Detektivin des Alltags. Eine Zeichnung aus „Die Bodenständigen“. Foto: /Julien Posture

Die Soziologieprofessorin Barbara Thériault ist dem Phänomen der Bodenständigkeit auf der Spur. Eine Haltung, die Schwaben nicht ganz unbekannt ist.

Esslingen - Oft sind es kleine Gesten, die die großen Geschichten erzählen. Ein Blumenstrauß, den die Thüringer Linkenchefin Susanne Hennig-Wellsow dem Kurzzeit-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich vor die Füße schmeißt. Das Klopapier in der Corona-Krise. Das sind Bilder und Gegenstände, die Karriere machen und ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangen. Dabei unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von den weniger prominenten Gesten in unserem Alltag, belanglosen Gegenständen, dahingeworfenen Bemerkungen und modischen Details. In ihnen stecken starke Aussagen über einzelne Menschen und deren Verhalten. Obschon diese Formen der Kommunikation den Alltag geradezu übersäen, bleiben sie weitgehend unbeachtet und deshalb auch unsichtbar.

Barbara Thériault ist eine Detektivin des Alltags, die das Unsichtbare sichtbar macht. Die Autorin des Buches „Die Bodenständigen“ packt die kleinen Dinge, die sie aufspürt, in eine kleine Form und enthebt sie auf diese Weise ihrer Unscheinbarkeit. Ausgestattet mit dem Wortwerkzeugen einer literarisch orientierten Journalistin und dem Wissen einer Soziologin ist die Kanadierin ausgezogen, um Pionierarbeit in Ostdeutschland zu leisten, wo sie bereits seit vielen Jahren „die Mitte“ – eine neue Bürgerlichkeit, die sich nach der Wende formierte – untersucht. Um den wissenschaftlichen Kategorien zu entkommen, verließ die Soziologieprofessorin für eine Zeit lang den Hörsaal in Montreal und wurde zur Flaneuse in Erfurt. Sie ist Deutschlands erste Bodenständigkeitsforscherin. Und das auf eine sehr spezielle Art und Weise. Die Katheder-Perspektive tauschte sie gegen eine Straßenansicht aus.

Kracauers Erbin

Ihre „Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft“, so der Untertitel des im Leipziger Verlag „edition überland“ erschienenen Buches, vereint 42 Texte, vornehmlich soziologische Feuilletons, die nicht zufällig an die Alltagsbetrachtungen eines Siegfried Kracauers erinnern. Mit seinem herausragenden Blick für das kleine Detail brachte Kracauer es in den 1920er-Jahren fertig, das Universum einer neu entstehenden Schicht – die der Angestellten – so nah und lebendig zu beschreiben, dass die Texte hundert Jahre später noch immer das lebendige Bild der widersprüchlichen Lebenswelt des Büroproletariats evozieren. Im Kern hat sich in den hundert Jahren auch gar nicht so viel geändert: Aufstiegsambitionen und Abstiegsängste stehen im ständigen Widerstreit. Nicht weniger virtuos beschrieb Kracauer die Straßen von Berlin. Und wenn er von Straßen sprach, meinte er die Menschen und die Art des Zusammenlebens. „Ohne die Lektüre seiner Schriften“, schreibt Thériault anerkennend im Vorwort, wäre ihr eigenes Buch „so nicht entstanden.“

Das Muster – Feuilletons der 1920er- und frühen 1930er-Jahre – ist klar erkennbar. Auch wenn der Begriff „Feuilleton“ heute in der Regel in einem anderen Zusammenhang gebraucht wird – Rezensionen von Theateraufführungen und Kunstausstellungen –, ausgestorben ist diese Form des literarischen Journalismus keineswegs. Jenseits von sprödem Nachrichtenjournalismus einerseits und effekthascherischen Klatschgeschichten andererseits bietet das soziologische Feuilleton Wirklichkeitsbeschreibungen an, die in einem unterhaltsamen Stil den Alltag der Menschen aus einer ungewohnten Perspektive beschreiben.

Das also ist das Geschäft der Autorin Barbara Thériault, die von ihrem eigenen Fach, der Soziologie, mitunter gelangweilt ist, wie sie selbstironisch einräumt. Ihr Thema ist die Mittelschicht in Ostdeutschland, über die zahlreiche Soziologen bereits tausende Daten zusammengetragen haben, die in zig Studien analysiert wurden. Aber noch nie wurde die entstehende ostdeutsche Mittelschicht auf eine Kracauersche Art und Weise porträtiert.

