Deniz Yücel bei der LesART in Esslingen: Der deutsch-türkische Journalist spricht in der Druckerei der Eßlinger Zeitung.

 Foto: Roberto Bulgrin

Ein Jahr lang saß Yücel in türkischer Haft, weil er sich als Journalist der Wahrheit verpflichtet fühlt. Darüber schreibt er im Buch „Agentterrorist“, das er bei der LesART vorstellt.

Esslingen Ein ganzes Jahr lang musste er hinter Gittern zubringen, weil er sich wie jeder gute Journalist allein der Wahrheit verpflichtet fühlt. Und die Ungewissheit, was der nächste Augenblick bringen würde, war in all der Zeit sein Zellengenosse. Doch trotz Schlägen, Bedrohung und Angst hat sich Deniz Yücel nie brechen lassen. „Sonst hätte ich denen Recht gegeben, die mich eingesperrt haben“, sagt er. Deniz Yücel ist in der Zeit im Hochsicherheitsgefängnis in Istanbul standhaft geblieben – standhafter, als es sich manche gewünscht hätten, die hofften, dass ein Einlenken seine Freilassung beschleunigen könnte. „Wenn ich die Zeit im Gefängnis mit einem Wort beschreiben müsste, hieße es ‚kämpfen’“, sagt Deniz Yücel. Dennoch steckt man zwölf Monate im Gefängnis nicht so einfach weg. Weil Schreiben für den überzeugten Journalisten die beste Therapie zur Verarbeitung erlittenen Unrechts und zur Auseinandersetzung mit seinen Gegnern ist, hat er seine Erlebnisse in seinem Buch „Agentterrorist“ verarbeitet, das er nun anlässlich der Literaturtage LesART in der Druckhalle der Eßlinger Zeitung vorgestellt hat. Moderiert von Chefredakteur Gerd Schneider, hinterließ der Abend bei vielen einen bleibenden Eindruck.

Während seiner zwölf Monate in türkischer Haft haben sich viele für Deniz Yücels Freilassung eingesetzt. Sein Fall schrieb Schlagzeilen – auch deshalb, weil er viel über das aktuelle politische Klima in der Türkei verrät, wo kritische Meinungen und unerwünschte Informationen als Hochverrat geächtet werden. Und wo seine Geschichte nur die Spitze eines riesigen Eisbergs ist. Entsprechend groß ist das Interesse an seinem Buch „Agentterrorist“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro). Fast 70 Lesungen stehen in 60 Tagen auf dem Programm, bei der LesART waren die Eintrittskarten in nicht einmal einer Stunde vergriffen. Yücel hat schon an den ungewöhnlichsten Orten gelesen – in der Druckhalle einer Tageszeitung noch nie. Doch der Veranstaltungsort hätte passender nicht gewählt sein können, wie Gastgeber Andreas Heinkel, Geschäftsführer von Bechtle-Verlag und Eßlinger Zeitung, fand: „Menschen wie Deniz Yücel erinnern uns daran, wie wichtig engagierter und kritischer Journalismus gerade heute für unsere Demokratie ist. Darauf müssen wir immer wieder hinweisen.“

Deniz Yücel wurde 1973 als Kind türkischer Einwanderer in Hessen geboren, und er gehört zu jenen Menschen, die das Journalisten-Gen im Blut haben. Er war Redakteur der Zeitschrift „Jungle World“, arbeitete für die „taz“ und ging 2015 als Korrespondent der „Welt“ nach Istanbul. Und er war sich wohl bewusst, dass die Türkei für Journalisten ein unangenehmer Ort sein kann: „In 100 Jahren türkischer Republik gab es nie eine Zeit völliger Meinungsfreiheit. Der Vorwurf, ein Vaterlandsverräter zu sein, sitzt locker – vor allem dann, wenn man ein ‚Ü’ im Nachnamen hat.“ Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ihm die Staatsmacht zeigte, wie sie mit unliebsamen Journalisten wie ihm umzugehen gedenkt. Dass die Situation nun auch für ihn brenzlig werden würde, wusste Deniz Yücel spätestens nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Erdogan, dessen genaue Hintergründe bis heute nicht geklärt sind: „Hinterher war alles ganz anders.“

„Gleich um die Hecke“ von ErdoganManche Journalisten sahen da die Zeit gekommen, der Türkei aus Angst vor Repressalien den Rücken zu kehren, auch seine Redaktion in Deutschland hätte seine Rückkehr nicht ungern gesehen. Warum er geblieben ist, erklärte Yücel dem LesART-Publikum so: „Das war ich dem Land und meinen türkischen Kollegen schuldig, denn die Jagd auf Journalisten geht dort weiter. In Sonntagsreden kann man leicht erklären, dass die Demokratie immer wieder neu erkämpft werden müsse. Entscheidend ist, dass man das lebt.“ Deshalb ist er auch geblieben, als er erfuhr, dass er wegen unliebsamer Artikel in der „Welt“ auf einer Fahndungsliste der türkischen Behörden stand. Eine Zeit lang hat Yücel in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters Schutz gesucht – pikanterweise „gleich um die Hecke“ von Staatspräsident Erdogans Domizil. Schließlich hat er sich den Behörden gestellt, weil er nicht länger im goldenen Käfig eingesperrt sein wollte: „Ich wusste, dass ich dadurch ein Stück Freiheit aufgebe, aber auch Freiheit zurückgewinne.“ Trotzdem hätte er sich wohl nicht träumen lassen, dass er so lange „als Geisel“ hinter Gittern bleiben und zum Spielball internationaler Diplomatie werden würde.

„Agentterrorist“ ist ein Dokument des aufrechten Gangs eines Journalisten, der auch in Zeiten der Bedrängnis nicht den bequemen Weg wählte – auch wenn die Bundesregierung, deren Verhandlungsgeschick Yücel nicht immer überzeugt hat, die Sache gerne geräuschloser geregelt hätte. Deniz Yücels Buch zeugt vom Freiheitswillen, vom Kampf um die Demokratie – und davon, wie schnell die Freiheit in einem Land verloren gehen kann. Und es erinnert daran, wie sehr Freundschaft, die Solidarität zahlreicher Unterstützer und die Liebe der eigenen Frau einen Menschen durch solch schwere Zeiten tragen können. Was Gerd Schneider bei der Lektüre überrascht und was auch das LesART-Publikum beeindruckt hat: „Bei all dem Bedrückenden, das Sie erzählen, schwingt doch immer ein gewisser Humor mit. Wie konnten Sie sich den in all der Zeit bewahren?“ Die Antwort fällt Yücel nicht schwer: „Wenn man die Dinge nicht ändern kann, kann man immer noch darüber lachen.“

Das halten die Besucher der LesArt von Yücels Auftritt.

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