Busse und Bahnen, die den Fahrplan einhalten, finden ihre Kundschaft. Aber welche gestalterischen Elemente können darüber hinaus den Umstieg auf den Nahverkehr attraktiv machen? Die Region Stuttgart hat Antworten auf diese Frage gesucht.
Kein Zweifel möglich, die Region Stuttgart ist in Bewegung – und das nicht zu knapp. Jeden Tag werden zwischen Alb und Unterland, zwischen Schwäbischem und Schwarzwald sage und schreibe 53 Millionen Kilometer mit den Auto zurückgelegt – noch einmal gut so viele Kilometer entfallen täglich auf die übrigen Fortbewegungsarten. Der sogenannte Modal Split – die Verteilung der Gesamtmobilität auf die verschiedenen Verkehrsträger – ist also nach wie vor stark auf das Auto fokussiert.
Viel Mobilität in der Region
So beweglich die Menschen in der Region sind, so eingefahren sind sie in ihrem Verhalten. „An unserem Mobilitätsverhalten hat sich im Grunde in den vergangenen 30 Jahren so gut wie nichts verändert“, sagte Alexandra Bading, bei der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) zuständig für Nachhaltige Mobilität und Mobilitätsmanagement. Was neben Zuverlässigkeit und Funktionalität noch dazukommen muss, um Menschen zum Umsteigen zu bewegen, hat die WRS dieser Tage bei ihrem „New Mobility Design Kongress“ ausgelotet. Im Straßenbahnmuseum in Bad Cannstatt haben sich Fachleute der unterschiedlichsten Disziplinen vor der Kulisse von Schienenoldtimern die Frage gestellt, wie weit es mit der „sinnlichen, ästhetischen und funktionalen Gestaltung des öffentlichen Nahverkehrs“ her ist.
Mobilität müsse Popkultur werden, forderte Veit Haug von der WRS in seinem Impuls. Für den Straßenverkehr gelte das schon lange, wie er anhand einiger Beispiel belegte – man denke etwa an Janis Joplins inständigen Wunsch, der Herr möge ihr einen Mercedes-Benz kaufen. Dem Nahverkehr hafte hingegen häufig ein Verliererimage an – „manchmal immerhin auch das des Lucky Losers“, versuchte Veit seine Analyse nicht allzu negativ klingen zu lassen.
Hoher Stellenwert des Designs
Beim Nahverkehr werde die „gestalterische Optimierung oft vernachlässigt“, konstatierte Dominic Hofmann, Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences. Dabei habe Design einen ausgesprochen hohen Stellenwert bei der Verkehrsmittelwahl. In einer Erhebung haben demnach 42 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer den Einfluss von Design auf ihre Wahl des Fortbewegungsmittels als sehr hoch oder hoch eingestuft.
Preisdruck auf Kosten der Innovation?
Für den Einsatz von viel Hirnschmalz bei der Gestaltung von neuen Fahrzeugen plädierte denn auch Frank Schuster, was vielleicht nicht ganz überraschend ist, weil er mit seiner Kirchentellinsfurter Firma Tricon für das Design der künftigen Stuttgarter Stadtbahnen verantwortlich zeichnet. Schuster strich anhand von drei Beispielen – neben der Bahn aus Stuttgart auch jene aus Hannover und Bern – heraus, dass bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge auf die lokalen Gegebenheiten und Anforderungen besonderes Augenmerk zu legen sei. „Alle Menschen sind nicht gleich.“ Schuster appellierte an die Auftraggeber, von der starken Fokussierung auf den Preis Abstand zu nehmen. Dadurch gehe Innovationspotenzial verloren.
Der Wert der Wegweisung
Die bestgestaltete Bahn nutzt aber nichts, wenn sich der Fahrgast auf dem Weg zur Haltestelle verläuft. Mit dem Thema Fahrgastinformation befasste sich Viktoria Brandenburg. Ihr Unternehmen bestehe „aus einem kleinen Haufen Nerds, die sich mit einem nischigen Thema befassen“, sagte sie. Aber eines, das wichtig sei. „Wir sind dort, wo der erste Schritt Richtung ÖPNV gemacht wird.“ Dass dort noch Luft nach oben ist, machte sie an einem schlichten Beispiel deutlich. Während etwa die Beschilderung im Straßenverkehr bundesweit einheitlich sei, sei das im Nahverkehr nicht der Fall. Brandenburg plädierte für den Mut zur Vereinfachung bei der Wegweisung. „Ich muss wissen, wo der Ersatzbus hält, und nicht, warum es die Baustelle gibt, wegen der der Bus überhaupt fährt.“