Hermann Schürg war 20 Jahre alt, als er an der Somme kämpfen musste. 100 Jahre später stehen seine Enkel Christoph (von links) und Hartmut sowie deren Neffe Daniel am Ort des Geschehens. Fotos: oh/Ignatzi Quelle: Unbekannt

Zwei der Geehrten tragen den Namen Schürg. Als sein Name fällt, zuckt Hermanns Enkel Hartmut zusammen. „Ein deutscher Militärmarsch durch Frankreich, das ist schon gewöhnungsbedürftig“, sagt Schürg.

Von Christian Ignatzi

Die Marschbefehle der Offiziere hallen über die Felder, dass es einem durch Mark und Bein dringt. An diesem 1. Juli 1916, Punkt 7.30 Uhr, steigen sie aus ihren Schützengräben. Tausende britische Soldaten, bepackt mit jeweils 15 Kilo schwerem Marschgepäck, ausgerüstet mit Schaufel und Gewehr. Sie klettern aus den Stellungen und rennen. Direkt in Richtung der Soldaten des deutschen Kaiserreichs. Durch Matsch und Schlamm, über tote Körper und verwundete Kameraden. Sie hoffen auf den schnellen Sieg - und haben keine Chance. Auf der anderen Seite des Feldes stehen die deutschen Soldaten in ihren geschützten Stellungen und mähen die Briten nieder. Einen nach den anderen, mit grausam unaufhaltsamen Maschinengewehrsalven.

Die meisten sind Schwaben, die aus Württemberg an die Westfront mussten. Einer von ihnen ist Hermann Schürg aus Großaltdorf bei Schwäbisch Hall. Der 20-Jährige ist seit zwei Wochen an der Front. Nun sieht er dabei zu, wie tausende Menschen in wenigen Stunden sterben - und weint.

Genau 100 Jahre später, derselbe Ort. Die Felder am Flüsschen Somme reichen so weit das Auge reicht. Von Horizont zu Horizont in sattem Grün und leuchtendem Gelb. Hier und dort blühen Mohnblumen. Der Wind weht an diesem kühlen Tag. Vögel zwitschern und der Musikkorps der Bundeswehr aus Siegburg beginnt einen minutenlangen Trommelwirbel. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler sieht zwei Soldaten dabei zu, wie sie einen bunt geschmückten Ehrenkranz vor einen Schrein stellen. „In vier Gemeinschaftsgräbern ruhen 11 970 deutsche Soldaten, 6477 blieben unbekannt“, steht darauf. Der Moderator der Gedenkfeier liest die Namen der Geehrten. Zwei von ihnen tragen den Namen Schürg. Nur ihr Bruder Hermann hatte die Schlacht an der Somme überlebt. Als sein Name fällt, zuckt Hermanns Enkel Hartmut innerlich zusammen. Gemeinsam mit seinem Bruder Christoph und dem Neffen Daniel Geroles ist er aus dem Raum Stuttgart zum Soldatenfriedhof nach Fricourt gefahren. Vorbei an Verdun, dem berühmten Schlacht-Ort des ersten Weltkriegs, durch die Champagne, mitten ins Niemandsland der französischen Picardie, wo die Dörfer aus roten Backsteinhäusern aussehen wie britische Enklaven aus einer längst vergessenen Zeit.

„Als die Namen fielen, hatte ich schon Gänsehaut“, sagt Hartmut Schürg. Der 51-Jährige, Geschäftsführer eines bekannten mittelständischen Unternehmens, wandelt auf dem Soldatenfriedhof, dem Schauplatz der Gedenkfeier, auf den Spuren seiner Vorfahren. „Als mein Großvater starb, war ich sieben Jahre alt“, erzählt er. „Erst viele Jahre später habe ich mich wirklich dafür interessiert, was er im Ersten Weltkrieg erlebt hat.“

Entstanden sei das Interesse für die eigene Familiengeschichte, als Schürg vor einigen Jahren mit seiner Frau an Verdun vorbeifuhr. „Sie fragte mich, ob ich etwas über die Geschichte meines Großvaters wisse. Also machte ich mich auf die Suche.“ Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Christoph pflügte er sich durch Bücher aus dem Nachlass des Großvaters, durchforstete das Stuttgarter Staatsarchiv und interviewte seinen Vater und seine Tante. Heraus kam ein zwar noch immer verschwommenes, aber schon deutlicheres Bild: „Man kann den ersten Weltkrieg anhand der Familiengeschichte zwischen 1914 und 1918 nachverfolgen“, sagt der Stuttgarter.

