Wenn Männer Frauen die Welt erklären, wird heutzutage nicht nur in der Geschlechterforschung der Begriff „Mansplaining“ benutzt. Foto: imago images/Panthermedia/kentoh

Der Autor Sebastian Tippe hat einen Ratgeber für Männer geschrieben. Darin geht es um Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern, um Gewalt gegen Frauen und darum, was Mann lieber bleiben lassen sollte. Im Interview spricht er über toxische Männlichkeit.

Stuttgart - Das Thema Benachteiligung von Frauen ist allgegenwärtig. Nicht nur der Weltfrauentag am 8. Märzrückt jedes Jahr Gewalt und Ungleichbehandlung von Frauen ins Bewusstsein. Eine Kampagne für Gleichberechtigung von Frauen der Gruppe UN Women Germany sorgte kürzlich für Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Auch die Neuerung im Duden, explizit weibliche Formen mit Definitionen zu versehen, hat gezeigt, dass die Gesellschaft immer noch viele Schritte von der Gleichberechtigung entfernt ist. Woran das liegt und wie man dieses Ungleichgewicht aufbrechen könnte, damit beschäftigt sich der Autor Sebastian Tippe in seinem Buch „Toxische Männlichkeit“. Im Gespräch erläutert er seinen Ansatz.

Herr Tippe, was verstehen Sie unter dem Begriff „Toxische Männlichkeit“?

Der Begriff beschreibt für mich problematische sozialisationsbedingte Verhaltensweisen und Präsentationen von Männern, mit denen sie Frauen und anderen Gruppen Schaden zufügen. Es gibt nicht die toxische Männlichkeit an sich, sondern gewisse männliche Verhaltensweisen, die toxisch sind. Jeder Mann hat toxische Anteile in sich, das bedeutet aber nicht, dass jeder Mann ein Vergewaltiger ist.

Was ist für Sie beispielhaft?

Im Alltag zeigt sich toxisches männliches Verhalten etwa im Unterbrechen von Frauen, in dem Phänomen Mansplaining, also wenn Männern Frauen die Welt erklären, in dem Phänomen Hepeatin, also wenn ein Mann eine Idee einer Frau als die seine ausgibt, in ungleicher Bezahlung, Diskriminierung von Frauen, sexistischen Sprüchen, Anstarren, Raumaneignung durch Lautstärke oder Manspreading. Auch Pornokonsum und als Mann seine eigene sexuelle Befriedigung in den Vordergrund zu stellen gehört dazu, Hass im Netz gegen Frauen, in einer Ungleichverteilung von Kindererziehung und Haushaltsaufgaben und vielem mehr. Extreme Ausmaße sind dann in Form von Gewalt zu finden, im schlimmsten Fall in Femiziden, häuslicher Gewalt, psychischer Gewalt, alles, wo es um Macht geht und in der Pornografie und Prostitution.

Der Begriff „toxische Männlichkeit“ stammt aus den 80er Jahren und flammt seit der #Metoo-Bewegung 2016 immer wieder auf. Sie beziehen sich in ihrem Buch auf Soziologen, wie etwa Pierre Bourdieu, der bereits 1998 in „Die männliche Herrschaft“ Strukturen in unserer Gesellschaft aufzeigt, die Männern Dominanz verschaffen. Inwiefern hebt sich Ihr Buch davon ab?

Ich habe kein wissenschaftliches, kein soziologisches Buch geschrieben, sondern eines, das ein praktischer Ratgeber sein soll. Ich will damit nicht die Studenten in den Hörsälen erreichen, sondern die Männer auf der Straße und explizite Tipps und Hinweise geben, die Männer anwenden können, um toxische Männlichkeit zu verändern.

Inwiefern hat sich die Gesellschaft seit den 80ern diesbezüglich verändert?

Gesellschaftlich hat sich wenig am Männerbild geändert. Es gibt zwar Verbesserungen und Frauenbewegungen, aber wenn man etwa in den Bereich der Pornografie schaut, ist vieles extremer und auch gewalttätiger geworden. Sexismus ist heute noch immer überall.

Kann man schlussfolgern, dass etwa gewalttätige Männer gar nichts oder nur wenig für ihr Verhalten können, weil sie als Mann in unserer Gesellschaft aufgewachsen sind?

Das hört man oft, das ist auch unter Männerforschern eine verbreitete Meinung, dass wir nur etwas an der Gesellschaft ändern müssten. Aber das ist total problematisch, weil das die Männer aus der Verantwortung nimmt. Es gibt strukturelle und individuelle Faktoren. Jeder trifft individuelle Entscheidungen, es bedarf auch der Reflexion, sich damit auseinanderzusetzen.