Die Mitte der Mitte

Die meisten Geschichten sind Beschreibungen aus „einer mittelgroßen Stadt im Zentrum Deutschlands“ und deren ländliche Umgebung. Erfurt kennt die Autorin gut: Sie war die erste Studentin des in den 1990er-Jahren gegründeten Max-Weber-Kollegs. Abgebrochen ist die Beziehung zur Landeshauptstadt Thüringens nie. Heute sagt sie: „Ich bin Erfurterin“ und gibt die Stadt – neben Montreal – als ihren Wohnsitz an.

„Die Mitte“, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort, „ist nüchtern, untätowiert, unparfümiert, gemäßigt und trägt gerne karierte Hemden. Sie bezeichnen sich selbst als bodenständig, ein in fremden Sprachen unübersetzbares Wort, das mir lange nicht wirklich vertraut war.“ Der Begriff der Bodenständigkeit drücke „einen Ethos des Maßhaltens“ aus. „Diese Haltung – nicht zu viel, nicht zu wenig – prägte den Diskurs, aber auch das Verhalten und den Geschmack (in Sachen Schönheit, Essen und Trinken, Beziehungen). Auch das Träumen.“

Die Ergebnisse ihrer Expedition sind keine sozioökonomischen Formulierungen und Definitionen, wie sie selbst betont. Es gehe ihr viel mehr um eine Tendenz: „eine innere Notwendigkeit zum Maß und zur Mitte“. Und das in einer Form, die „Soziologie, Reportage und Literatur“ verbindet.

Völlig normal

In ihren Stories geht sie der Frage nach, warum so viele Erfurter heimlich heiraten. Sie gelangt in Wohnungen, die vielen bekannt vorkommen müssen: Wie bei ihnen selbst zu Hause hängen unzählige Familienfotos an der Wand. Sie landet auf einer Party, auf der Krankheiten das große Thema sind, am Ende aber alle aneinander vorbeireden. Sie begegnet den karierten Hemden, die in Erfurt (und sicherlich weit darüber hinaus) auffallend oft zu finden sind und gerade deshalb nicht auffallen: „Sie sind so allgegenwärtig, dass die Gefahr besteht, sie einfach zu übersehen  . . .  Völlig normal sind sie. Einem Spion wäre zu raten, sie zu tragen.“

Nun ist Bodenständigkeit kein ostdeutsches Spezifikum – die Schwaben seien sprichwörtlich dafür bekannt, schreibt Thériault. Interessant aber ist, dass nach Auffassung von Thériault das politische System der DDR der Bodenständigkeit mitunter positiv gegenüberstand. Das wohl auch, weil „sie sich der früheren Eliten weitestgehend entledigt hatte und neue sich aus der Mitte rekrutierten – wo die Bodenständigkeit gedeiht“.

Das Bodenständigkeitsthema des „nicht zu viel, nicht zu wenig“ zieht sich durch das gesamte Buch. Daneben gibt es einen weiteren roten Faden der formalen Art. Der Perspektivwechsel. In einigen Geschichten treibt Thériault die Verfremdung so weit, dass sie einen surrealen Zug bekommen. Dann werden die Gegenstände lebendig und sprechen. Eine Frau hat keinen Mann, sondern ein kariertes Hemd zu Hause. Ein Präsident aus Stein lobt von seinem Denkmalthron die fleißigen Reinigungskräfte der Stadt. Eine Zeitung schildert ihr Dasein in einem ziemlich normalen Straßencafé, das so belanglos zu sein scheint, dass das Blatt sich nicht einmal an den Namen seiner Herberge erinnert.