An der Somme kämpften die drei Schürg-Brüder im Jahr 1916 im Ort Beaumont-Hamel, rund acht Kilometer nördlich des heutigen deutschen Soldatenfriedhofs und auf dem deutschen Hauptstützpunkt, der nach den Kämpfern benannten Schwabenfeste, im angrenzenden Örtchen Thiepval. Noch Jahre später sollten die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg Hermann Schürg prägen. Immer wieder wachte er nachts auf, schreiend und schweißgebadet. Viel erzählte er seinem Enkel nicht. Eine Geschichte, die sich 1945 zutrug, blieb ihm aber im Gedächtnis. Als SS-Schergen Draht von dem Schmiedemeister Schürg verlangten, um sein Dorf zu verminen, weigerte er sich. Die unerwiderte Liebe eines SS-Soldaten zu Schürgs damals 17-jähriger Tochter rettete ihm das Leben, als ein Offizier ihm die Waffe an die Schläfe hielt. „Dieses Beispiel zeigt, dass mein Großvater ein friedliebender Mensch war, der niemals kämpfen wollte“, schließt Hartmut Schürg daraus.

Überhaupt habe sich der Hass der Bevölkerung und der Soldaten schon damals gegen den Krieg gerichtet statt gegeneinander. „Vielleicht macht gerade das den europäischen Gedanken aus, mit dem wir uns heute an den Ersten Weltkrieg erinnern können“, vermutet Schürg, ehe ein 16-jähriger Engländer demonstriert, was er damit meint. Die B-Jugend-Teams der Fußballclubs Hertha BSC aus Berlin und des FC Liverpool tragen während der Gedenkfeier Schriftstücke von damaligen Frontsoldaten vor. „Ich danke Ihnen, dass wir vom FC Liverpool heute mit Ihnen das Gedanken an die Opfer des Ersten Weltkriegs feiern dürfen“, sagt der jugendliche Brite danach in souveränem Deutsch. „Von uns allen beim FC Liverpool: You’ll never walk alone.“ Der Wahlspruch des ruhmhaften Vereins, der so viel bedeutet wie „ihr seid auf eurem Weg nie allein“, löst donnernden Applaus aus.

„Das ist sehr ergreifend, sagt auch Hartmut Schürg, dessen Neffe Daniel Geroles sich in diesem Moment an die Überlieferungen seines Urgroßvaters erinnert: „Er erzählte in seinen Geschichten immer, dass alles gar nicht so schlimm gewesen sei und er über die Köpfe der angreifenden Briten hinweggeschossen habe.“ Die Vermutung, dass dieser schreckliche Krieg auch seine menschlichen Seiten hatte, bestätigt der britische Premierminister David Cameron wenige Stunden zuvor in seinem Vortrag. Auf der offiziellen britischen Feier zur Mittagszeit in Thiepval liest auch er aus einem Frontbericht: „Unsere Kameraden nutzten einen kurzen Moment der Ruhe, um einen verwundeten Soldaten zurück hinter die eigene Frontlinie zu holen. Während sie ihm zwischen den Fronten auf die Beine halfen, und ihn Arm in Arm zurückbrachten, legten die Deutschen ihre Waffen beiseite, standen auf und klatschten Beifall.“

Die 10 000 Gäste der britischen Feier sitzen im strömenden Regen und hören Cameron gebannt zu. Unter ihnen die britische Königsfamilie um Prinz Charles und seine Söhne William und Harry und Frankreichs Präsident François Hollande. Sie trotzen dem immer wieder einsetzenden Regen an diesem fast schon herbstlichen Tag. Doch Camerons Schilderungen einer friedlichen Szene decken sich nur teilweise mit der Wirklichkeit.

Der 1. Juli 1916 geht als verlustreichster Tag des britischen Militärs in die Geschichte ein. 20 000 junge Kämpfer sind es schließlich, die allein am ersten Tag der Schlacht an der Somme sterben. Zuvor waren sie sich sicher gewesen, die deutschen Stellungen nach einem zweiwöchigen dauerhaften Beschuss mit eineinhalb Millionen Granaten entscheidend geschwächt zu haben. Also gaben die Offiziere den Marschbefehl. Doch sie hatten die Rechnung ohne die Betonbunker gemacht, die die deutschen Soldaten in die Felder gegraben hatten. Kaum einer war durch das Granatenfeuer zu Schaden gekommen. Stattdessen marschierten die Briten ins offene Feuer. Wie Dominosteine fielen sie.

