Rainer Gessler aus Markgröningen und David Ben-Uziel verbindet eine langjährige Reisefreundschaft, der Südsudan gehört zu ihren Lieblingszielen. Der Israeli operierte dort einst für den Mossad.
Den schwäbischen Apfelsaft hat sich David Ben-Uziel für den ersten Abend auf seiner Deutschlandreise gewünscht. Sein Gastgeber Rainer Gessler, Freie-Wähler-Regionalrat aus Markgröningen und Referent im Stuttgarter Verkehrsministerium, hält es lieber mit Lemberger. Beide sitzen in Gesslers Wohnstube und diskutieren mit Freunden vom örtlichen Afrika-Hilfsverein die politische Entwicklung im Nordsudan. Ob nicht die Zivilgesellschaft eine friedensstiftende Rolle spielen könne, fragt einer in die Runde. Da müssen Gessler und Ben-Uziel schmunzeln. Die Zivilgesellschaft in Khartum stand schon unter der bisherigen Militärregierung unter Druck, jetzt ist sie erst recht abgemeldet. Nur wenn eine der beiden Kriegsparteien die Oberhand gewinne, ende der Konflikt, sagt Ben-Uziel.
Gessler, 63, und Ben-Uziel, 88, sind langjährige Freunde, die Verbundenheit mit Afrika hat sie zusammengeführt. Der Schwabe Gessler reist seit 1996 regelmäßig nach Äthiopien, Eritrea und in den Südsudan, besucht dort Hilfsprojekte wie Brunnenbohrungen oder Schulbauten. Vor Kurzem war Gessler mit Ben-Uziel zehn Tage im Südsudan, um in Pageri einen mit Spenden finanzierten Schulbau einzuweihen.
Dass die Lage auch im Südsudan unsicher sein kann, haben sie erlebt. Das Auswärtige Amt weist auf Gewalt durch „marodierende Sicherheitskräfte“ hin, auf Erpressungsversuche durch Sicherheitskräfte wegen angeblicher fehlender Genehmigungen sowie „regelmäßige Übergriffe durch Bewaffnete und Kriminelle“ im Grenzgebiet zu Uganda.
Die Kalaschnikow im Anschlag
Just dort waren beide tagelang mit zwei Pick-ups auf holprigen Lehmpisten unterwegs. Einmal nahmen sie einen Regierungssoldaten samt seiner Kalaschnikow auf der Ladefläche mit. Zwischen Kapoeta und Torit sei am Straßenrand ein Mann ebenfalls mit einer Kalaschnikow im Anschlag gestanden. „In der Region sind viele Goldgräber, da gibt es manchmal Hinterhalte“, sagt Rainer Gessler. Es sei dann glimpflich ausgegangen, man sei einfach an dem Bewaffneten vorbeigefahren, der Regierungssoldat auf dem Pick-up sei wichtig gewesen in dieser Situation. „Man darf in Afrika nie Angst oder Panik zeigen“, sagt Rainer Gessler.
Der Israeli war 20 Jahre lange als Agent für den israelischen Geheimdienst tätig, er hatte mehrere Afrika-Einsätze in seiner Laufbahn, war später Berater für Sicherheitsfirmen in China. Seinen Freund Rainer lernte er 2016 in der Region Kaffa in Äthiopien kennen. Da hatten sich zwei gefunden.
Als Experten für die Republik Südsudan darf man Ben-Uziel mit Fug und Recht bezeichnen. Selbst die Aussage, er habe zur Entstehung des jüngsten Landes der Welt, das sich nach zwei Sezessionskriegen 2011 von der Republik Sudan abspaltete, entscheidend beigetragen, ist angebracht.
Schon vor der Unabhängigkeit von den Briten 1956 hatte es im Sudan Gewalt zwischen dem islamisch-arabisch geprägten Norden mit seiner vergleichsweise hellhäutigen Bevölkerung und dem christlichen Süden mit den dunkelhäutigen Ethnien gegeben. Rebellengruppen im Süden formierten sich, um die Abspaltung zu erreichen. Die Animositäten wurzelten tief.
