Der britische Autor Kevin Brooks (links) und sein Übersetzer Michael Gutzschhahn bei der LesART. Foto: Gaby Weiß - Gaby Weiß

25 Bücher des Bestseller-Autors Kevin Brooks hat Uwe-Michael Gutzschhahn bereits ins Deutsche übersetzt. Bei LesART gab er mit dem Schriftsteller Einblicke in die Künste des Schreibens und Übersetzens.

EsslingenObwohl Uwe-Michael Gutzschhahn bereits 25 der erfolgreichen Bücher von Kevin Brooks übersetzt hat und die beiden nächsten Werke des Briten bereits auf die Übertragung ins Deutsche warten, hat ihn Brooks Buch „Deathland Dogs“ (dtv Junior, 16,90 Euro) vor ganz besondere Herausforderungen gestellt.

Der Bestseller-Autor hatte seinen Übersetzer vorgewarnt: Der Roman spielt mehrere hundert Jahre in der Zukunft, in einer Welt, in der kaum mehr geschrieben und nur wenig gesprochen wird und in der sich die Sprache verändert hat. Im Rahmen der Literaturtage LesART sprachen Autor und Übersetzer im Café Flo über die Schwierigkeit beim Übersetzen, über die Merkmale literarischer Sprache und über die Qualität von Jugendliteratur.

„Die Sprache in ‚Deathland Dogs‘ ist noch erkennbar, aber nicht mehr vertraut“, erläutert Kevin Brooks seine Absicht. „Das ist im Deutschen nicht einfach nachzuahmen“, musste Gutzschhahn feststellen und sich etwas einfallen lassen: „Satzzeichen werden in der englischen Fassung sehr spärlich eingesetzt. Und diese Reduzierung war das Motiv, in der deutschen Textfassung auf sämtliche Kommata zu verzichten.“

Ein eigener Ton für die Geschichte

Beide sind überzeugt davon, dass auch eine Abenteuergeschichte in einer literarischen Sprache geschrieben sein kann: „Für Kevin Brooks ist Sprache etwas sehr Wichtiges. Er schreibt auf poetische Weise mit rhythmischem Flow. Er hat eine musikalische Vergangenheit als Gitarrist in einer Punkrockband“, erläutert Uwe-Michael Gutzschhahn, selbst Autor und Lyriker, der für sein Gesamtwerk als Übersetzer mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. „Diese Klang-Sensibilität verbindet uns, wir denken ähnlich über Sprache“, erzählt Gutzschhahn. Es reiche, so der Übersetzer, eben nicht aus, die Sachverhalte korrekt ins Deutsche zu übersetzen, es müsse auch eine adäquate Sprache, ein Rhythmus und ein ganz eigener Ton für die Geschichte gefunden werden. „Das Deutsche braucht zum Beispiel viel mehr Worte, um das auszudrücken, was das Englische viel knapper sagen kann“, betont Gutzschhahn. Deshalb habe eine deutsche Version in der Regel einen um 15 bis 20 Prozent größeren Seitenumfang als die englische.

Kevin Brooks liest zu Beginn eine Passage auf Englisch. Als Uwe-Michael Gutzschhahn auf Deutsch übernimmt, wird der unglaubliche Sog des Buches deutlich: Man hätte im Café Flo einen Kuchenkrümel fallen hören, so gebannt folgen die Zuhörer Jeet und seiner Freundin Chola Se. Die beiden leben in den Deathlands, wo in einer fernen Zukunft die beiden letzten Menschen-Stämme ums Überleben kämpfen. Die beiden Jugendlichen wurden einst in einem Hunde-Rudel aufgezogen, kehrten dann aber zu den Menschen zurück und wurden „re-humanisiert“. Jeet und Chola Se sind erschöpft und verletzt, als sie von einer Kriegermeute gejagt werden und sich in letzter Minute mit der Hilfe ihrer früheren Hunde-Familie im Wurzelgeflecht eines versteinerten Baumstumpfes vor ihren Häschern verstecken können.

Bisher spielten Kevin Brooks‘ Romane immer im Hier und Jetzt, mit „Deathland Dogs“ hat er sich einen Traum erfüllt: „Ich wollte unbedingt einmal eine dystopische, post-apokalyptische Geschichte schreiben. Ich mag die Vorstellung, dass nur wenige Menschen übrig sind“, sagt er mit einem Grinsen. Seine Bücher, das betont er, enthielten keine spezifische Botschaft: „Es gibt kein ‚Das ist richtig, das ist falsch‘.“

Vom Wahnsinn des Krieges

Dramatisch und hochspannend erzählt er vom Wahnsinn des Krieges, von Menschen, die nicht aufhören, sich zu bekämpfen, selbst wenn das das Ende der Menschheit bedeutet. Kevin Brooks‘ Bücher haben häufig kein Happy End: „Düstere, traurige, grausame Dinge ereignen sich. Es wäre ein Akt des Bevormundens, wenn ich die Wirklichkeit entstelle, indem ich alle Geschichten gut ausgehen lasse“, betont er in Esslingen: „Es ist das Schlimmste, was man als Autor tun kann, wenn man junge Leser wie Idioten oder Babys behandelt. Mit dem oft beunruhigenden Ende meiner Bücher haben vor allem die Erwachsenen ihre Probleme.“

Dass er mit dieser Einstellung richtig liegt, zeigen nicht nur die vielen renommierten Preise, mit denen er ausgezeichnet wurde, sondern vor allem die große Zahl jugendlicher Leserinnen und Leser, die seine Bücher lieben. Sie entdecken auch einen kleinen Funken Hoffnung, wenn Brooks etwa überaus berührend von Kindern erzählt, die wie Tarzan oder Mogli von Tieren aufgezogen wurden.

„Was macht den Mensch zum Menschen? Diese Frage stellt sich hier“, erklärt Uwe-Michael Gutzschhahn. Eine mögliche Antwort darauf gibt Kevin Brooks in der Figur von Jeets Hunde-Mutter, die sich liebevoll und fürsorglich, stark, weise und zugleich aufopfernd um ihren Ziehsohn kümmert.

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