In das Schienennetz hat die Bahn trotz der angespannten Lage investiert. Foto: imago images/Martin Wagner

Die Fahrgastzahlen haben sich in der Pandemie fast halbiert. Der hochverschuldete Staatskonzern hofft weiter auf rund sieben Milliarden Euro Finanzhilfen.

Berlin - „Für eine starke Schiene: Wir bauen heute die grüne Bahn von morgen“ – unter diesem zuversichtlichen Motto präsentierte Richard Lutz, Chef der Deutschen Bahn AG, in einer Videokonferenz die mit Abstand schlechteste Bilanz seit dem Start des Staatskonzerns vor 27 Jahren. Damals begann auch der Pfälzer beim Nachfolger der Bundes- und Reichsbahn seine Karriere in der Finanzabteilung.

Und trotz aller Probleme soll der Manager das wichtigste Bundesunternehmen mit weltweit 324 000 Beschäftigten weiter bis 2027 steuern. Sein Vertrag wurde am Vortag vorzeitig um fünf Jahre verlängert, ebenso wie die Kontrakte von Vize Ronald Pofalla (bis 2025) und Verkehrsvorstand Berthold Huber (bis 2027). Die in der Beschlussvorlage vorgesehene Gehaltserhöhung um zehn Prozent ab 2023 für das Trio hat der Aufsichtsrat nach Bedenken dagegen vertagt.

Vorstand hofft auf Rückkehr der Fahrgäste

Der Konzernvorstand stellte die guten Nachrichten nach vorne. Mit Rekordinvestitionen von 14,4 Milliarden Euro vor allem ins lange vernachlässigte Schienennetz, zum großen Teil direkt finanziert vom Steuerzahler, hielt die DB AG auch im harten Coronajahr an der Umsetzung der Strategie Starke Schiene fest. „Wir sind der Impfstoff gegen den Klimawandel“, sagt Lutz. Fahrgäste und Gütertransporte kämen zurück und der lange positive Trend zu nachhaltiger Mobilität werde sich fortsetzen, wenn die Pandemie bewältigt sei.

Die Realität allerdings ist trist wie nie. 2020 sanken die Fahrgastzahlen in DB-Zügen europaweit um 42 Prozent auf 1,5 Milliarden. Im DB-Fernverkehr waren es noch 81 Millionen, ein Minus von 46 Prozent. Der Umsatz schrumpfte um ein Zehntel auf knapp 40 Milliarden Euro. Die Folge: Rekordverluste von 2,9 Milliarden Euro im Betrieb (EBIT) und von 5,7 Milliarden Euro unterm Strich.

Dazu trug unter anderem eine Milliardenabschreibung auf die zum Verkauf stehende britische Bus- und Bahntochter Arriva mit ihren allein mehr als 50 000 Beschäftigten bei. Auch die Güterbahn DB Cargo fuhr mit mehr als 700 Millionen Euro den sechsten Verlust in Folge ein. Cargo-Chefin Sigrid Nikutta will Europas größte Frachtbahn mit grünen Logistikketten sanieren, unter anderem mit Transporten von E-Auto-Batterien und Wasserstoff für die Fahrzeugindustrie.

Schulden explodierten schon vor der Pandemie

Die DB-Spitze und die Bundesregierung machen vor allem Corona für die desaströse wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich. Allerdings explodierten die Schulden in der DB-Bilanz, die viele Hundert Tochterfirmen umfasst, schon lange vor der Pandemie und erreichen bereits 29,3 Milliarden Euro. Es könnten noch deutlich mehr werden, wenn es der Regierung und der DB weiterhin nicht gelingt, die EU-Kommission zu überzeugen, dass rund sieben Milliarden Euro staatliche Finanzhilfen aus den Corona- und Klimapaketen für den klammen deutschen Schienenriesen freigegeben werden.

Man sei weiter in konstruktiven Gesprächen mit Brüssel, betont Finanzvorstand Levin Holle, der vom Bundesfinanzministerium zum Konzern kam. Es gehe um „sehr viel Geld für die Bahn“ und komplexe Sachverhalte. Auch andere EU-Länder hätten Hilfen für ihre Bahnen beantragt und in Brüssel wisse man, dass der Green Deal für mehr Klimaschutz auch im Verkehr nur mit viel mehr Investitionen in die Schiene erreichbar sei.

Wettbewerber gegen einseitige Bevorzugung

Die Finanzhilfen für die DB sind vor allem in der Höhe umstritten, und Wettbewerber des Konzerns drohen mit Klagen, wenn es keine belastbaren Nachweise für erlittene Coronaschäden gibt und der Staatskonzern einseitig bevorzugt wird. Holle beziffert die Pandemieverluste für 2020 auf rund sechs Milliarden Euro, zwei Drittel davon entfielen auf den deutschen Markt und der Rest vor allem auf das Arriva-Geschäft in 14 Ländern Europas. Anders als in Zahlen der Bundesnetzagentur, die vorigen Sommer die Schäden aller Bahnen in Deutschland auf nur rund 2,5 Milliarden Euro veranschlagte, seien in den DB-Zahlen auch Bussparten, Europageschäft und weniger Einnahmen an Bahnhöfen enthalten.

Ab 2022 sollen Gewinne erzielt werden

Lutz hofft, ab 2022 wieder operative Gewinne zu erzielen. Für dieses Jahr jedoch werden weitere rund zwei Milliarden Euro Betriebsverlust erwartet. Der Bund muss deshalb voraussichtlich erneut auf die geplante Dividende verzichten. Für 2020 dürfe der Konzern schon nach Handelsrecht keine Ausschüttung zahlen, erklärte Holle. Seit einigen Jahren soll die Dividende vom Bund an den Konzern für die Verbesserung der Infrastruktur zurückfließen. Ohne Dividende fehlt Geld für nötige Modernisierungen. Laut Hölle laufen Gespräche mit der Regierung über einen Ausgleich, der Teil des gesamten Hilfspakets sein soll.

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