Mauro Bigonzetti löst in „Deep Down“ mit Anneleen Dedroog und Maurus Gauthier die Konflikte einer Beziehung in der Symmetrie der Körper auf. Foto: Regina Brocke - Regina Brocke

Acht Uraufführungen renommierter Choreografen versammelt der neue Abend „Deuces“ bei Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus. Meist geht es um Paar-Begegnungen.

StuttgartDuschies, Döös, oder wie jetzt? „Djuusis“ wäre die korrekte englische Aussprache für den Titel des Abends, aber die Damen und Herren am Theaterhaus-Kartentelefon reagieren auf alles. „Duos“ war wohl zu unspektakulär für einen Abend aus acht solchen, jetzt jongliert ganz Stuttgart mit der Aussprache des neuen Gauthier-Dance-Programms, das übersetzt einfach „Zweier“ heißt, wie auf dem Würfel oder beim Kartenspiel.

Es lohnt sich, die Aussprache-Hürde zu bewältigen, den geneigten Zuschauer erwarten im Stuttgarter Theaterhaus acht ungewöhnliche und zum Glück ganz unterschiedliche Tanz-Duette – turbulent und mysteriös, erotisch und grotesk, futuristisch und einsam. Keiner großen Ballettkompanie, auch das muss gesagt werden, ist es in den vergangenen Jahren gelungen, derart hochkarätige Choreografen für so viele Uraufführungen zu versammeln; die meisten sind froh, wenn sie einen einzigen aus der Liga Nacho Duato, Mauro Bigonzetti oder Marco Goecke abkriegen. „Deuces“ ist ein ambitioniertes Programm, zusammengehalten durch kurze, gefilmte Statements der Choreografen: acht eigenwillige Aphorismen über den Tanz und das Leben, überraschend und sehr persönlich. Zusammengehalten auch durch die Intensität und Intelligenz der 16 Tänzer des Ensembles, die sich in vier gemischten und vier gleichgeschlechtlichen Duos lieben, streiten, verdoppeln oder vergessen. Vor allem lieben.

Mikrofone in der Leistengegend

In den 90er-Jahren, als in Frankfurt noch das Zentrum der Tanzwelt loderte, war der Portugiese Rui Horta dort quasi der Eric Gauthier zu William Forsythes großem Frankfurter Ballett. Hortas jetzt im Theaterhaus uraufgeführtes Stück „Scratch“ generiert die Musik selbst, indem er Mikrofone in den Leisten der Tänzer installieren ließ – verstörend und intim spiegelt das knisternde Donnern die Befindlichkeit des entfremdeten Paares wider.

Eine einsame Schiffslaterne kreist in „Land ho“ um die Bühne; zu atmosphärischem Industrial Punk zeigt Ed Wubbe, Chef des Scapino-Balletts in Rotterdam, die schwesterlich-tröstliche Verschwörung zweier weiblicher Matrosen, eine Variation auf „Pineapple Poll“ im düsteren London von Jack the Ripper. Zum Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ zettelt der israelisch-amerikanische Choreograf Barak Marshall einen lautstarken Ehekrieg an, die aufgestaute Wut des Paares tanzt sich in einem hüpfend-ruckelnden, sehr vitalen Stil frei, einer Art Ballroom-Rauferei aus dem Kibbuz. „Honigsaft“ heißt das wirbelnd-groteske Duo, Marshall soll bald wieder für Gauthier Dance arbeiten.

Ein futuristischer Lichttunnel verhindert in „For D“ von Guy Weizman und Roni Haver fast, dass man die Emotionalität des Tanzes genauer betrachtet; sehr verblüffend mischt das ansonsten eher für Knalliges bekannte Choreografenpaar aus Holland das maschinenartige Einrasten aus dem Breakdance mit authentischen Gesten zu einem zärtlichen Werben, zeigt Abhängigkeit und vergebliches Sehnen zwischen den beiden so eleganten ­Männern.

Als Direktor des Berliner Staatsballetts galt er als gescheitert, bei Gauthier Dance haut Nacho Duato ein Frauen-Duo raus, das an seine glühenden Avantgarde-Anfänge bei der spanischen Compania Nacional de Danza erinnert: wie gemeißelt in intimer, erotischer Schönheit, im langsamen Entfalten der Sinnlichkeit, perfekt auch im choreografischen Aufbau und der Steigerung. In sehr privatem ­Triumph ­feiert „Julia“ ein lesbisches Coming-out.

Auch Mauro Bigonzetti, vor zwei Jahren gescheitert als Direktor des Balletts der Mailänder Scala, findet in der kleinen Form die große Kreativität: In „Deep Down“ zeigt er immer neue Wege, eine Frau und einen Mann einander zu falten und zu verschlingen, die Konflikte ihrer Beziehung in der Symmetrie ihrer Körper aufzulösen. Das anfangs dichte, sehr bildhafte Duo fasert allerdings ein wenig aus. Das klebrige Bonbon des Abends serviert dann aber Richard Siegal, Chef des neuen Ballet of Difference, das von Köln aus die Grenzen der gesellschaftlichen Normen erweitern möchte. Im Theaterhaus zeigt Siegal zu Swing-Musik von Benny Goodman ein auf Effekt gebürstetes Gala-Häppchen: Billy Forsythe goes Turniertanz, zum Glück schön kurz.

Doppelgänger mit Herz

Für Marco Goecke sind manchmal zwei Tänzer schon einer zu viel, wie er sagt – vielleicht wirkt sein Duo „The Heart“ deshalb so, als spalte sich ein Einsamer in zwei Identitäten auf, in Doppelgänger, die in paralleler Suche dahingleiten oder in offensiver Selbstbefragung aufeinanderprallen. Zu Macy Grays gleichnamigem Song breitet sich eine Grundtraurigkeit aus, all die Nervosität, das Herunterspringen ins Auditorium spitzt sich in jenem Griff ans Herz des Alter Ego zu, mit dem das Stück und dieser spannende Abend enden. Dass sein Entstehen die Finanzierungslücke bei Gauthier Dance mitverursacht haben dürfte, schmälert die Qualität in keinster Weise – Eric Gauthier klang aber in seiner Moderation dieses Mal ungewohnt ernst.

Die nächsten Aufführungen: 20. bis 24. März, 16. bis 18. Mai

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