Ungewohnte Perspektiven

Das Prinzip des Perspektivwechsels bestimmt zudem die Kapiteleinteilung. Die Detektivin des Alltags beginnt ihre Expedition in Erfurt, die sie als „eine mittelgroße Stadt in Mitteldeutschland, sozusagen die Mitte der Mitte“ vorstellt. Weil die Erfurter gerne betonen, wie anders sie seien als alle anderen, durchquert Thériault die Region rund um Erfurt, um diese Aussage zu überprüfen. Weil jede Stadt irgendwie anders ist als andere Städte und es gleichzeitig doch so viele Gemeinsamkeiten gibt, spielt es nicht wirklich eine Rolle, dass es darauf keine dezidierte Antwort gibt. Viel spannender ist, dass die Alltagsdetektivin immer wieder auf die Bodenständigkeit trifft, wo auch immer sie den Blick hinwendet. Unter anderem besucht sie ein ehemaliges DDR-Ferienhotel, in dem die Gäste älter geworden sind, die Zeit aber stehen geblieben ist. Sie macht eine Nachtfahrt mit dem Taxi durch die AfD-Hochburg Gera und wird mit der Eifersucht der Frau des Taxifahrers konfrontiert. Von hier aus kehrt sie zu ihrem tragenden Thema zurück. Das Kapitel dazu nennt sie „Soziologie der Bodenständigkeit“ – ein kecker Seitenhieb auf alle Großtheoretiker, die mit ihren abstrakten Erklärungsmodellen ganz viel Rahmen abstecken und dabei vergessen, es mit einem detaillierten Bild zu verbinden. Für manch einen Soziologiekollegen, wenn er denn nicht mit ausreichend Humor gesegnet wurde, ist das ein Affront auf die Zunft: Versprochen wird eine „Soziologie der . . .“-Theorie, geliefert werden karierte Hemden, Säufer in Absturzkneipen und ganzkörperrasierte Provinzpolitiker in der Sauna. Im nächsten Kapitel entfernt sich Thériault an den Rand der Gesellschaft, „von dem aus sich die Mitte manchmal besser betrachten lässt“ und „wo diese Gruppe sonst nicht zu verkehren pflegt“. Unter anderem trifft sie in einem „Asyl für Lebensbestrafte“ auf allerlei schräge Vögel und in „unsichtbaren Gesellschaften“ lernt sie, wie man den „leeren Blick“ aufsetzt, um sich einem Gespräch zu entziehen.

Schon einmal an einem Rand angelangt, entfernt sich die Autorin im folgenden Kapitel nun auch räumlich: Sie unternimmt einen Ausflug nach Lemberg, wo sie tatsächlich mehrere Monate lebte und als Stadtschreiberin neue Inspiration suchte. In diesem Kapitel tauchen neue Themen auf, aber in Rechercheansatz und Stil bleibt sich die Autorin treu. An sich ist Lemberg interessant genug, um Stoff für eine Alltagsethnologin zu bieten. In den „Bodenständigen“ wird die Stadt zum erweiterten Rand, von dem die Feuilletonistin mit dem Fernglas auf Ostdeutschland blickt und irgendwo am Rande auch den kanadischen Vorort entdeckt, in dem sie aufwuchs.

Ästhetik der Bodenständigkeit

Der junge Verlag „edition überland“ aus Leipzig und die Autorin selbst haben sich viel Mühe gegeben, das literarische Denkmal der Bodenständigkeit in eine ästhetisch ansprechende Form zu bringen. Der Text läuft in einer Art Zeitungsspalte, die Anmerkungen sind nicht ganz, aber fast in den Text integriert und erinnern an das bodenständige „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Es gibt einige vielsagende Fotos und vor allem umwerfend gute Illustrationen von Julien Posture. Der Text enthält verschiedene Typografien und orangefarbene Einsprengsel, zuweilen leicht verspielt: Überall ist Abwechslung, aber nie zu viel und nie zu wenig. Man könnte fast schon von einer bodenständigen Ästhetik sprechen. Passend zur Autorin, die – nicht ganz frei von Ironie – von sich behauptet, im Schreibprozess so etwas wie eine bodenständige Soziologin geworden zu sein. Auch wenn die Geschichten viel Humor verraten, wirkt ihr Blick auf die karierten Hemden an keiner Stelle abschätzig. Mehr noch: In einem „Wort von der Straße“ traut sie dem Bodenständigkeitsbegriff sogar eine Inklusionschance zu. Der Begriff ziele zwar auf die Mitte, sei aber kein soziologischer, sondern ein Alltagsbegriff, der „auf eine Haltung, ein Verhaltensmuster, eine Lebensführung“ hinweise und „quer durch soziale Schichten“ laufe. Eine Art Dach also, das über den Identifikationspunkt „Bodenständigkeit“ Widersprüchliches nebeneinander toleriert.

Barbara Thériault: Die Bodenständigen. Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft. Edition Überland, Leipzig. 224 Seiten, 14 Euro.

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