Foto: Piechowski - Piechowski

Lange hat man wenig von ihm gehört, jetzt meldet sich Wolfgang Schuster in Stuttgart zurück. Eines seiner zentralen Themen: Er will den Förderverein der Staatstheater nach außen öffnen.

StuttgartIst das schon sieben Jahre her? Der Mann scheint nicht zu altern. Dabei ist Wolfgang Schuster im Herbst 70 geworden. „Ich habe mir vorgenommen, dass ich 100 werde“, sagt Stuttgarts Alt-OB lachend. Auch wenn der hochgewachsene Mann noch immer diese mitunter etwas steife Art hat, ist er doch deutlich lockerer geworden. In der Ecke seines kleinen Büros am Rotebühlplatz liegt der Rucksack, mit dem man ihn heute auch in der Stadtbahn antreffen kann. Jahrelang hat man in der Stadt wenig von Wolfgang Schuster gehört. Jetzt erscheint sein Name verstärkt in der Öffentlichkeit: Zum Vorsitzenden des Fördervereins der Staatstheater hat man ihn gewählt – und er hat den Vorsitz des Trägervereins für den Deutschen Katholikentag, der im Jahr 2022 in Stuttgart stattfinden wird, übernommen.

Bewusst habe er nach dem Ende seiner zweiten Amtsperiode nicht mehr so in Erscheinung treten wollen, sagt er. Was aber tun? Ruhestand ist seine Sache nicht. Selbst die 99 Urlaubstage, die ihm zuletzt als OB noch zustanden, hat er nicht genommen. „Ich will mich einbringen, etwas bewegen“, sagt der 70-Jährige. „Ich will jeden Tag etwas lernen und Neues erfahren.“ Dinge tun, die ihm wichtig sind.

Bis Herbst 2018 war Wolfgang Schuster Vorsitzender der Telekom-Stiftung, einer der großen Firmenstiftungen der Republik. Er hat Projekte zur Jugendarbeit, zur beruflichen Bildung und zur Digitalisierung angestoßen. Heute kümmert er sich noch im Kommunalbeirat der Telekom um Breitbandausbau und Digitalisierung. Bis 2019 gehörte Schuster acht Jahre dem Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung an. Um nur einige seiner bis zahlreichen Engagements zu nennen.

Projekte zur beruflichen Bildung

Bildung gehört zu Schusters bevorzugten Themen. Vor Jahren hat er eine Stiftung gegründet, die European Foundation for Education. Fünf Millionen Jugendliche seien damals in Europa arbeitslos gewesen, erklärt der Alt-OB, noch heute seien es 3,5 Millionen. Das treibt ihn um. „Die haben keine faire Zukunftschance“, sagt er. Anders als hierzulande. „Wir wurden in den Wohlstand hineingeboren“. Das ist dem guten Europäer Verpflichtung. So hat er in den vergangenen Jahren eine Reihe von EU-Projekten in Ländern der Donauregion gestartet. In Bulgarien und Rumänien hat er versucht, das duale Ausbildungssystem dort einzuführen. Dessen Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung hält der 70-Jährige für einen der Schlüssel, „dass wir im Südwesten so gut dran sind“. Die Ergebnisse haben ihn aber etwas ernüchtert: „Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig ist.“ An mangelndem Geld aus Brüssel liege das nicht. Aber in den Ländern fehle, was uns selbstverständlich sei: politische Stabilität, eine verlässliche Administration, die Gelder sachgerecht verwendet, ein gutes Schulsystem und Unternehmen mit einer langfristigen Ausrichtung und gesellschaftlicher Verantwortung. Inzwischen hat sich sein Fokus etwas verschoben. „Ich bin wieder häufiger in Stuttgart“, sagt der Großvater von sechs Enkelkindern. Aufgaben gibt es genug. Die deutsch-französischen Beziehungen liegen ihm am Herzen. So ist Schuster Vorsitzender des Freundeskreises des Institut français. Ein inneres Anliegen ist ihm der Vorsitz des Kuratoriums des Deutsch-Türkischen Forums. Und Schuster freut, dass 2022 der katholische Kirchentag in Stuttgart stattfinden wird. Den Vorsitz des Trägervereins hat er, als Bischof Fürst ihn gefragt hat, gerne übernommen. Er sei zwar katholisch, sagt der aus Ulm stammende Schuster, aber weiter als zur Ministranten-Karriere habe es nicht gereicht. „Ich war aber der erste katholische Oberbürgermeister Stuttgarts seit der Reformation“, sagt er.

Wenn man mit dem Alt-OB über die Oper spricht, merkt man schnell: das ist ein Heimspiel für ihn. 25 Jahre saß er im Verwaltungsrat der Staatstheater, 16 davon in Leitungsfunktionen. In seiner neuen Funktion will Schuster den Förderverein, der bisher „mehr ein interner Club“ war, nach außen öffnen. Er will deutlich machen, „dass die Staatstheater Kultureinrichtungen für alle sind“. Das sei eine Bringschuld der Staatstheater. Schuster will in die Breite gehen, an Schulen, auch außerhalb Stuttgarts. Dass es auch den Versuch gab, seine Wahl zum Vorsitzenden des Fördervereins mit Verweis auf seine Haltung zu Stuttgart 21 zu verhindern („Oper 21“), zählt Schuster „zu den Bösartigkeiten, mit denen man leider leben muss“. Dass manche ihn als hölzern und technokratisch empfinden, ist dem Alt-OB bewusst, das lässt ihn auch nicht kalt, hat für ihn aber wenig Gewicht. Man werde nicht fürs Entertainment gewählt, sagt er: „Mein Unterhaltungswert für die Medien ist nicht so groß. Aber ich gehöre noch zum alten Schlag: Verantwortung ist mir wichtiger als Unterhaltungswert.“

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