Politik und Narretei treffen am Faschingsdienstag aufeinander. Foto: Simon Granville

Der Höhepunkt des Leonberger Pferdemarkts: Den Umzug durch die Innenstadt gestalten nahezu 80 Gruppen. Sie bilden ideenreich und kreativ die Vielfalt in der Stadt ab. Darunter mischt sich manch’ deutliche Botschaft.

„Wie lange noch? Wie lange?“ Der fünfjährige Yannick wird unruhig. Es ist kurz nach 14 Uhr, der Junge steht mit seiner Mutter am Straßenrand, wartet bereits 45 Minuten, um eine gute Sicht zu haben auf das Geschehen in den nächsten Stunden. Dann endlich sind die ersten Pferde zu sehen an der Spitze des Umzugs. „Ja, da sind sie, sie kommen“ – für Yannick gibt es kein Halten mehr. „Hallo - hallo – hallo“, ruft er immer und immer wieder.

Fast 80 Gruppen gestalteten am Dienstag den Höhepunkt des 331. Leonberger Pferdemarkts. Rund 22 000 Zuschauer säumten laut der Polizei die Straßen, um den Umzug durch die Innenstadt zu verfolgen. Im Jahr zuvor waren es ihr zufolge mit 30 000 Gästen deutlich mehr gewesen. Etliche Wagen, vielfältig und umfassend geschmückt, waren Teil des Umzugs.

„Beim Umzug muss man doch dabei sein“

Die Stadtgesellschaft zeigt sich in großer Breite. Die Grünen feiern sich selbst und verweisen auf ihre Geschichte, die vor 40 Jahren mit der Grün-Alternative-Bürgerliste begann. Die Bühne 16 warb in historischen Kostümen für ihr Stück „Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag“ und die Leonberger Stiftung warb dafür und damit, „Zeit für Menschen“ zu haben.

Das Wetter hält, hin und wieder zeigt sich die Sonne, um den kalten Wind zu verdrängen. Es regnet nicht, das sei das Wichtigste, meint Nicole Schwarzer. Sie wohnt in Hannover, wenn es ihr möglich sei, sei sie jedes Jahr dabei, erzählt sie. Sie habe Verwandtschaft in der Nähe, so verbinde sie das eine mit dem anderen. Sie möge die Atmosphäre, begründet sie ihr Kommen, das bunte Treiben, die Vielfalt, das Feiern. „Ich komme jedes Jahr hier her“, sagt auch Manfred Schneider aus Pforzheim. „Beim Umzug muss man doch dabei sein, oder nicht?“, fragt er.

Das sehen offenbar auch ein paar Bauarbeiter so: Während sie ihr Arbeitsgerät wegräumen, klettern sie immer wieder auf eine Leiter, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Staunen und Ausrufe von Respekt lösten auch bei ihnen die prämierten Pferde aus: groß, edel, elegant jedes einzelne Tier; prachtvoll, faszinierend unter anderem der Sechsspänner.

Buntes Potpourri der Vereine

Im Umfeld der Pferde ist es ruhig, um die Tiere nicht zusätzlich zu stressen. Dafür wirken die Farben umso prächtiger, mit der die Umweltverbände BUND und Nabu durch die Straßen ziehen: Hier die Störche und Salamander, dort die Schmetterlinge, die mit ihren großen Flügeln schwingen. Der Natur verbunden präsentiert sich auch die Solawi Heckengäu. Für „Gemüse mit Zukunft“ werben die Aktiven.

Kinder und Erwachsene laufen in den Gruppen mit, werfen Bonbons, winken, grüßen zurück, bleiben stehen, wenn sie bekannte Gesichter in der großen Menge erkennen. Oder sie nehmen Anlauf, um wie die Sportlerinnen des SV Leonberg/Eltingen auf dem Asphalt zu turnen. Die Menge applaudiert begeistert. „Wow, dass sie das hier machen“, ruft eine Frau ebenso überrascht wie fasziniert. Auch die Judoka begeistern das Publikum. Bei den anderen Abteilungen ziehen vor allem die Footballspieler und Cheerleader der Leonberg Alligators die Blicke auf sich. Die Spieler werfen den Football den Kindern in den ersten Reihen zu, die spielen mit und haben ihre große Freude dran. „Alligators grüßen alle Besucher des Pferdemarktes“, heißt es in großen Lettern.

Der Bürgerverein, die Eltern der griechischen Schule in Leonberg, die politischen Parteien, die Tages- und Pflegemütter, die Leonberger Hunde, sie alle sind mit dabei – und werben dabei mal mehr, mal weniger für ihre Anliegen. Die Ezach-Igel etwa rufen den Verantwortlichen zu „Der Bleibe beraubt, seht zu, dass Ihr wieder baut“. Das Jugendhaus Leonberg wiederum verweist darauf, seit 50 Jahren zu bestehen.

Der Musikverein Lyra Leonberg hatte die Gäste links und rechts der Straße eingestimmt mit seiner Musik. Das Jugendhaus ließ laute Musik aus den Boxen wummern – auch hier war die Vielfalt gegeben, noch verstärkt von der Musik, den Glocken, später den Schellen der Narren.

Narren aus nah und fern

Gäste aus der näheren und weiteren Umgebung sind traditionell auch dabei in Leonberg. Die Stadtverwaltungen aus Bietigheim-Bissingen und Gerlingen sind jeweils mit Wägen dabei – die Gerlinger in neuen Farben: Der Wagen hatte laut der Stadtverwaltung einen neuen Anstrich erhalten, mehr denn je kommt er in den Stadtfarben daher. Die Botschaft indes ist dieselbe: Die Stadt weist auf die Partnerstädte und die befreundeten Kommunen in aller Welt hin.

Deutlich größere Distanzen hatten zum Teil die Narren zurückgelegt, um beim Pferdemarktsumzug in Leonberg dabei zu sein. Die Gesellschaft Engelberg – ein fester Bestandteil des Umzugs – hatte viele Zünfte begrüßen können: die Schmellenhopfer Tiefenbronn, die Lehninger Guguge, die Zottelböck vom Forcheneck genauso wie die Tiefenbronner Dorfdira. Fast 30 Narrengruppen hatten ihr Kommen zu der Traditionsveranstaltung zugesagt, die Renninger Schdoibruch-Hexa ebenso wie die Gumpa Hexa und die Flachter Strudelbachhexen.

Für die Narren aus der Region Leonberg war es ein großes Wiedersehen, Freunde trafen sich – sie alle wurden in der Römerstraße von Achim Seiter launig angekündigt, begrüßt und von der Menge bejubelt. Die Sicherheitskräfte entlang der Straßen hatten derweil wenig zu tun: Es blieb friedlich in den Straßen Leonbergs.