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Die Stuttgarter zeigen sich neuerdings politischer. Das war man vom VfB in der Vergangenheit so nicht gewohnt.

StuttgartEs handelt sich nur um eine kleine Marketingaktion, die Botschaft dahinter ist dafür umso deutlicher: „Liebt doch, wen ihr wollt, Hauptsache euer Herz schlägt für den VfB“, heißt es in einem Tweet, den der VfB Stuttgart anlässlich des bevorstehenden Valentinstags in die Welt gesetzt hat. Darin wird für den Kauf eines Trikots ein um 50 Prozent reduziertes Partnertrikot beworben. Eine Allerweltsaktion, der textliche Aufhänger nebst Regenbogenfahne sticht aus dem üblichen Marketing-Einerlei der Fußballbranche aber deutlich heraus: Der VfB bekennt sich zu (sexueller) Vielfalt und Toleranz.

Es ist beileibe nicht die einzige Botschaft, mit welcher der Fußball-Zweitligist seit geraumer Zeit auf Sendung geht. Als Teile der eigenen Fans beim Auswärtsspiel auf St. Pauli kürzlich ein sexistisches Transparent in die Höhe reckten, ließ die Reaktion der Vereinsführung nicht lange auf sich warten. Als „absolut indiskutabel“ wurde die Aktion in einer Stellungnahme ungewöhnlich deutlich gebrandmarkt. Sie sei „mit den Werten des VfB nicht vereinbar“.

Welche Werte damit gemeint sind, machte Präsident Claus Vogt wenig später deutlich, als er sich nach den Beleidigungen gegen Herthas Jordan Torunarigha solidarisch mit dem Berliner Rassismusopfer zeigte: „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“, twitterte der 51-Jährige, der grundsätzlich gerne mal in die Tasten haut. Stets versehen mit dem Hashtag #VomICHzumWIR. „Sich gegen Rassismus, Sexismus und jegliche Form von Diskriminierung auszusprechen, hat nichts mit Politik zu tun, sondern mit menschlichen Werten. Dafür steht unser VfB. Und das wollen wir vorleben“, sagte der im Dezember zum Präsidenten des Hauptvereins gewählte Vogt.

Kleiner Kulturwandel

Der Verein aus Cannstatt, mit 70 000 Mitgliedern immerhin der größte in Baden-Württemberg, hat in den vergangenen Monaten fast schon einen kleinen Kulturwandel vollzogen – und das nicht nur, weil der VfB in dem neuen Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger und dem neuen Präsidenten die ersten twitternden Clubchefs hat und so in den sozialen Medien präsenter ist denn je. Unter ihrer Federführung zeigt der VfB plötzlich deutlich Flagge – für Vielfalt, Toleranz und Demokratie. Das war man in der Vergangenheit so nicht gewohnt.

Zwar wurden auch unter früheren Vereinschefs an Holocaust-Gedenktagen Kränze niedergelegt. Vielmehr an politischen Statements gab es aber nicht. Zur Begründung wurde stets auf die Satzung verwiesen, in der es unter Punkt zwei heißt: „Der Verein ist politisch und weltanschaulich neutral.“ 2017 nahm man die Satzung sogar so genau, einem im VfB-Mitgliedermagazin abgelichteten Fan den Anti-AfD-Schriftzug auf seinem T-Shirt wegzuretuschieren. Nun entflammt die Debatte um Sport und Politik bei Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften jedes Mal aufs Neue. Schweigen oder die Stimme erheben – in diesem Dilemma stecken nicht nur viele Sportler, sondern auch die Vereine der Fußball-Bundesliga mit ihrer riesigen Reichweite. Erst recht in einer politisch hitzigen Zeit wie im Moment.

Trend zeigt in klare Richtung

Der Trend zeigt in eine klare Richtung. In immer mehr Clubs wird Position bezogen, besonders gegen rechte Auswüchse. Wo der FC. St. Pauli einst den Anfang machte, ziehen immer mehr hinterher. Ob sie nun Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld, Schalke 04 oder VfB Stuttgart heißen. „Gesellschaftspolitische Themen gehören heute zum Fußball dazu. Insofern ist es nur logisch, dass wir uns zu relevanten Themen äußern. Wir tun das mit Augenmaß“, sagt Hitzlsperger, der Vorstandsvorsitzende der Fußball-AG. Dazu zählt für den Zweitligisten neuerdings auch eine Kooperation mit dem Naturschutzbund Nabu. Oder dem „Mobility Hackathon“, bei dem es darum geht, Fußballfans eine umweltgerechtere Anreise zu den Heimspielen zu ermöglichen. Als sich bei der jüngsten Mitgliederversammlung ein Fan mit Down-Syndrom über die Situation für Behinderte beschwerte, bekam er prompt ein Praktikum angeboten.

Für derlei Engagement gibt es einen Fachbegriff: Corporate Social Responsibility (CSR), was so viel bedeutet wie unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Sie kommt dem Wunsch vieler Fußballfans entgegen. Laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Impact & Emotions wünschen sich zwei Drittel von ihren Vereinen eine stärkere Vorbildfunktion. Dieser kommt der Traditionsverein unter dem Leitbild VfB-Fairplay schon länger nach, darauf legen die Verantwortlichen Wert. Ob für Umweltschutz, für Behinderte, Menschen mit Demenz oder Drogenkranke – neu ist das Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung beim VfB nicht. Doch es hat neue Dimensionen erreicht.

Und wo liegen die Grenzen des politischen Sendungsbewusstseins? So weit wie einst Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer wollen sie beim VfB nicht gehen. Fischer hatte eine Mitgliedschaft bei der AFD mit einer Mitgliedschaft bei der Eintracht für unvereinbar erklärt und damit für viel Wirbel gesorgt. Vogt sagt nur so viel: „Rassistische und diskriminierende Verhaltensweisen und Äußerungen werden beim VfB nicht geduldet. Wir gehen im Rahmen unserer Möglichkeiten dagegen vor.“ Auf politische Neutralität wird großen Wert gelegt. Als Baden-Württembergs SPD-Chef Andreas Stoch kürzlich medienwirksam eine Kiste Bier auf der Geschäftsstelle in Bad Cannstatt vorbeibringen wollte, um eine Wettschuld einzulösen, lehnten die VfB-Oberen dankend ab: Man wolle keinen parteipolitischen Präzedenzfall schaffen.

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