Gibt es auch toxische Weiblichkeit?

Nein, in dem Maß und den Ausprägungen gibt es das nicht.

Es gibt immer wieder Kritik an dem Begriff. Finden Sie es nicht diskriminierend, Männern eine giftige Geschlechtlichkeit zuzuschreiben?

Der Vorwurf, der dahintersteckt, ist, dass das biologische Geschlecht mit Gewalt verknüpft wird, aber das mache ich in dem Buch nicht. Es geht nicht darum, dass Männer männlich sind und deshalb toxisch.

Ist es kein Widerspruch, als Mann ein Buch über toxische Männlichkeit zu schreiben?

Natürlich ist das kein Widerspruch. Männer können sich gegen jegliche Form von Diskriminierungen einsetzen. Natürlich können sie sich auch für Gleichberechtigung einsetzen. Auffällig ist, dass sich viele Männer gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzen, aber nicht für Feminismus. Der Feminismus braucht Menschen im Boot, die Macht in der Gesellschaft haben. Die sich für ihn einsetzen. Wenn wir nicht an einem Strang ziehen, wird sich nichts ändern.

Auch Bourdieu hat schon darauf hingewiesen, dass diese Gesellschaftsstrukturen nur durch grundlegende Veränderungen in Familie, Schule und Staat durchbrochen werden können. Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen bessere, alternative Geschlechtervorstellungen, die bisherige Vorstellung muss aufgebrochen werden. Männer müssen anerkennen, dass es ein Patriarchat gibt und dass wir darin leben. Dass sie Vorteile haben, die Frauen nicht haben. Wir brauchen auch politische Lösungen, ab der Geburt von Kindern müsste sich vieles ändern. Es braucht etwa eine gleiche Bezahlung der Geschlechter, Feminismus muss Teil der Politik sein, Teil sozialer Bildungsberufe und Teil der Schulen.

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Sie halten Vorträge und schreiben einen feministischen Blog. Wie sind die Reaktionen?

Das Thema trifft einen Nerv und wird sehr kontrovers diskutiert. Ich erhalte viele Hassnachrichten über soziale Medien, von Rechten und Antifeministen und etwa von Väterrechtsgruppen. Da sind Beschimpfungen dabei, aber auch ausführliche Anschuldigungen. Vor Kurzem kam der Vorwurf, ich hätte extremistische Ansichten. Generell gibt es aber auch viel positives Feedback, in erster Linie von Frauen.

Wie lauten die Vorwürfe von Männern, die Sie angreifen?

Der Hauptvorwurf ist, dass Frauen nicht benachteiligt seien und Männer die Opfer der Gesellschaft seien. Das ist etwas, das ich auch schon in meinem Pädagogikstudium festgestellt habe, da war es eigentlich Konsens unter den Professoren und Lehrenden, dass Jungs die Benachteiligten sind im Bildungssystem. Eine Benachteiligung von Frauen wurde gar nicht thematisiert.

Ist das der Grund für Ihr Buch?

Ja, im Grunde geht es darum, aufzuzeigen, wo toxische Männlichkeit überall in unserer Gesellschaft vorherrscht und was sie bewirkt. Und dass die Meinung, Männer wären benachteiligt, falsch ist. Männer haben Privilegien und Vorteile in unserer Gesellschaft, die Frauen und Mädchen gar nicht erhalten. Männer interessieren sich meistens nicht für feministische Bücher von Frauen. Feminismus wird oft als böse und abwertend dargestellt. Meine Hoffnung ist, dass ich mit dem Buch Männer erreiche.

Welche praktischen Tipps haben Sie?

Da gibt es einiges, ein paar Beispiele: Männer sollten Frauen zuhören, die Lebenswelten von Frauen anerkennen und nicht infrage stellen. Männer sollten sich eingestehen, dass sie sich selbst schon oft toxisch verhalten haben. Damit ist auch anstarren, hinterherpfeifen, anfassen oder unterbrechen gemeint.

Buchinfo

Toxische Männlichkeit, erkennen, reflektieren, verändern. Edigo Verlag 2021, 316 Seiten, 18,50 Euro.

Autor

Sebastian Tippe ist Diplompädagoge, Jugendarbeiter und Blogger. Er lebt in Hannover und hat den Verein Shespect – Unterstützung für Frauen bei Hatespeech und Sexismus mitbegründet. Auf seinem Blog FeministInProgress untersucht er unter anderem Kinderbücher und Kinderhörspiele im Hinblick auf Sexismus.