Hunderte demonstrieren gegen Kulturhetze von rechts. Foto: Lg / Ferdinando Iannone - Lg / Ferdinando Iannone

Hunderte von Demonstranten, darunter zahlreiche Mitglieder der Staatstheater und 40 Ballettchefs, demonstrierten in Stuttgart gegen eine Anfrage der AfD, die Nationalitäten der Künstler an den staatlich getragenen Bühnen ermitteln will.

StuttgartNatürlich könnte man ganz anderer Meinung sein: Seit Tagen empört sich ein großer Teil der Stuttgarter Kulturszene, empören sich viele Bürger über eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion an die Landesregierung. Der Vorfall interessiert längst überregionale Medien: Die AfD will wissen, wie viele Nichtdeutsche auf den staatlich verantworteten Bühnen des Landes stehen. Rainer Balzer, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende, sagt, man wolle dadurch Informationen gewinnen, ob womöglich die Künstlerausbildung in Deutschland qualitativ nicht gut genug sei und junge deutsche Künstler deshalb unter Wettbewerbsnachteilen litten.

„Kulturkampf der Rechten“

Man kann sehr skeptisch sein, ob Balzer das so meint, wie er es sagt. Man kann der AfD deutlich schlimmere Motive für ihre Anfrage unterstellen, zum Beispiel den Versuch, nun auch in der Kultur einen Gegensatz zwischen „deutschen“ und „ausländischen“ Künstlern aufbauen zu wollen. Aber man könnte auch einfach darauf vertrauen, dass das Kunstministerium letztlich ebenso geschickt wie angemessen reagieren wird. Aber würde das noch reichen? Diese Frage stellt sich offenbar vielen gerade drängender denn je. „Wir können uns nicht mehr leisten, Zeit zu verlieren im Kampf gegen die Rechten, die Völkischen, die Nazis“, ruft der Initiator und Stadtflaneur Joe Bauer am Samstag im Schlossgarten. Diese Kleine Anfrage sei die Munition im „gezielten Kulturkampf der Rechten“. Sie wollten Schritt für Schritt „Gesellschaft und Kultur vereinnahmen“, um ihre „verbrecherischen Machtfantasien“ zu verwirklichen. Der Beifall der vielen Hundert Demonstranten – die Polizei spricht von 400, die Veranstalter von 1000 – ist riesig an solchen Stellen.

„Schützt die Kultur vor den Rechten“ lautet das Motto der Kundgebung, gestützt von enormer Empörung in den sozialen Netzwerken. Am Staatstheater würden „Listen mit den ausländischen Künstlern“ erstellt, heißt es. Das Staatstheater selbst widerspricht der Darstellung, mit „Listen“ gearbeitet zu haben. Aber die Vorstellung, dass im Ensemble des Opernhauses nach nicht-deutschen Nationalitäten gefahndet werden muss, empört auch den Intendanten Viktor Schoner. Zur Kundgebung spricht er ein kurzes Grußwort, bedankt sich für die öffentliche Unterstützung. Die Sopranistin Diana Haller, einer der Stuttgarter Stars und gebürtige Kroatin, glänzt mit einer Arie. Zudem ist der Opernchor angetreten und singt den Gefangenenchor aus „Nabucco“.

Warnung vor Demokratieabbau

Eindringlich beschreibt Klaus Schrankenmüller vom Personalrat des Staatstheaters, wie sehr ihn die Vorgänge rund um die AfD-Anfrage an die Anfänge der Kulturhetze der Rechten gegen die freie Kunst am Ende der Weimarer Republik erinnern: „Auch damals wurden die Bühnen gefragt, welche undeutschen Künstler an ihnen tätig seien.“ Und Hans D. Christ, Chef des Kunstvereins, erinnert an den Demokratieabbau in Ungarn in jüngster Zeit: „Niemand von den Kulturschaffenden, mit denen wir dort vor einigen Jahren noch erfolgreich zusammengearbeitet haben, ist heute noch im Amt.“ Schließlich treten noch 40 Ballettdirektoren aus ganz Deutschland auf; Eric Gauthier ist auf seinem Festival Colours im Theaterhaus ihr Gastgeber. „Was wäre der Tanz in Deutschland ohne seine internationalen Ensembles?“, fragt ihr Sprecher. Am Vorabend hat im Opernhaus das Stuttgarter Ballett seine jüngste Premiere gefeiert. Ohne „Ausländer“ gäbe es diese weltweit bekannte Kompanie gar nicht.

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