Johannes Schaaf Foto: Werner Baum - Werner Baum

An der Staatsoper Stuttgart behauptete sich Johannes Schaafs radikal ausgenüchterte Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ gut zwei Jahrzehnte auf dem Spielplan. Am Freitag ist der Regisseur im Alter von 86 Jahren gestorben.

Stuttgart"Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken“, sagt Beppo, der Straßenkehrer. „Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut.“

Der Stuttgarter Regisseur Johannes Schaaf, dessen Leben am Freitag nach 86 Jahren endete, ist seinen Weg genau so gegangen – mitsamt allen Höhen und Tiefen. Und er hat die Szene mit dem Straßenkehrer Beppo ins Bild gesetzt, hat aus Michael Endes Erfolgsroman „Momo“ einen Erfolgsfilm gemacht.

Dass dieser letzte Film des Regisseurs in vieler Hinsicht ganz naiv märchenhaft war und sein sollte, dürfte knapp zehn Jahre später – anno 1995 und damit pikanterweise ausgerechnet im Todesjahr von Michael Ende – manchen Opernbesucher in Stuttgart zum Grübeln gebracht haben: Als Johannes Schaaf, in dieser Zeit nun ganz fokussiert auf Musiktheaterregie, an der Stuttgarter Staatsoper „Hänsel und Gretel“ inszenierte, trieb er Engelbert Humperdincks Musikdrama alles Märchenhafte aus. Weg mit dem deutschen Wald, rein in die böse Wirklichkeit! Das lange verniedlichte Kinder- und Weihnachtsstück wollte der Regisseur endlich einmal ernst nehmen. Deshalb zeigte er die Handlung als Prozess adoleszenter Bewusstwerdung, dessen moralinsaurem Erlösungsfinale die befreiten Kinder mit Rassel, Tröten und Topfdeckeln kraftvoll widersprechen. Erst vor gut zwei Jahren sollte Schaafs Inszenierung durch eine neue ersetzt werden – was wegen des gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow verhängten Hausarrests aber scheiterte.

Johannes Schaafs Weg folgte nicht der geraden Linie. Ein Medizinstudium hat er abgebrochen, um erst als Schauspieler, dann als Regisseur im Sprechtheater zu arbeiten; von dort aus zog es ihn zur Oper, von der Oper immer wieder zum Film. Während des Frankfurter Theaterstreits 1981 scheiterte er mit seinem Versuch, auf der Bühne ein demokratisches Mitbestimmungsrecht durchzusetzen.

Und immer wieder standen Konflikte der Kunst im Wege: 1995 an der Stuttgarter Staatsoper, als sich dort ein Streit zwischen Chor und Orchester auf der einen und dem Intendanten Klaus Zehelein auf der anderen Seite entzündete; 2001 in Baden-Baden, als Schaaf die „Ring des Nibelungen“-Produktion am Festspielhaus abbrach, weil er sich mit dem Dirigenten Valery Gergiev überworfen hatte; 1995 in Hamburg, als er als designierter Staatsopernintendant einen Rückzieher machte – wegen „Differenzen über das Wesen gemeinsamer Arbeit“. Später begründete Schaaf seinen Schritt damit, dass er „keine Oper der Repräsentation, sondern eine Oper der Inhalte“ machen wolle – die Spitze zielte gegen den Dirigenten Ingo Metzmacher.

Pikanterweise hat eine Auseinandersetzung des Regisseurs allerdings dafür gesorgt, dass eine weitere seiner Demissionen Theatergeschichte schrieb: Als Schaaf auch in Stuttgart die geplante Regie von Wagners „Ring des Nibelungen“ hinschmiss, gebar Klaus Zehelein, mit dem sich der Regisseur erneut verkracht hatte, die Idee eines Zyklus mit vier verschiedenen Inszenierungs-Handschriften. Diese Idee verkaufte Zehelein, eloquent wie er war und ist, als Reflex der Kunst auf das Ende teleologischer Entwicklungen – und schuf so einen „Ring“-Prototypen für das 21. Jahrhundert.

Gleichwohl hat Johannes Schaaf auch auf der Bühne einiges an Unvergessenem geschaffen: An der Bayerischen Staatsoper München, an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen schuf er Inszenierungen, über die man streiten mochte, die aber immer eigene Ideen hatten und zudem von einem peniblen Umgang mit Text und Musik zeugten.

In Stuttgart hat er „Wozzeck“, „Pique Dame“, „Rigoletto“, „Falstaff“ und „Lady Macbeth von Mzensk“ in Szene gesetzt. Und bis vor ein paar Jahren saß er mit seiner unverkennbaren weißen Haarmähne noch regelmäßig bei Premieren im Parkett des Opernhauses, immer wach, immer ansprechbar, immer neugierig.

„Die ganze Welt“, schreibt Michael Ende in „Momo“, „ist eine große Geschichte, und wir spielen damit.“ Besser könnte man nicht beschreiben, was den Regisseur Johannes Schaaf zeit seines Lebens umgetrieben hat.

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