Pellegrino Matarazzo ist fast zwei Meter groß Foto: imago/Claus Bergmann - imago/Claus Bergmann

Der frühere Hoffenheimer trainiert den Fußball-Zweitligisten. Er soll die Schwaben zum Aufstieg führen.

StuttgartDer VfB Stuttgart hat einen Riesentypen verpflichtet. Fast zwei Meter ist Pellegrino Matarazzo groß, in den USA als Sohn italienischer Einwanderer geboren und aufgewachsen. Er hat in New York Mathematik studiert, seine aktive Spielerlaufbahn aber nahezu ganz in Deutschland verbracht. Jetzt ist er seit fast fünf Jahren Fußballlehrer, und bei der TSG 1899 Hoffenheim , wo er zuletzt als Co-Trainer tätig war, schwärmen sie von Matarazzos menschlicher Art, seinem analytischen Sachverstand und der Fähigkeit, junge Spieler zu verbessern.

Letzteres war im Kraichgau unter dem Chefcoach Alfred Schreuder in den vergangenen Monaten sogar Matarazzos Hauptaufgabe. Er koordinierte den Übergangsbereich vom hoffnungsvollen Nachwuchs zu den Bundesliga-Stars. Diese Faktoren gaben schließlich mit den Ausschlag dafür, dass sich Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat für die unbekannte Größe entschieden haben.

„Wir wollen kurzfristig erfolgreich sein, unser fußballerisches Profil weiter schärfen und sicherstellen, dass die Tür zur Profimannschaft für unsere Jugendspieler auch in Zukunft offen steht“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Hitzlsperger. All das sah er in einer weiteren Zusammenarbeit mit Tim Walter gefährdet – weshalb sich der Fußball-Zweitligist unmittelbar vor Weihnachten nach einem halben Jahr von ihm trennte.

Jetzt soll es in Matarazzo (Vertrag bis 2021) zwar ein neuer Mann richten, doch die fußballerischen Inhalte bleiben die alten. Kontinuität in den Denk- und Handlungsweisen erhoffen sich die Stuttgarter davon, wenn es schon mit der personellen Konstanz nicht hinhaut. Dominant will der VfB auftreten, temporeich agieren und eine Mannschaft mit Potenzial aufbauen, die über die Perspektive verfügt, sich auch in der Bundesliga zu behaupten. Kurzfristig bleibt der direkte Wiederaufstieg das Ziel. „Wir sind überzeugt, dass Pellegrino Matarazzo unserer Mannschaft wichtige Impulse in der zweiten Liga geben kann“, sagt Sportdirektor Mislintat.

Matarazzo gilt als nachdenklich

Allerdings nicht mehr zwingend über Ballbesitzfußball à la Walter und dessen Brachialrhetorik. Matarazzo gilt als nachdenklich und bildet somit in puncto Charakter einen Kontrast zum Vorgänger. Seinen Spielstil definiert er nicht über ewige Ballstafetten, sondern über eine größere Palette – Ballbesitz ist da eine Option, überfallartige Angriffe eine zweite. Wie es Julian Nagelsmann in Hoffenheim vermittelte, wo Matarazzo mit ihm zusammenarbeitete.

Mit dem jetzigen Erfolgscoach von RB Leipzig absolvierte der neue Stuttgarter Chefcoach den Lehrgang zum Fußballlehrer. Sie teilten in Hennef ein Zimmer – und später viele Gedanken. „Ich durfte in Hoffenheim viele Erfahrungen sammeln und viele interessante Menschen kennenlernen“, sagt Matarazzo, der eine geringe Ablösesumme kostet, „nun freue ich mich auf die Aufgabe beim VfB, die wir mit viel Optimismus angehen werden.“

Am 6. Januar wird es für den 42-jährigen Italoamerikaner ernst – mit einem Trainerteam, das schon vorhanden ist. Rainer Widmayer und Michael Wimmer als Assistenten gehören ebenso dazu wie der Torwarttrainer Uwe Gospodarek sowie die Athletiktrainer Martin Franz und Matthias Schiffers. Nur Rainer Ulrich, der Walter als väterlicher Freund verbunden ist, zählt nicht mehr zu der Gruppe, in der Widmayer eine stärkere Rolle als zuletzt zugedacht ist.

Der Taktikexperte soll sich mehr um die defensive Stabilität kümmern, um dem offensiv ausgerichteten Spiel Halt zu geben. Auch das ist ein Ergebnis der Analyse, die Mislintat und Hitzlsperger mit dem Sportmanager Markus Rüdt betrieben haben. Denn nach Auffassung der Verantwortlichen lief nicht nur die Entwicklung einzelner Spieler falsch, sondern ebenso die ganze Spielentwicklung.

Der VfB fühlte sich decodiert. Er fand keine Lösungen mehr gegen tief verteidigende Gegner – und von denen gibt es viele. Vor diesen Herausforderungen steht nun Matarazzo, dem der Ruf vorauseilt, ein Talententwickler zu sein. Auch ein akribischer Taktiker, der etwas mitbringt, von dem die Stuttgarter offenbar nicht genug haben: Erfolgshunger.

Aus einfachen Verhältnissen

Matarazzo, der aus einfachen Verhältnissen stammt, hat sich alles in seiner Karriere erarbeitet. Trotz Angeboten, als Investmentbanker in das Big Business in New York einzusteigen, riskierte er im Jahr 2000 den Sprung nach Deutschland, um auf die Karte Fußball zu setzen. „Ich war durchschnittlich schnell und technisch nicht immer ganz sauber, hatte aber ein gutes Auge und war knallhart im Zweikampf“, schätzt sich der frühere Mittelfeldspieler selbst ein. SV Wehen Wiesbaden, Preußen Münster und 1. FC Nürnberg II lauteten einige Stationen.

Als Trainer übernahm er in der Saison 2012/2013 in Nürnberg die U 17, später die U 19. Es folgte der Wechsel in den Nachwuchsbereich der Hoffenheimer – und jetzt der Sprung vom modernen Kommerzverein zum konservativen Traditionsverein. Eine Riesenherausforderung für den Riesentypen aus New Jersey.

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