Der Baumeister für den Umbruch: VfB-Sportdirektor Sven Mislintat bastelt am Fundament für die Mannschaft der Zukunft. Foto: Baumann - Baumann

Der Sportdirektor Sven Mislintat hat seine Arbeiten am Kader des VfB Stuttgart weitestgehend abgeschlossen. Herausgekommen ist eine Mannschaft, die einiges verspricht.

StuttgartSven Mislintat sieht auf diesen offiziellen Bildern immer ein bisschen wild aus. Mit seinen langen, blonden Haaren, die er sich dann gerne hinter die Ohren steckt. Mit dem Mehrtagebart, der den Eindruck vermittelt, der Sportdirektor habe mal wieder ein paar Nächte durchverhandelt, um den nächsten Transfer für den VfB fix zu machen. Mit einem Lächeln stellt sich er dann anschließend dem Haus-und-Hof-Fotografen – neben sich einen neuen Spieler, der stolz das Trikot mit dem Brustring hochhält.

In den vergangenen Tagen hatte der Mann mit der Kamera einiges zu knipsen. Mislintat mit Wamangituka, Mislintat mit Endu, Mislintat mit Phillips. Die Bilderdichte, die der VfB zuletzt produzierte, hat dazu geführt, dass ein Fachmagazin die Stuttgarter im Kaufrausch wähnte und ein Boulevardblatt vom XXL-Kader des Fußball-Zweitligisten schrieb.

Mislintat hat diese Dynamik ein wenig überrascht, denn der 46-Jährige denkt ja nicht in Einzelbildern. Er schaut auf das große Ganze – auf das Mannschaftsbild. 29 Spieler tummeln sich da aktuell, und die Konturen sind mit 18 Zugängen und 18 Abgängen deutlich andere als in der Vorsaison. „Das ist ein hoch spannender Kader“, sagt Mislintat über das Gesamtwerk, das er mit dem Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und dem Trainer Tim Walter zusammengestellt hat. Letztlich ist es aber zum einen Mislintats Kernkompetenz und zum anderen sein Verantwortungsbereich, ein Personaltableau zu basteln, das gleich zwei hohe Ansprüche verbindet. Erstens: Der VfB soll sofort wieder aufsteigen. Zweitens: Die Stuttgarter benötigen darüber hinaus ein Team mit Potenzial.

Ein Fundament für die Mannschaft

„Wir bauen jetzt das Fundament einer Mannschaft“, sagt Mislintat über den Umbruch, „und unsere Vorstellung ist es, dass wir im nächsten Jahr dann bestenfalls nur noch an wenigen Stellschrauben drehen müssen.“ Als Baumeister versteht sich der Kaderplaner also. Als jemand, der sowohl die Gegenwart gestaltet als auch die Zukunft plant. Das ist die große Herausforderung, seit Mislintat im April sein Amt am Wasen angetreten hat. Da bewegte er sich noch im Spagat zwischen der reellen Chance auf den Bundesligaverbleib und der trüben Aussicht, sich auf den Abstiegsfall vorzubereiten.

Die Kunst ist es nun, eine Personalmischung zu finden, die weit trägt. Weitestgehend abgeschlossen sind die Arbeiten – mit so vielen Routiniers wie nötig und so vielen Perspektivspielern wie möglich. „Wir haben im Kader sehr viel Platz für junge Spieler freigeräumt“, sagt Mislintat. Sieben Talente sind 19 Jahre oder jünger. Silas Wamangituka gehört dazu. Ein Stürmer, der acht Millionen Euro gekostet hat. Dennoch soll dem aus der zweiten französischen Liga gekommenen Kongolesen die Zeit eingeräumt werden, sich an die Intensität in Deutschland zu gewöhnen.

Doch mit Geduld waren sie in der Vergangenheit beim VfB nicht gerade gesegnet. Weshalb sich Mislintat schon jetzt der Debatte stellen muss, ob die Jungprofis und Eigengewächse durch den quantitativ und qualitativ stark besetzten Kader blockiert werden. „Wir haben hier niemanden mit falschen Versprechungen angelockt“, sagt der Sportdirektor, „die jungen Spieler wissen, dass sie sich der Konkurrenz stellen müssen und wahrscheinlich keine 34 Spiele bestreiten werden. Sie kennen ihre Aufgaben, ihren Weg genau und befinden sich in einem Lehrjahr.“

Diese Klarheit, die Mislintat den Neuzugängen in seinen Analysen und Karriereplänen vermittelt, ist es offenbar, die am Verhandlungstisch überzeugt. Das haben sie an der Mercedesstraße schnell erkannt. Zudem kann der frühere Chefscout von Borussia Dortmund und des FC Arsenal nicht nur auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, sondern ebenso auf seinen Blick für Talente verweisen. Er holte Shinji Kagawa, Osman Dembélé und Jadon Sancho in die Bundesliga.

Die Verpflichtung des Engländers hat ihn gelehrt, einen Wechsel nicht zu bestätigen, solange die Tinte nicht trocken ist. Im Sommer 2017 versuchte der FC Bayern durch eine Gehaltsverdopplung den Angreifer noch nach München zu holen – obwohl sich Sancho bereits zum Medizincheck in Dortmund befand. Im Fall von Wamangituka befürchtete Mislintat Ähnliches und sprach öffentlich noch im Konjunktiv, während sich das Toptalent eine Rückennummer auswählte.

Diskussionen gehören dazu

Doch so läuft das Geschäft, in dem der Sportdirektor den Profis nicht nur nah sein will, indem er auf der Bank sitzt. Mislintat will ihnen wie dem Trainer ein verlässlicher Partner sein. Kontroverse Diskussionen eingeschlossen. So hatte Walter den zuvor verpflichteten Wataru Endo als klaren Mittelfeldspieler bezeichnet, während Mislintat den Japaner auch als Rechtsverteidiger sieht: „Er hat ein ähnliches Profil wie Pascal Stenzel, weil er ebenfalls im Zentrum fußballerisch sozialisiert wurde. Das kommt unserer Spielweise entgegen.“ Aber kein Grund zur Unruhe, denn am Ende wollen sich beim VfB alle auf einem Bild versammeln – mit dem Meisterschälchen der zweiten Liga.

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