Von Liverpool nach Stuttgart: Nat Phillips. Foto: Baumann - Baumann

Nat Phillips hat sich beim VfB Stuttgart schnell Respekt verschafft – was Jürgen Klopp in Liverpool nicht verwundert: „Er ist stark und flink“, sagt der Coach der Reds.

StuttgartEs gibt wieder Hoffnung für die Anhängerschaft der Wanderers aus der nordenglischen Stadt Bolton. Mit einem Team aus Teenagern stolpern „The Trotters“, einst Stammkraft in der englischen Premier League, derzeit in der 3. Liga von einer 0:5-Niederlage zur nächsten. Punktlos sind die Wanderers bis auf den letzten Tabellenplatz abgeschmiert. In dieser Woche gab es nun den ersten Lichtblick: Ein britischer Investor ist eingestiegen – und hat die drohende Insolvenz abgewendet. Den VfB-Innenverteidiger Nat Phillips hat der Niedergang der Wanderers, für die in der Saison 2001/02 auch ein deutscher Striker namens Fredi Bobic vier Premier-League-Treffer erzielte, keinesfalls kalt gelassen. Immerhin ist Bolton seine Stadt, hier wurde der heute 22-Jährige geboren – und als Fußballerspieler ausgebildet. Sein Vater Jimmy Phillips, der es in seiner Karriere auf 572 Profispiele brachte, ist aktuell der Interimstrainer in Bolton.

„Dem Club ging es schon wesentlich besser. Leider“, sagt Nat Phillips, der einst seine Goldfische daheim nach den Stars der Wanderes, dem Mittelfeld-Dribbler Jay-Jay Okocha oder dem Stürmer Nicolas Anelka benannte. Längst ist Phillips aber selbst auf Wanderschaft gegangen: 2016 hat er beim FC Liverpool unterschreiben; in diesem Sommer wurde der 22-Jährige nun für ein Jahr von den Reds an den VfB verliehen – und ist somit der erste englische Profispieler in der Geschichte des Traditionsclubs von 1893 überhaupt.

Respekt verschafft

Schnell hat sich Phillips im Trikot mit dem Brustring Respekt verschafft. Beim Spiel in Aue am vergangenen Freitag etwa ist der Innenverteidiger der beste Mann auf dem Platz gewesen. Bei seinem Startelfdebüt absolvierte der 22-Jährige die meisten Zweikämpfe aller Spieler auf dem Feld (24) und gewann 18 davon, also 75 Prozent – eine herausragende Quote. Zudem hatte er die meisten Ballkontakte (138), brachte 118 seiner 123 Pässe an den Mann (96 Prozent) und lief 11,56 Kilometer. „Einen Anspruch auf einen Platz in der Startelf habe ich nicht“, bleibt der Defensivmann dennoch bescheiden. An diesem Montag (20.30 Uhr) wird er im Heimspiel gegen den VfL Bochum allerdings wieder neben Holger Badstuber in der Innenverteidigung erwartet.

„Wir freuen uns alle darüber zu sehen, wie gut Nat sich in Stuttgart macht – wobei es uns überhaupt nicht überrascht. Wir haben diese Ausleihe bewilligt, weil wir dachten, dass alle Parteien etwas davon haben“, sagt der Liverpooler Trainer Jürgen Klopp, der sich extra Zeit für sein Statement zu Phillips nimmt – und der hinzu fügt: „Wir beobachten ihn genau hier in Liverpool und ich bin zuversichtlich, dass er sich im Laufe der Saison immer weiter verbessern wird.“

Zwei Vorbereitungen unter Klopp durfte Phillips beim späteren Champions-League-Sieger, im Kreise der Stars wie Mohamed Salah, Roberto Firmino oder Sadio Mané absolvieren – doch seine eigenen Einsätze bekam er ausschließlich für die U 23. „Ich musste diesen Sommer den nächsten Schritt machen, brauchte Wettkampfhärte und Spielpraxis im Profifußball“, sagt Phillips, der ein sehr reflektierter Sportler ist: „Anders als viele englische Fußballer sehe ich es als Chance und Bereicherung, im Ausland Erfahrung zu sammeln“.

Auch Klopp lobt den Spieler: „Er ist smart – in vielfältiger Weise. Schlau im Alltag, schlau im akademischen Sinne und auch schlau beim Fußball“, sagt der einstige BVB-Coach: „Er ist stark und flink. Aber er hat auch großartige Fähigkeiten am Ball und ist bestrebt, jederzeit die richtigen Dinge zu tun. Dazu kommt tonnenweise Mut.“

Diverse Offerten lagen Phillips Ende Juli vor – bis sich Jürgen Klopp entscheidend einmischte: „Ich erzählte dem Trainer von ein paar Angeboten, die ich hatte. Stuttgart war da noch nicht dabei – doch er war nicht begeistert von den Optionen“, verrät der Verteidiger: „Ich vermute, er hat nach unserem Gespräch Sven Mislintat angerufen.“

Letztlich hat Phillips dann keine Minute gezögert, als ihm die Leih-Offerte des Stuttgarter Sportdirektors über ein Jahr vorlag – zumal die Reds von der Anfield Road zuvor mit ihm verlängerten. „Morgens habe ich in Liverpool meine Unterschrift unter den neuen Vertrag gesetzt – und nachmittags war ich bereist in Stuttgart bei der sportärztlichen Untersuchung“, erzählt Phillips, den wenig später in Stuttgart noch eine erfreuliche SMS-Nachricht auf dem Handy erreichte: „Jürgen Klopp hat mir geschrieben: ‚Guter Club, großartige Stadt, meine Geburtsstadt – wünsche dir eine tolle Zeit.’“

Diese muss nun nicht zwingend nach nur einem Jahr enden. Denn es existiert eine Option auf eine Verlängerung, die zum Tragen käme, sollten sämtliche Parteien dies wollen. „Der Aufstieg mit dem VfB ist mein Ziel – und es wäre eine Ehre, in der ersten Bundesliga zu spielen“, sagt Phillips, dessen Vater Jimmy allerdings zunächst nicht begeistert von der Leihe nach Stuttgart war, „bis er von dem berühmten Bier-Festival hörte“, wie Phillips schmunzelnd erzählt. Auf dem Cannstatter Wasen will Phillips senior dann auch vorübergehend seine Probleme mit den Bolton Wanderers vergessen.

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