Entschlossen: Bundestrainer Julian Nagelsmann am Freitagabend in Mönchengladbach. Foto: imago/Jan Huebner

Der Bundestrainer stellt sich nach der schwachen Leistung bei der EM-Generalprobe gegen Griechenland schützend vor sein Team – und stärkt dem erneut patzenden Manuel Neuer vor dem Turnierstart am Freitag abermals den Rücken.

Die Strategie des Julian Nagelsmann wurde schnell klar nach diesem so mühsamen, schwerfälligen und uninspirierten Auftritt seiner Mannschaft bei der EM-Generalprobe gegen Griechenland. Positiv bleiben in der Grundstimmung, sich vor die Mannschaft stellen und den Prellbock geben gegen alle negativen Tendenzen und Stimmungen vor dem Turnierstart am Freitag in München gegen Schottland (21 Uhr/ZDF): Das war Nagelsmanns Motivation am Freitagabend in Mönchengladbach nach dem 2:1-Erfolg. „Ich glaube extrem an die Mannschaft“, sagte der Bundestrainer also und rief, fast ein bisschen trotzig, das Ziel fürs Heimturnier aus: „Wir können Großes erreichen – wir werden alles Menschenmögliche tun, um den Titel zu gewinnen.“

Und die schwache Leistung gegen die Griechen, mit Fehlern hinten, Harmlosigkeit vorne und Ideenarmut dazwischen, im Mittelfeld? „Job erfüllt“, sagte Nagelsmann nach dem Sieg trocken. Und: „Die Reaktion in der zweiten Halbzeit fand ich gut.“

Das war sie nicht, denn auf die extrem schwache erste Hälfte folgte eine Verbessrung nur in Nuancen. Wenn man es böse meinte mit der DFB-Elf, dann ließe sich sagen, dass eine Steigerung nach der ersten Halbzeit nicht schwer war – weil es schlechter kaum noch ging. Das alles aber interessierte den Bundestrainer zumindest öffentlich nicht. „Am Ende war der Sieg wichtig, um die Fans mitzunehmen – ein spätes Tor tut immer gut“, sagte Nagelsmann nach dem Ausgleich von Kai Havertz (56.) und dem sehenswerten Treffer von Pascal Groß (89.) noch. „Und späte Tore sind ganz cool für die Psyche einer Mannschaft“, ergänzte der Coach mit dem Verweis auf Meister und DFB-Pokalsieger Bayer Leverkusen, der mit dieser mentalen Stärke in der Fußball-Bundesliga gefühlt „15 plus x Mal“ enge Spiele noch gezogen habe.

„Wenn wir jetzt dreimal 2:1 spielen würden in der Vorrunde, dann würde ich das gerne unterschreiben“, sagte der Bundestrainer mit Blick auf die Gruppenspiele gegen Schottland, Ungarn und die Schweiz. Also: Ende gut, alles gut? Mitnichten.

Der Mann, der die DFB-Elf bei der EM als Chef auf dem Platz zum großen Erfolg führen soll, lieferte in Mönchengladbach eine ausgewogenere Analyse als der Bundestrainer. „Wir sind nicht so gut, wie wir zuletzt gemacht wurden – aber auch nicht so schlecht, wie wir davor gemacht wurden“, sagte Mittelfeldmann Toni Kroos, der gegen die Griechen eine schwache Leistung geboten hatte. Dann wurde Kroos konkreter: „Wir wussten, dass wir nicht so gut waren, wie wir im März dargestellt wurden“, sagte Kroos zum Leistungsabfall im Vergleich zu den starken Leistungen bei den Siegen gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1). Trainer Nagelsmann gab auch bei diesem Punkt den Daueroptimisten – er sieht sein Team nun nach drei Siegen und einem 0:0 gegen die Ukraine zuletzt „gefestigter“ als im vergangenen November nach den Niederlagen gegen die Türkei und Österreich.

Von einer allgemeinen Stabilität aber war am Freitagabend im letzten EM-Test kaum etwas zu sehen. Die schwache Leistung warf Fragen auf: Ist der gegen die Griechen schwache Kapitän Ilkay Gündogan unantastbar, muss er nach durchwachsenen Leistungen im DFB-Dress nicht auf die Bank, um in der Offensive einen Platz freizumachen, etwa für Leroy Sané? Warum traten die alten Schwächen bei der Konterabsicherung wieder auf? Und: wäre Marc-Andre ter Stegen nicht doch die bessere Nummer eins?

Vor allem letztere Frage wird die deutsche Elf nun in die EM hinein begleiten, und damit die Debatte um den einst Unantastbaren im Tor. Denn der 38-jährige Manuel Neuer, der früher ein Garant für Siege und den WM-Titel 2014 in Brasilien war, ist in diesen Wochen plötzlich offenbar zu einem normalen Torwart geworden, der Spiele auch verlieren kann. Der zwar weiter mit Weltklasseparaden begeistert, aber plötzlich mit krassen Fehlern eine Diskussion anzettelt, die Nagelsmann am Freitagabend resolut abzumoderieren versuchte.

Er werde auch nach Neuers Torgeschenk an den Griechen Giorgos Masouras „an der Torwartfrage nicht herumdoktern“. Neuer steht bei der EM im Tor. Auf eine Debatte um Neuer ließ sich Nagelsmann nicht ein. „Ich lasse keine Diskussion aufkommen“, stellte der Bundestrainer klar: „Er hat mein Vertrauen.“ Dabei patzte der Keeper beim Gegentreffer in Minute 34 folgenschwer, als er vorher einen harmlosen Schuss nach vorne abklatschen ließ. „Ich hätte den Ball“, sagte Neuer, „besser wegbringen müssen.“