Grünen-Politiker Cem Özdemir Foto: dpa - dpa

Der in Urach geborene, aus einer türkischen Familie stammende Grünen-Politiker hält eine mitreißende Schiller-Rede gegen die Feinde einer offenen und liberalen Bundesrepublik.

MarbachWie wird man Schiller-Redner? Zum Beispiel, indem man während eines Staatsbanketts mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan einen Button mit der Aufschrift „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ trägt. So begründet die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, die Einladung an den Grünen-Politiker Cem Özdemir, an Schillers 260. Geburtstag das ehrenvollste Amt zu übernehmen, das die Marbacher Dichterrepublik alljährlich zu vergeben hat. Und um zu signalisieren, auf welchem Terrain man sich hier bewegt, unterzieht sie jenes Zitat aus Schillers „Don Karlos“ gleich einem demonstrativen philologischen Muskelspiel. In kurzer, aber knackiger Begriffsakrobatik schlägt sie den Bogen über Theologie, Politik und Neostoizismus.

Wirkungsvoller hätte man den Auftritt des gebürtigen Urachers Özdemir nicht vorbereiten können, denn dieser bezieht seinen Charme gerade aus der geschickt ausgespielten Bodenständigkeit. Dabei öffnet er ein weites Panorama, von den Schicksalsdaten der deutschen Geschichte, die auf den Tag vor Schillers Geburtstag am 10. November fallen, über das Erstarken des Rechtsextremismus, die Unterdrückung des freien Worts bis hin zur Revolte der Jugend, die gegen einen Staat rebelliert, der dabei ist, die Lebensgrundlagen ihrer Zukunft zu verspielen.

Er sei in seinem Leben schon viele Male der Erste gewesen, sagt Özdemir: der erste Abgeordnete des deutschen Bundestags aus einer Gastarbeiterfamilie, der erste Vorsitzende einer deutschen Partei mit migrantischen Wurzeln und schließlich der erste Botschafter des deutschen Biers und Brots aus einer muslimischen Familie. Nun stehe er hier als einer von vielen Menschen in diesem Land, bei deren Geburt eine Einladung als Schiller-Redner ungefähr so wahrscheinlich gewesen sei wie eine Fahrt zum Mond. „Heute geht wieder eine Tür auf in diesem Land“, sagt Özdemir, „in den nächsten Jahren werden hoffentlich noch viele an diesem Pult stehen, die eine Familiengeschichte haben, die über Europa hinausreicht.“ Vermutlich sind es diese Pioniertaten, die Özdemir Morddrohungen einer rechtsextremen Gruppierung eingetragen haben. Im prall gefüllten Auditorium des Literaturarchivs ist von besonderen Sicherheitsvorkehrungen nichts zu spüren. Özdemir will sich von den Drohungen nicht einschüchtern lassen. Ihr Zweck sei es, das offene Wort zum Schweigen zu bringen: „Sie gelten eigentlich der für die Fanatiker so verhassten liberalen, offenen und europäischen Bundesrepublik.“

Özdemir zeigt einen Schiller, der nicht der sorgsam gehütete Bildungsbesitz weniger ist, sondern der seine Ideen mit der Welt teilen wollte: „Schiller war im 19. Jahrhundert das, was man heute Popkultur nennen würde.“ Und in der Tat könnte mancher Popstar heute von Reaktionen wie jenen träumen, die Özdemir aus einem Uraufführungsbericht der „Räuber“ zitiert: fremde Menschen, die einander schluchzend in die Arme fallen, stampfende Füße, Frauen, die einer Ohnmacht nahe nach draußen wanken.

Möglichst viele Menschen erreichen zu wollen, das verbinde die Kunst der Politik mit der Kunst der Dichtung. Aber wie steht es um das fundamentale Thema der Freiheit, wenn in einem Bundesland jeder Vierte eine rechtsradikale Partei gewählt hat? „Hass ist keine Entschuldigung – für nichts.“ Özdemir, der sich zu einer schwarz-rot-goldenen Fahne auf seinem Schreibtisch bekennt, beschwört die guten Traditionen des Landes, das Hambacher Fest, die Paulskirche, den Mauerfall. Und er verweist auf das, was sie gefährdet. Mit geradezu diebischer Freude kostet er aus, was es für eine bestimmte Partei, die ihn wegen seines Namens nicht als Deutschen respektiere, wohl heiße, dass er nun hier steht und von „unserem Schiller“ spricht: „Wie groß wird ihr Ärger sein, aber da müssen sie jetzt durch.“

Niemandem drohe heute in Deutschland, anders als in der Türkei, wegen seiner Ansichten Festungshaft, und doch werde eine Debatte über die Meinungsfreiheit geführt. „Aber die Grenze des Sagbaren ziehen keine Journalisten oder Politiker, sondern das Grundgesetz.“ Es ist eine mitreißende Rede, ein Appell, den liberalen Geist dieser Republik gegen ihre Feinde zu verteidigen. Auch wenn niemand schluchzend oder stampfend außer sich gerät, erntet Özdemir begeisterten Beifall.

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