Anfangs erhielten die Rebellen von nirgendwo auf der Welt Unterstützung, doch nach dem Sechstagekrieg 1967 trat Israel auf den Plan. Die Regierung von Premierministerin Golda Meir hatte das Interesse, die arabische Front zu schwächen, sie wollte verhindern, dass sich sudanesische Soldaten in der ägyptischen Armee einreihen. Besser, sie sind im Süden des Landes gebunden.
Auf den Agenten David Ben-Uziel, Familienvater und 33 Jahre alt, kam eine Pionieraufgabe zu: Er sollte sich 1969 über Uganda in den Südsudan zu den Rebellen einschleichen und das Terrain für eine militärische Unterstützung durch Israel vorbereiten: zunächst Informationen sammeln, bei weiteren Reisen eine Landebahn anlegen, die Rebellen trainieren, Air-Drops für Waffenlieferungen organisieren, erste Anschläge durchführen. Im Buch „Ein Mossad-Agent im Südsudan“ hat Ben-Uziel seine Erlebnisse verarbeitet. Noch heute empört ihn der Umgang des Nordens mit dem Süden: „Die Menschen hatten so eine Angst vor Überfällen der sudanesischen Armee, dass sie Siedlungen nur mit ein, zwei Hütten anlegten. Waren es drei oder mehr, wurden sie geplündert.“
50 Gold-Münzen vom Mossad
Die erste Reise war eine reine Erkundungstour. Ben-Uziel und zwei israelische Begleiter – der Arzt Eli Cohen und der Funker Charlie – deckten sich in Kenias Hauptstadt Nairobi mit Vorräten ein. Die Grundausstattung war fehlerhaft, die Gruppe hatte Stiefel für trockenes Wetter, obwohl man später ständig mit Sümpfen zu tun hatte. Der Mossad hatte den drei Männern je 50 Gold-Münzen (Sovereign) für den Notfall mitgegeben. Sie trugen sie an schweren Gürteln, die rutschten dann beim tagelangen Laufen ständig von den Hüften.
In Begleitung des Rebellenkommandeurs Joseph Lagu bewegte sich Ben-Uziels Trupp in der Region zwischen Nimule, Pageri und den Atsholi-Bergen drei Wochen lang, legte zu Fuß rund 300 Kilometer zurück – eine Höllentour. Rebellen und 30 Träger für das Gepäck waren dabei. „Das Tempo der Südsudanesen war zermürbend, die schafften sechs Kilometer in der Stunde – selbst noch nach neun Stunden Wanderung“, sagt Ben-Uziel. Nach wenigen Tagen konnten der Funker und der Arzt nicht mehr, an ihren Füßen löste sich die Haut in Fetzen ab. Kurz wurde an eine Evakuierung gedacht.
Die Armut schockierte die Israelis. Die Abwesenheit von jeglicher Infrastruktur, Schulen oder medizinischer Vorsorge. Eine Frau beklagte, dass sie vier Kinder binnen einer Woche wegen Masern verloren habe. Der mitgereiste Arzt hatte ständig zu tun, führte einmal mit einfachsten Mitteln eine Amputation durch. „Diese Region hat keinen Handel und keinen Kontakt zur Außenwelt“, schreibt David Ben-Uziel. Man wanderte auf Elefantenpfaden, watete durch Flüsse und Bäche. Das Wasser war oft brackig, kaum trinkbar, ständig war die Nahrung knapp, bestand aus Sesamkringeln und Cassava.
Auch das Nächtigen war kein Vergnügen. In einer Hütte habe es nach totem Tier gestunken, in der zweiten wimmelte es von Ratten, und einmal habe er so viele aggressive Mücken unter seinem Moskito-Netz gehabt, die hätten sich sogar durch seine Stiefel gebissen. „Afrika ist ein gnadenloser Kontinent“, sagt David Ben-Uziel.
