Dieter Bohlen steigt bei „DSDS“ aus – vermutlich nicht ganz freiwillig. Foto: dpa/Henning Kaiser

Der scheidende Chef-Juror von „Deutschland sucht den Superstar“ sagt die Finalshows wegen Krankheit ab. Vieles spricht dafür, dass noch andere Gründe im Spiel sind. Thomas Gottschalk springt ein.

München - Das Ende kam unerwartet: Vor zwei Wochen verkündete RTL das Aus von Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). In den Finalshows am 27. März und 3. April sollte der 67-Jährige letztmals in der Jury der Castingshow sitzen. So weit wird es jedoch nicht kommen, denn am Mittwoch erklärte der Sender, dass Bohlen seine Teilnahme „leider krankheitsbedingt kurzfristig abgesagt“ habe. Eine Krankmeldung, die alle Spekulationen, ob Bohlen nach fast 20 Jahren bei „DSDS“ möglicherweise selbst das Handtuch geworfen hat, beenden dürfte.

Bohlens Platz in den Finalshows wird Thomas Gottschalk einnehmen. Das kündigte RTL am Donnerstag an. „RTL hat mich gefragt, und ich habe spontan zugesagt. Erstens lässt ein Titan den anderen nicht hängen, und zweitens hatte ich nichts Besseres vor“, erklärte Gottschalk.

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Bohlen selbst hat sich bislang nicht zu seinem Abgang geäußert. Was verwundert, war er vor der Kamera doch selten um einen Spruch verlegen. Eben diese Qualifikation hatte ihn lange unverzichtbar für „DSDS“ gemacht. Juroren kamen und gingen, Bohlen blieb, bestimmte mit seinen Taktlosigkeiten den Ton und wurde zum Markenkern der Show.

Bohlen kannte keine Gnade mit den Kandidaten

Sätze wie „Solange wir in Deutschland Stimmen haben wie deine, müssen wir uns nicht wundern, dass die Geburtenrate sinkt“ oder „Bei normalen CDs ist ja immer so ein Booklet dabei. Bei dir müsste man da eine Kotztüte rein machen“ sorgten für große Erheiterung, noch größere Empörung und vor allem solide Quoten. Ob man ihn liebte oder hasste, war letztlich egal, an Bohlen kam keiner vorbei. Samstag für Samstag.

Doch die gescriptete Schlagfertigkeit wollten am Ende immer weniger Zuschauer sehen. Nicht mal das überraschende Aus des „DSDS“-Urgesteins trieb die Quote nach oben. Am vergangenen Samstag schalteten nur noch 2,98 Millionen Zuschauer ein, was einem Marktanteil von 9,8 Prozent entspricht. Zu Hochzeiten waren es stellenweise bis zu 15 Millionen gewesen.

Bei der Konkurrenz ging es um Musik, bei Bohlen um Demütigung

Aber in einer Zeit, in der selbst der harmloseste Fauxpas für einen Shitstorm sorgt, wirkten Sprüche wie „Laut Statistik können 80 Prozent der Deutschen nicht singen. Davon warst du 79 Prozent“ wie aus der Zeit gefallen. Bohlen setzte immer auf Wirkungstreffer, wählte Keule statt Florett, um die oftmals überforderten Kandidaten vorzuführen, war witzig, boshaft – doch im Zeitalter der Befindlichkeiten und der Hypersensibilität einfach nicht mehr zu halten.

Von RTL lange ignoriert, hatte sich der Ton geändert: Während Bohlen die Kandidaten vor allem demütigte, ging es bei der Konkurrenz von „The Voice“ auf Pro Sieben tatsächlich um Musik. Der Kandidat wurde vom Objekt des Spotts zum eigenständigen Subjekt, zur raren Ressource, um die sich die Juroren gefälligst zu bemühen haben. Kuschelkur statt öffentlicher Pranger, Unterstützung statt Häme. Nicht so bei Bohlen.

Der neue RTL-Chef will „frische Impulse“ setzen

Dass es laut „Bild“ zuletzt Gerangel um Bohlens Gage gegeben haben soll, machte es dem neuen RTL-Geschäftsführer Henning Tewes leichter, in der kommenden Staffel mit einer komplett neuen Jury „frische Impulse“ zu setzen, wie es in der Pressemitteilung zum Bohlen-Aus heißt. Unter Tewes’ Vorgänger Jörg Graf hatte Bohlen absolute Narrenfreiheit. Nun gilt der einstige Erfolgsgarant der Show als Auslaufmodell und als Hemmschuh auf der Suche nach den verschwundenen Zuschauern.

Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist allerdings noch nicht gesprochen. Bohlen soll einen Anwalt eingeschaltet haben, um die rechtliche Lage zu prüfen. Dass er sein Ende als „Pop-Titan“ unkommentiert lässt, ist ausgeschlossen. Zumal er keinen Gag-Schreiber von RTL mehr benötigt, schließlich kann Bohlen auf einen reichhaltigen Fundus an Gemeinheiten zurückgreifen, mit denen er mäßig begabte bis gänzlich talentfreie „DSDS“-Kandidaten seit 2002 zur Verzweiflung trieb.

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So könnte eine Nachricht an RTL etwa lauten: „Du bist wie eine Wolke. Wenn du dich verziehst, könnte es noch ein schöner Tag werden“. Oder etwas brachialer und und damit ganz im Stile der vergangenen 18 Jahre „DSDS“ mit Dieter Bohlen: „Wisst ihr, was der Unterschied ist zwischen euch und einem Eimer Scheiße? Der Eimer!“