OB Fritz Kuhn eröffnet im vergangenen Mai die Saison der Stella-Elektroroller. Die werden von den Stadtwerken betrieben und bekommen Konkurrenz. Foto: Leif Piechowski - Leif Piechowski

Derzeit kann man in Stuttgart zahlreiche E-Scooter, aber nur 200 große Elektroroller leihen - bei den Stadtwerken. Dabei wird es nicht bleiben.

StuttgartDieser Tage war in der Ludwigstraße im Stuttgarter Westen ein Kuriosum zu bewundern. Hübsch aufgereiht stand da ein halbes Dutzend eleganter weißer Roller, versehen mit der Aufschrift: „Coming Zoom. New Sharing in Stuttgart.“ Und als „Local Partner“ wurde da auch der Stuttgarter Baukonzern Wolff & Müller genannt. Ein neues Leihangebot für Elektroroller, hinter dem ein Bauunternehmen steckt? Noch ohne Internetauftritt oder sonstige Werbung? Im Rathaus ist kein neues Angebot bekannt. Bisher gibt es in Stuttgart lediglich einen Verleiher von großen Elektrorollern, nämlich die Stadt selbst. Stella wird von den Stadtwerken betrieben. „Die Roller werden gut genutzt“, sagt Sprecherin Karoline von Graevenitz. 200 der blauen Zweiräder sind derzeit im Stadtgebiet verteilt. Erstmals sind sie auch im Winter auf der Straße. Bei den Stadtwerken beobachtet man die Situation am Markt genau und würde sich über neue Anbieter nicht wundern. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, heißt es dort.

Klarheit gibt es unterdessen beim Unternehmen Wolff & Müller. Die Eigentümerfamilie des Konzerns ist nämlich an dem Münchner Elektrorollerhersteller Govecs beteiligt. Der wiederum hat unlängst das Stuttgarter Start-up Elmoto in der Ludwigstraße übernommen. Elmoto wirbt auf seiner Internetseite noch damit, Servicepartner der Stadtwerke bei Wartung und Aufladen der Stella-Roller zu sein. Das ist inzwischen jedoch nicht mehr der Fall. Stattdessen will man der Stadt mit einem eigenen Angebot Konkurrenz machen.

„Govecs möchte ein neues Verleihsystem in Stuttgart etablieren“, erläutert Wolff & Müller-Sprecher Markus Engel. Heißen soll es Zoom. Bisher hat der Hersteller zahlreiche andere Verleiher in ganz Europa beliefert, nun will man erstmals – und vorerst auch nur in Stuttgart – ein eigenes System aufbauen. Der Baukonzern tritt dabei auch als Werbepartner auf. Das entspreche der Nachhaltigkeitsorientierung des Unternehmens. Geplant ist eine Rollerzahl in der Größenordnung von Stella. Los gehen soll es erst „in einigen Wochen“, deshalb gibt es auch noch keine Werbemaßnahmen. Die Roller, die schon auf der Straße sind, dienen einem Testlauf mit ausgewählten Fahrern. Sie können noch nicht gemietet werden. „Das System soll robust und stabil sein, wenn wir starten“, erläutert Engel.

Die Roller brauchen Stellflächen

Bei der Stadt weiß man von den Govecs-Plänen nichts. „Stand heute ist dafür auch keine formale Genehmigung notwendig“, erklärt Ralf Maier-Geißer. Der Leiter des Referats Strategische Planung und nachhaltige Mobilität führt derzeit allerdings Gespräche mit mehreren weiteren Anbietern von Elektrorollern. Und die haben es in sich, denn dabei ist von ganz anderen Dimensionen die Rede. „Es geht um sehr große Stückzahlen im deutlich vierstelligen Bereich“, sagt er. Das könnte bedeuten, dass in Stuttgart schon in wenigen Wochen oder Monaten nicht mehr 200, sondern zehn- oder zwanzigmal so viele Leih-Elektroroller stehen. Das stellt die Stadt vor massive Probleme. Denn die Roller brauchen Stellflächen. Schon die sehr viel kleineren E-Scooter, die seit einiger Zeit von inzwischen drei Anbietern aufgestellt werden, rufen immer wieder Beschwerden von Bürgern hervor. Und auch hier wird Zuwachs erwartet. Der Anbieter Circ soll in den nächsten Wochen mit dem Vernehmen nach 150 bis 200 Gefährten an den Start gehen. Die mopedähnlichen Elektroroller dagegen müssten eigentlich auf der Straße auf normalen Parkplätzen stehen. Das erscheint bei einer derartigen Zunahme innerhalb kurzer Zeit allerdings nahezu unmöglich zu sein. „Wir arbeiten mit allen beteiligten Referaten intensiv an diesem Thema“, sagt Maißer-Geißer. Man wolle nicht warten, bis die Anbieter da seien, sondern konzipiere derzeit Flächen dafür. Vorstellen muss man sich die als Mobilitätspunkte, an denen mehrere Angebote gebündelt werden könnten. Dafür gibt es allerdings nur sehr eingeschränkt Platz. Außerdem plant die Landeshauptstadt angesichts des großen Andrangs, künftig auch für die Anbieter von Elektrorollern eine Selbstverpflichtung einzuführen, wie sie die E-Scooter-Verleiher bisher schon freiwillig unterzeichnen können. Ob der Markt in Stuttgart für vier Verleihsysteme von E-Scootern und noch einmal so viele von Elektrorollern überhaupt groß genug ist, muss abgewartet werden. Angesichts erster Auswertungen der kleinen E-Scooter hat man bei der Stadt Zweifel. Denn die Gefährte werden offenbar nicht so häufig genutzt, wie es sein müsste, um damit wirklich Geld zu verdienen. Außerdem ist die durchschnittliche Fahrt mit 1,2 Kilometer sehr kurz und ersetzt wohl keine Autofahrten, sondern Wege zu Fuß. Doch der neue Markt sortiert sich. Künftig werden also nicht nur in der Ludwigstraße weiße und andersfarbige Roller stehen, sondern überall in der Stadt.

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