Bis zu ihrem Ende forderte die Schlacht an der Somme auf französischer, britischer und deutscher Seite eine Million Tote oder Schwerstverletzte. Weniger romantisch als die Worte Camerons klingt folglich auch das, was François Hollande am Nachmittag auf der britischen Gedenkfeier zitiert: „Ich kannte plötzlich das Gefühl, am Rande der Hölle angekommen zu sein. Welch menschliches Gewitter, welch Explosion des Hasses und der Zerstörung.“

Hunderte verfolgen die britische Gedenkfeier am Mittag auf Großbildleinwänden in der gesamten Region. Unter anderem in Albert, dem mit 10 000 Einwohnern größten Ort der Front-Region an der Somme. Dort sitzen Schotten mit grauen Haaren und trinken auf Plastikstühlen im Regen sitzend Bier aus Plastikbechern. Um die Großbildleinwand herum ist so etwas wie ein kleines Volksfest aufgebaut. Das Flugzeug des Roten Barons steht dort, Menschen in Uniformen aus dem ersten Weltkrieg erzählen von ihren Vorfahren und geben anschaulichen Geschichtsunterricht. „Wir schlafen hier schon seit drei Tagen in Zelten, wie es die Soldaten damals gemacht haben“, sagt einer der Laiendarsteller in eisblauer französischer Filz-Uniform samt Stahlhelm. „Wir wollen damit ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und haben deshalb einen Verein gegründet, der zu besonderen Anlässen Rollenspiele zum Mitmachen anbietet.“ Mit über offenem Feuer gekochtem Kaffee und unzähligen Geschichten gehören er und seine Mitstreiter zu den Attraktionen des Tages. „Hitler, Churchill, Charles de Gaulle“, zählt er auf, „sie alle haben hier an der Somme gekämpft.“

Soviel wie die französischen Laiendarsteller hatte Hartmut Schürg nicht über die Geschichte des ersten Weltkriegs gewusst. Doch nach Jahren der Recherche ist er vorbereitet, als er am Nachmittag auf dem Soldatenfriedhof im benachbarten Fricourt angekommen ist. In einem Meer aus schwarzen Holzkreuzen zieht sein Neffe Daniel Geroles ein Fazit: „Das ist so anders als auf deutschen Friedhöfen. Alles steht hier in Reih’ und Glied, dass es beinahe tatsächlich an eine Armee erinnert.“ Harmut Schürg gibt ihm zwar recht, bemerkt aber, „dass gerade das auch etwas Schlichtes hat.“

Weniger schlicht als das Ambiente ist im Lauf des Abends das Programm der Gedenkfeier. Nach den Worten der Jugendfußballer und der Kranzniederlegung gibt es viel Musik. „Sehr bewegend war auch das Vaterunser, das wir in drei unterschiedlichen Sprachen gebetet haben“, sagt Hartmut Schürg am Ende, ehe die Militärkapelle die Hymnen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und schließlich Europas spielt.

Dann ziehen die Musiker ab. Ein skurriles Bild, wie Schürg feststellt: „Ein deutscher Militärmarsch durch Frankreich, das ist schon gewöhnungsbedürftig“, sagt er. „Aber die haben ja ihr Prozedere, das sie einhalten müssen.“ Die drei Schwaben folgen der Kapelle, wie alle Teilnehmer der Feier. Mehrere Hundert sind es aus allen Teilen Deutschlands. Auch der deutsche Botschafter, Nikolaus Meyer-Landrut, ist gekommen. „Es ist schon eine beeindruckende und würdige Veranstaltung, bei der man sieht, was dieser erste Weltkrieg an Leiden über ganz Europa gebracht hat und woran man sich aus gutem Grund immer wieder erinnern sollte“, sagt er, während sich um ihn herum die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten unterhalten.

Im Gemeindesaal von Fricourt gibt es Sandwiches mit französischem Käse und Champagner. Hartmut Schürg, sein Bruder und sein Neffe machen sich nach dem Empfang auf in die Pension. Dort wartet die englische Besitzerin, denen sie nach einem ereignisreichen Tag einiges zu erzählen haben. Es wird ein langer, harmonischer Abend. Dass sich so etwas wie die Schlacht an der Somme jemals in Europa wiederholt - es ist unvorstellbar.

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