Aber die Mission erfüllte ihn, er wollte sie vollenden. Die Herzlichkeit und Dankbarkeit der Südsudanesen beflügelten ihn. „Wenn ein Baby beißt, stört das niemanden. Erst wenn du Zähne hast, wird dein Biss schmerzen“, sagte der Rebellenchef Lagu. „Wenn wir Zähne haben, werden wir ein Statement abgeben, und man wird uns ernst nehmen müssen.“ Als Ben-Uziel auf die Rebellen traf, waren sie in Lumpen gehüllt, allenfalls mit Speeren bewaffnet. Am Ende waren sie durch Israel uniformiert, mit Maschinengewehren, Handgranaten, Bazookas bewaffnet und darin trainiert. Sie hatten Zähne.
Schon auf der Erkundungsreise legte die israelische Delegation ein Hauptquartier für die Rebellen an. Ein paar Hütten, eine Radio- und eine Gesundheitsstation. Bei einem zweiten Einsatz richtete David Ben-Uziel dort Abwurfstellen ein für Waffen, die mit Kleinflugzeugen und israelischen Piloten von Kenia aus eingeflogen wurden, auch Medikamente und Impfstoff segelten in Paketen an Fallschirmen zu Boden.
Auch Idi Amin schaute mal vorbei
Ben-Uziel ließ auch einen 800 Meter langen Airstrip anlegen. 500 Soldaten entfernten das Gebüsch, sammelten jeden spitzen Stein von der Piste und tanzten am Schluss darauf, um sie einzuebnen. Später landete hier der damalige Mossad-Direktor Zvi Zamir zu einem Besuch, auch der ugandische Diktator Idi Amin kam einmal vorbei – ein unangenehmer Gast. „Sie haben aber eine schöne Pistole, kann ich die haben? Sie haben aber einen schönen Stock, kann ich den haben“, erinnert sich Ben-Uziel an den „Killer“. Amin bestand auf einem Wettschießen mit den Südsudanesen, verfehlte aber selbst alle Ziele. Mit der Ausrede, das Gewehr sei verzogen, ersparte David Ben-Uziel dem Staatsgast die Peinlichkeit.
Um der Armee des Nordens den Zugang abzuschneiden, sprengte die Truppe um Lagu und Ben-Uziel drei Brücken und verübte einen Anschlag auf eine Nil-Fähre auf dem Weg von Khartum ins südsudanesische Juba.
Mit Rainer Gessler besuchte er 2023 die wiederaufgebaute Ramil-Brücke, die er einst mit 70 Kilo Dynamit in die Luft gejagt hatte. „Ich habe sie zum ersten mal bei Tageslicht gesehen. 30 Meter lang, zehn Meter hoch“, sagt Ben-Uziel. Gefühle von heute gegenüber gestern? „Ich hatte damals den Willen, die Lage des Südsudan zum Besseren zu wenden.“ Für eine israelische Zeitschrift hat Ben-Uziel kürzlich wunderschöne Aufnahmen von Menschen und Landschaften im Südsudan publiziert, auch die Ramil-Brücke ist zu sehen. Dass er sie mal gesprengt habe, so Ben-Uziel, habe er in dem Magazin nicht erwähnt. Tempi passati.
Aber für den politischen Blick heute liest sich eine Passage in seinem Buch aktueller denn je: Als es 1972 in Addis Abeba zu Friedensgesprächen zwischen Nord und Süd kam, so Ben-Uziel, hätten die Südsudanesen, auf einen Autonomiestatus und eine eigene Armee gepocht, denn die sudanesische Armee in Khartum habe stets eine „Position der Macht im Norden, sie habe mehrere Putsche unterstützt sowie Regierungsübernahme und die Verfassung außer Kraft gesetzt“. Die Analyse trifft noch zu.
Ben-Uziel ist für seine Verdienste von der Regierung Südsudans zum General ernannt worden. Präsident Salvar Kiir hat ihn einmal eingeladen – und ihm Land schenken wollen, was er aber ablehnte. „Es ist schon erstaunlich: Auf unserer vorletzten Reise in den Südsudan hat David über 80 Jahre alte Kämpfer getroffen, die salutierten doch tatsächlich vor ihm“, erzählt Rainer Gessler. Der Markgröninger plant gerade mit einem Pädagogen aus dem Kibbuz Shamir ein schwäbisch-israelisches Hilfsprojekt für den Südsudan: „David wird unser Berater sein.“