Christian Gentner im Trainingslager mit dem 1. FC Union Berlin. Quelle: Unbekannt

Auf die neue Saison mit Union Berlin blickt der ehemalige VfB-Kapitän voller Zuversicht.

StuttgartChristian Gentner blickt voller Zuversicht auf die Saison mit Union Berlin in der Fußball-Bundesliga. Mit seiner Vergangenheit beim VfB Stuttgart hat der noch nicht ganz abgeschlossen, aber er hat die bitteren Vorkommnisse rund um seinen Abschied verarbeitet.

Herr Gentner, Sie haben bislang 377 Bundesliga-Einsätze für den VfB Stuttgart und den VfL Wolfsburg absolviert. Ist die Nummer 400 in dieser Saison mit dem 1. FC Union Berlin ein persönliches Ziel?
Nein, obwohl es natürlich schön wäre, diese Marke zu knacken. Ich wurde zuletzt auch mehrfach auf meine vielen Einsätze angesprochen, aber letztlich geht es mir nicht um meine persönliche Statistik. Sie hat bei meinem Wechsel zu Union Berlin keine Rolle gespielt. Ich bin mit dem Anspruch hierher gekommen, zu spielen, aber nicht mit dem Hintergedanken eine bestimmte Einsatzzahl zu erreichen.

Dennoch: bislang haben Sie in 15 Profijahren in jeder Saison mindestens ein Pflichtspieltor erzielt. Zählt diese Serie für Sie?
Nein, da ich gar nicht dran gedacht habe. Im Vorjahr mussten die Statistiker dann ja auch lange warten, weil mir erst in der Relegation ein Treffer gelungen ist. Grundsätzlich interpretiere ich meine Position auf dem Feld aber schon so, dass ich torgefährlich sein will. Da darf der eine oder andere Treffer dann natürlich dabei sein.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in die neue Saison?
Mit einem guten. Die Vorbereitung war zwar anstrengend, aber das Trainerteam hat die Trainingssteuerung aus meiner Sicht sehr gut hinbekommen. Die Grundfitness ist vorhanden, jetzt kommt die Spritzigkeit dazu. Das weiß ich aus Erfahrung und es beunruhigt mich nicht, wenn noch nicht alles optimal läuft. Die erste Pokalrunde bei Germania Halberstadt haben Sie mit Union aber souverän bewältigt.
Ja, das gibt uns Selbstvertrauen und ich kann bereits sagen, dass die Mannschaft einen hervorragenden Charakter hat und meine Integration wenig Zeit in Anspruch genommen hat.

Was ist mit dieser Mannschaft in der ersten Liga zu erreichen?
Unser Ziel kann nur Klassenverbleib heißen. Wir werden in Fachkreisen ja auch als großer Außenseiter gehandelt – und betrachten uns selbst so. Meiner Meinung nach gibt es sieben, acht Teams, die um den Verbleib in der Bundesliga kämpfen werden – und vielleicht rutscht noch ein Club hinten rein, der nicht damit rechnet. Wir sind dabei definitiv in der Lage, die Liga zu halten.

Welche Rolle ist Ihnen auf dem Platz zugedacht?
Im zentralen Mittelfeld. Das hängt im Detail von unserem System oder dem jeweiligen Gegner ab.

Und jenseits der Taktiktafel?
In den Gesprächen mit Trainer Urs Fischer und Manager Oliver Ruhnert war klar zu verstehen, dass ich der Mannschaft mit meiner Spielweise und meiner Erfahrung auf und neben dem Platz helfen soll.

Ist es nicht seltsam, dass ein Aufsteiger Sie als Führungsspieler verpflichtet, während ein Absteiger, der VfB Stuttgart Sie fortschickt.
Ehrlich gesagt, möchte ich mir über diese Einschätzung gar nicht zu viele Gedanken machen. Deshalb ist das nicht mein Thema. Rein sportlich betrachtet, kann ich es nachvollziehen, dass sich der VfB dazu entschieden hat, einen Umbruch zu vollziehen. Mir ist diesbezüglich auch klar gewesen, dass es für den Verein einfacher war, sich von Spielern zu trennen, deren Verträge ohnehin ausgelaufen sind. So wie bei Dennis Aogo, Andreas Beck und mir. Bei Spielern mit bestehenden Arbeitspapieren ist das schwierig.

Das klingt nach dem bitteren Abschied aus Stuttgart sehr rational?
Ich versuche mit problematischen Situationen differenziert umzugehen und meine Entscheidungen rational zu treffen.

Aber es gibt auch eine emotionale Seite.
Sicher, und da haben die letzten Wochen beim VfB sehr wehgetan. Vor allem der Abstieg. Ich hätte gerne die Möglichkeit gehabt, mich in einer angemessenen Weise von Fans, Mitarbeitern und Mitspielern zu verabschieden. Das konnte ich nicht – und das stört mich immer noch.

Am Umgang des VfB mit einem solch verdienten Spieler wie Ihnen kann man sich aber schon auch stören?
Das Ganze ist sehr unglücklich gelaufen. Noch vor einem Jahr saß ich mit dem damaligen VfB-Präsidenten Wolfgang Dietrich und dem ehemaligen Sportchef Michael Reschke zusammen und die Gedanken gingen dahin, gemeinsam in Stuttgart weiter zu machen. Sowohl als Spieler als auch anschließend nach der aktiven Karriere. Doch dann ist die Saison bekanntlich schlecht gelaufen und es gab immer wieder Gründe wie Trainerwechsel, sportliche Krisen oder den Tod meines Vaters im Stadion, um die weiteren Gespräche hinten anzustellen.

