Die Hemminger Laurentiuskirche wurde zum Diskussionsort über Energieversorgung. Foto: Simon Granville

Beim Hemminger Energieforum diskutiert der Bischof der Evangelischen Landeskirche mit Jugendlichen, Lokalpolitikern und Fachleuten. In einem Punkt besteht große Einigkeit.

„Alternative Energien sind alternativlos“: Diese Aussage von Ulrich Ramsaier von der Naturenergie Glemstal haben alle unterstützt. Unter dem Motto „Klimawandel und Energiewende im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Bewahrung der Schöpfung“ hatten die Gemeinde und die Naturenergie in Kooperation mit der Kirchengemeinde zum 4. Hemminger Energieforum in die Laurentiuskirche eingeladen. Den musikalischen Part gestaltete Veit Hübner und Freunde.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg diskutierte mit Jule Hauck (Evangelische Jugend Hemmingen), Jörg Dürr-Pucher (Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg), Ortspfarrer Stefan Ziegler, Ulrich Ramsaier und Bürgermeister Thomas Schäfer.

„Macht Euch die Erde untertan“: „Diese Tradition war und ist verheerend“

„Lange wurde die Schöpfungserzählung aus der Bibel faktisch als Legitimation zur Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen verstanden“, sagte der Landesbischof in seinem Impuls. Bezogen habe man sich auf Mose 1,28 „Macht Euch die Erde untertan“. Doch „diese Tradition war und ist verheerend“, sagte Gohl. „Wirtschaft, persönliche Gewinnmaximierung, das fehlende Wissen um die globalen Zusammenhänge und eine zunehmende Entfremdung des Menschen von seiner Angewiesenheit auf natürliche Lebensgrundlagen haben das Ihre zum verheerenden Zustand unserer Schöpfung beigetragen“, sagte der Landesbischof.

„Als alternativer Energieerzeuger ist Hemmingen ein Vorbild“

Die Gemeinde Hemmingen leiste einen wertvollen und beeindruckenden Beitrag. Klimaschutz sei vielerorts ein Streitthema, doch hier sei ein Zusammenhalt spürbar. „Mit dem Mix aus Mais, Pferdemist, Hackschnitzel und Photovoltaik werden hier vorwiegend regionale Energieträger genutzt – als alternativer Energieerzeuger ist Hemmingen ein Vorbild für andere“, zeigte sich der Bischof voll des Lobes. „Erneuerbare Energie braucht es, aber auch die Schöpfung muss respektiert werden.“

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl warb leidenschaftlich für die Bewahrung der Schöpfung. Foto: Simon Granville

Das war das Stichwort für Ulrich Ramsaier von Naturenergie Glemstal. Die Firma liefert im Ort die Wärme für rund 2000 Wohnungen und erzeugt etwa 70 Prozent des lokalen Strombedarfs. Es steht eine weitere Investition an: Ein großer Pufferspeicher soll entstehen, der die Verbindung von Strom und Wärme besser gewährleisten und sicherer machen soll – hier ist nun der Gemeinderat am Zug. „Die Herausforderung der Zukunft wird sein, wenn der Wind weht und die Sonne scheint, darf nichts brennen“, formulierte es der Fachmann plakativ. „Den Gegenwind gegen den Wind finde ich unlogisch“, sagte Ramsaier mit Blick auf Kritiker.

Denn vier Windräder sollen sich in Zukunft nördlich von Hemmingen in dem rund 100 Hektar großen im Regionalplan verzeichneten Vorranggebiet drehen. Das beinhaltet die Gemarkungen von Hemmingen, Eberdingen, Schwieberdingen und Markgröningen. In Hemmingen kommen Flächen in Frage die in Richtung Schwieberdingen liegen. Der künftige Betreiber der Anlagen, die eine Nabenhöhe von 179 Meter haben werden, will bei einer Leistung von etwa jährlich 27,2 Megawatt jeweils bis zu 13 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen – was den Stromverbrauch von 3400 Haushalten decken könnte.

Am geplanten Standort für Windräder rasten seltene Zugvögel

Das Vorhaben, das für 2028 gedacht ist, hat die Unterstützung des Bürgermeisters und des Gemeinderates. Doch der Standort ist nicht unumstritten. Er heißt nicht grundlos Regenpfeiferacker, halten sich hier doch der seltene Goldregenpfeifer beziehungsweise Mornellregenpfeifer auf. Auch andere seltene Zugvögel rasten auf der landesweit besonderen Fläche zwischen dem Zeilwald und der Katharinenlinde.

Auf diese Thematik ging besonders Jule Hauck ein. Viele Menschen müssten eingebunden werden: „Andere bringen andere Ideen ein.“ Mehr Kommunikation und Transparenz wünsche sie sich, damit steige auch Akzeptanz, ist die Jugendliche überzeugt. Umweltschutz sei bei der Jugend definitiv ein Thema, sagte sie. Aber es herrsche viel Frust, weil der Eindruck da sei, der Einsatz lohne sich nicht, weil keine Entwicklung wahrgenommen werde. „Was ich heute entscheide, wird dazu führen, ob ich mich in 20 Jahren gut fühle oder ärgere“, sagte Jule Hauck.

„Das Thema Windrad müssen wir gemeinsam anpacken, nur dann gelingt es“, sagte Pfarrer Stefan Ziegler. Es gelte dafür Verständnis zu schaffen, die Menschen mitzunehmen, miteinander zu diskutieren. Er sehe beim Thema erneuerbare Energien keinen Konflikt, aber einen sozialen Aspekt: Wer es sich finanziell nicht leisten kann, werde schnell zum Kritiker erneuerbarer Energien.

Umweltschutz ja – „aber bitte nicht vor der eigenen Haustür“

„Wir brauchen die 1000 Windräder, die im Land entstehen sollen“, sagte Jörg Dürr-Pucher. Auch der Ballungsraum, zu dem Hemmingen gehöre, müsse einen Teil der Last tragen. Zu sehr verbreitet sei die Mentalität: „Umweltschutz ja, aber nicht vor der eigenen Haustür.“ In den Diskussionen gelte es „positiv zu ringen und alle Positionen wertzuschätzen“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes Windenergie und dem Landesverband Baden-Württemberg.

Bürgerbeteiligung „schafft ein Wir-Gefühl“

Jörg Dürr-Pucher ging auch auf das Thema Bürgerbeteiligung ein, das aus dem Publikum angesprochen wurde. Diese sei stets willkommen, schaffe ein Wir-Gefühl und das Bewusstsein, die eigene Energie zu erzeugen. Doch dafür würden Genossenschaften benötigt, und das müsse von den Bürgern kommen. „Da gibt es viele Indianer, aber keinen Häuptling, denn jemand muss auch den Hut aufhaben“, sagte Bürgermeister Thomas Schäfer (CDU) aus Erfahrung. „Ich bin der Letzte, der so etwas bremst.“

Der Bürgermeister ist mit der Entwicklung der erneuerbaren Energien in seiner Gemeinde zufrieden. Mehr als Dreiviertel des in Hemmingen verbrauchten Stroms wird ihm zufolge im Ort erzeugt, 2000 Wohnungen mit alternativ erzeugter Energie beheizt. Lediglich ein halbes Windrad genüge, um energieautark zu sein, meinte Schäfer. Das veranlasste Ulrich Ramsaier zu einem Blick in die Zukunft für das gesamte Umland: „Es reicht nicht, dass wir autark sind, wir müssen so viel erneuerbare Energie erzeugen, dass wir Stuttgart damit versorgen.“