Foto: Julia Schramm - Julia Schramm

An diesem Freitag richtet die Landeshauptstadt einen Empfang für ihren einzigen lebenden Ehrenbürger aus: Wolfgang Schuster war 16 Jahre Oberbürgermeister in Stuttgart.

StuttgartEs ist eine Duplizität der Ereignisse, dass Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel und der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster in dieser Woche runde Geburtstage feiern. Der eine wurde am Mittwoch 80, der andere wird an diesem Donnerstag 70. Und obwohl der Bauernsohn aus Zimmern ob Rottweil und der Spross eines Ulmer Rechtsanwalts keine Wesensverwandten sind und Lebenswege einschlugen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, verbindet sie doch mehr als die Mitgliedschaft in der CDU. Teufel und Schuster verkörperten, jeder auf seine Art, den als Naturgesetz daherkommenden Führungsanspruch der Christdemokraten im Land und in der Landeshauptstadt. Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte: Auf ihren Posten sitzen jetzt Grüne.

Beide fremdelten mit den Medien und der öffentlichen Selbstinszenierung (Schuster noch mehr als Teufel), und beiden ist der Ehrgeiz und die Disziplin zu eigen, Sachverhalte bis ins Detail durchdringen und dann in Konzeption und Umsetzung nach Lösungen suchen zu wollen. Das war und ist nicht nur für sie selbst anstrengend.

„In der schnelllebigen medialen Welt war die notwendige langfristige Ausrichtung meiner Politik nicht immer sexy“, sagt Schuster einen typischen Schuster-Satz heute im Rückblick auf seine in Verwaltung wie Medien gleichermaßen berühmt-berüchtigten Zehn-Punkte-Programme. Der einzig lebende Ehrenbürger der Stadt sitzt in seinem Arbeitszimmer im fünften Obergeschoss eines Bürogebäudes an der Theodor-Heuss-Straße, seine Stimmung ist aufgeräumter als sein Schreibtisch. Schuster hat vom Balkon aus das Rathaus im Visier. Die aktuelle Kommunalpolitik mag er nicht kommentieren. „Das kann nur schiefgehen“, sagt er, „niemand will einen Oberbesserwisserbürgermeister.“ Und gefragt, ob es ihn doch manchmal nicht danach dränge, aktiv zu werden, entgegnet er nur: „Ich habe meine Chance gehabt, zu gestalten. Jetzt machen das andere. Damit komme ich klar.“ Punkt.

Über Schusters Zeit im Stuttgarter Rathaus ließen sich viele unterschiedliche Geschichten schreiben. Eine könnte davon handeln, dass kaum jemand besser darauf vorbereitet war, die Geschicke der Stadt zu führen: Stadtrat in Ulm, Studium, Kaderschmiede ENA in Paris, Referent im Staatsministerium, persönlicher Referent von OB Manfred Rommel, OB von Schwäbisch Gmünd, Kultur- und Sportbürgermeister in Stuttgart: Das waren die Stationen Schusters, als er im Herbst 1996 zur OB-Wahl antrat. Hinter sich hatte er „die schwierigsten Jahre im Rathaus“, sagt er im Rückblick. Einerseits sei jeder seiner Schritte als designierter OB-Kandidat und „Ziehsohn Rommels“ genau beäugt worden, andererseits habe er wegen der leeren Stadtkasse nicht viel mehr tun können, als „den Leuten zu sagen, dass sie mit weniger Geld auskommen müssen“. Im zweiten Wahlgang gewann Schuster mit 43,1 Prozent vor Rezzo Schlauch von den Grünen mit 39,3 Prozent. Es war die Auseinandersetzung eines analytischen Stadtgestalters gegen einen wortgewaltigen Vollblutpolitiker.

Das ist der Ausgangspunkt der zweiten Geschichte, die sich über Schuster schreiben ließe. Sie handelt von der Distanz eines Oberbürgermeisters zu seinen Bürgern. „Auf Bürgerversammlungen habe ich mich schwergetan“, sagt er, aber so sei er nun einmal. Politische Widersacher benutzten schärfere, auch verletzende Worte. Doch der Mangel an – zumindest erlebbarer – Bürgernähe war es auch, die dazu führten, dass es Schuster nicht gelang, den Konflikt über Stuttgart 21, der die Stadtgesellschaft spaltete, zu moderieren; ihn zu befrieden wäre wohl unmöglich gewesen. Schuster steht weiter hinter dem Projekt, auch wenn er heute seinen Ärger über Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen nicht verhehlt und dafür die Bahn verantwortlich macht. „Es überrascht mich noch immer, dass eine sachliche Auseinandersetzung zu solchen persönlichen Angriffen führte“, sagt er heute.

Und dann könnte die Geschichte erzählt werden von den vielen Erfolgen und wenigen Missgriffen Schusters, die heute die Stadt bestimmen: seine Konzepte für eine sichere und kinderfreundliche Stadt, sein früher Einsatz für Integration, Energiewende und Klimaschutz, die gelungenen und weniger gelungenen Bauprojekte. Vielfach unbeachtet bleibt, dass Schuster die Stadt Ende der 1990er-Jahre und 2008 durch eine Wirtschaftskrise führte, ohne dass es zu großen Verwerfungen kam.

Mit Schuster lässt sich ausführlich über lange Linien reden. Die europäische Politik müsse sich mehr mit Afrika beschäftigen, mahnt er dann, die Städte müssten Strukturen schaffen, wo die Menschen in der globalisierten Welt Heimat fänden und sich beheimatet fühlten. „Es ist so einfach zu spalten, aber so anspruchsvoll, Gemeinsinn zu entwickeln“, sagt Schuster. Auch darüber will er auf dem Empfang reden, den die Stadt am Freitag zu seinen Ehren gibt. Es könnte ein Zehn-Punkte-Programm werden.

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