Im Frühjahr schien es noch so, dass der VfB weiter mit Ihnen plant. Was ist dann passiert?
Ich hatte bereits im Frühjahr gespürt, dass die Entwicklung dahin gehen könnte, dass sich die Wege trennen. Offiziell hieß es stets, dass sich der Verein noch nicht entschieden habe.

Das hat sich lange hingezogen.
Ja, das hätte der VfB sicher besser handhaben können.

Zum Beispiel mit mehr Klarheit in der Kommunikation?
Genau das meine ich. Meine Art zu spielen oder mich als Kapitän in die Mannschaft einzubringen, hätte sich nicht geändert, wenn man mir frühzeitig mitgeteilt hätte, dass mein Vertrag nicht verlängert wird. Ich hätte immer alles für den VfB gegeben.

Was hätte sich denn für Sie geändert?
Der Umgang mit meiner Zukunft. Ich hätte mehr Zeit gehabt, mich darum zu kümmern. Selbst auf die Gefahr hin, dass es von außen geheißen hätte: Der Gentner ist mehr mit seiner sportlichen Zukunft beschäftigt als mit dem gegenwärtigen Abstiegskampf des VfB. Das gehört jedoch zum Geschäft.

Womöglich wären Sie dann aber nicht bei Union Berlin, sondern im Ausland gelandet?
Ich habe schon lange im Hinterkopf mich auf ein Auslandsabenteuer einzulassen. Gerne im englischsprachigen Raum. Diesmal war jedoch der zeitliche Vorlauf zu knapp. Mit einer Familie muss man da sehr viel bedenken und berücksichtigen.

Das klingt nach großen USA- oder gar Australien-Plänen.
Ja, in diese Richtung wäre es wohl gegangen.

Eine verpasste Chance?
Nein, da der Reiz, mit einem Kultclub wie Union in der Bundesliga zu spielen, sehr groß ist. Das ist allein an der Vorfreude auf das erste Bundesligaspiel gegen RB Leipzig zu spüren. Union ist schon speziell. Zudem ist ein Auslandsengagement nach wie vor nicht ausgeschlossen.

Was lernen Sie nun aus den Vorkommnissen in den vergangenen Monaten?
Eine Lehre ist sicher, dass ich mich nicht allein mehr auf Gespräche verlassen sollte. Dafür ist die personelle Fluktuation im Profifußball allgemein, aber insbesondere auch beim VfB zu groß. Der Fußball ist insgesamt so schnelllebig, dass ich Absprachen mit dem jetzigen Wissen schriftlich fixieren würde Gilt eine Vereinbarung per Handschlag zwischen Ihnen und dem VfB nicht mehr?
Das kann ich so nicht bestätigen, und ich will auch niemandem etwas unterstellen. Fakt ist, dass Michael Reschke, als die Entscheidung über meine Zukunft beim VfB getroffen wurde, nicht mehr da war. Bei Wolfgang Dietrich hatte ich immer das Gefühl, dass er mich beim VfB einbinden will. Schließlich war es jedoch eine sportliche Entscheidung, sich ohne mich aufzustellen.

Diese hat Thomas Hitzlsperger als Sportvorstand zu verantworten.
Ja, aber da ist nichts hängen geblieben. Ich hatte vor dem Saisonstart des VfB Kontakt mit Thomas Hitzlsperger. Ich habe ihm alles Gute gewünscht. Das Verhältnis ist nicht belastet.

Und Ihre Beziehung zum VfB?
Der VfB bleibt mein Verein. Ich verfolge die Entwicklung und stehe mit Spielern und anderen Leuten aus dem Club in ständigem Kontakt.

Eine Rückkehr ist nicht ausgeschlossen?
Nein. Ich weiß, dass die Türe für mich offen steht, wie es so schön heißt. Es braucht aber die richtige Idee, wie ich mich dabei wieder sinnvoll in Stuttgart einbringen kann. Der Zeitpunkt muss passen und es muss vom VfB auch wirklich gewollt sein.

Als Trainer oder mehr auf der Managementschiene?
Das kann ich noch nicht sagen. Ich würde gerne in verschiedene Bereiche hineinschnuppern. Was ich sagen kann: Ich möchte nach meiner Profikarriere etwas machen, dass mir ebenso Spaß bereitet und mich auch fordert. Ich will nicht irgendeinen bequemen Job, bei dem ich nur anwesend sein muss. Es geht schon darum, etwas für den Verein zu tun.

Das Interview führte Carlos Ubina.

Zur Person

Christian Gentner hat beim Aufsteiger 1. FC Union Berlin einen Einjahresvertrag unterschrieben. Der Mittelfeldspieler, der am Mittwoch 34 Jahre alt geworden ist, wird dabei das Trikot mit der Nummer 34 tragen.

Noch ist Gentner in Berlin in einem Hotel untergebracht. Doch in wenigen Tagen soll die Wohnung bezugsfertig sein. Sie ist groß genug, dass ihn seine Frau und die zwei Kinder, die weiter in Stuttgart leben, oft besuchen kommen können.

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