Forrest Tucker (Robert Redford) bleibt als Gangster immer stilvoll. Foto: DCM - DCM

Smarte Verbrechertypen haben ihn schon immer fasziniert. Nun schlüpft Robert Redford in die Rolle eines Bankräubers, der bis ins hohe Alter aktiv war. Es könnte sein letzter Film sein.

EsslingenBankräuber gelten gewöhnlich als skrupellos, gewaltbereit und sehr brutal. Dass ein Gangster Stil wahren kann, passt weniger ins gewohnte Bild. Forrest Tucker hat seine kriminelle Karriere mit 15 Jahren begonnen, und er blieb bis ins hohe Alter auf der schiefen Bahn. Mehr als einmal gelang es ihm, aus Hochsicherheitsgefängnissen auszubüchsen – als er seine letzten Überfälle durchzog, war er fast 80 Jahre alt. David Lowery hat diese wahre Geschichte nun auf die Leinwand gebracht – Hauptdarsteller ist ein Mann, der schon oft bewiesen hat, dass ihm die smarten Verbrechertypen besonders liegen: Robert Redford. Und der Oscar-Gewinner brilliert auch in Lowerys biografischer Krimikomödie „Ein Gauner und Gentleman“. Fast noch mehr als seine darstellerische Leistung bewegt viele Kinogänger allerdings die Nachricht, dass der Film Redfords letzter Auftritt vor der Kamera sein könnte. Doch wer diesen höchst unterhaltsamen Streifen und seinen Titelhelden anschaut, mag kaum glauben, dass sich Redford wirklich aufs Altenteil zurückziehen könnte. Der echte Forrest Tucker hat schließlich gezeigt, dass man nie zu alt sein muss, um das zu tun, was man mit Leib und Seele tut.

17 Mal saß Forrest Tucker im Gefängnis, und trotzdem war ein ehrbares Leben für ihn nie ein Thema. Denn er war beseelt von dem Gedanken, dass Banküberfälle sein größtes Talent sind, das er um jeden Preis perfektionieren wollte. Wenn er eine Bank betrat, fuchtelte er nicht wie andere Gangster mit der Waffe herum, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Höflich aber bestimmt teilte Tucker den Leuten hinterm Bankschalter mit, dass dies ein Überfall sei, dass er die Überfallenen eigentlich sympathisch finde und dass er ihnen kein Härchen krümmen will – vorausgesetzt, die Beute wandert über den Tresen. Häufig konnten sich die Überfallenen nicht mal daran erinnern, ob Tucker überhaupt eine Waffe dabei gehabt oder ob es genügt hatte, nur deren bloße Existenz anzudeuten. So hat der Gentleman-Gangster in seiner langen Verbrecher-Karriere ein Ding nach dem anderen gedreht. Und wenn er wieder mal geschnappt wurde, dauerte es meist nicht lange, bis er auf wundersame Weise den Weg zurück in die Freiheit gefunden hatte.

1981 ist der Ausbrecherkönig wieder mal auf freiem Fuß – und er tut das, was er am liebsten tut: Mit seinen Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) raubt er Banken in Serie aus. Als ihm die Polizei nach einem Coup auf den Fersen ist, lernt er die Farmbesitzerin Jewel (Sissy Spacek) kennen, die mit einer Panne am Straßenrand steht. Um nicht aufzufallen, bietet ihr Tucker seine Hilfe an, obwohl er von Autos keine Ahnung hat. Was als geschicktes Täuschungsmanöver begonnen hatte, weckt in beiden ungeahnte Gefühle. Jewel, deren Figur der Regisseur mit viel künstlerischer Freiheit gestaltet hat, wird Tuckers dritte Ehefrau – und die erste, der er nicht verschweigt, womit er sein Geld „verdient“. An ihrem Beispiel will der Regisseur zeigen, weshalb sich eine unabhängige Witwe entschließt, ihr Dasein mit einem Bankräuber zu teilen. So könnte Tucker eigentlich einem harmonischen Lebensabend entgegensehen, doch plötzlich wird dem Polizisten John Hurt (Casey Affleck) klar, dass die Überfälle der letzten Zeit allesamt auf das Konto ein und derselben Bande gehen. Und während Tucker und seine Jungs weiter ihrer verbrecherischen Leidenschaft nachgehen, müssen sie sich in Acht nehmen, weil ihnen noch nie ein Polizist so dicht auf den Fersen war wie Hurt ...

Durch einen Artikel in der Zeitschrift „The New Yorker“ war David Lowery auf Tuckers Geschichte aufmerksam geworden. Und der Regisseur wusste sofort, dass nur einer für die Hauptrolle in Frage kam: Robert Redford. Der musste nicht lange überlegen, weil er sehr konkrete Vorstellungen hatte: „Dieser Film muss in erster Linie Spaß machen. Forrest ist ein wunderbar komplizierter Charakter voller Leben, Risikobereitschaft und Lust an der Gefahr, und er wollte auch Spaß haben.“ Das sah Produzent James Stern genauso: „Was diese Geschichte so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass sie auch eine Allegorie für eine kompromisslose Künstlerseele ist. Banküberfälle sind vielleicht nicht die idealtypische Kunstform, aber das war nun mal Forrests Betätigungsfeld. Deshalb steckte er sein Herz und seine Seele hinein. Und wie alle kompromisslosen Menschen opferte er viel dafür – Beziehungen, verpasste Chancen – und er ging immer Risiken ein.“

Robert Redford spielt seine Rolle nicht nur – er geht förmlich in ihr auf. Auch wenn Forrest Tucker ein Gangster war, dürften viele ihn ins Herz schließen, weil er eben nicht nur ein böser Bube war, sondern etwas Leichtes, Charmantes und Spielerisches hatte. Und mit der wunderbaren Sissy Spacek hat er eine Kollegin an seiner Seite, die ihm stets auf Augenhöhe begegnet. Um neben diesen beiden Stars nicht völlig unterzugehen, bedurfte es in den Nebenrollen solcher Schwergewichte wie Tom Waits, Danny Glover und Casey Affleck, die nicht minder überzeugend agieren.

David Lowery erzählt die teils etwas großzügig interpretierte, im Kern aber wahre Geschichte des Gentleman-Bankräubers Forrest Tucker als Mischung aus Gaunerkomödie, Western, Krimi und Charakterstudie. Und so ganz nebenbei ist dieser Film eine Hommage an Hauptdarsteller Robert Redford, von dem man nach diesem rundum überzeugenden Auftritt hofft, dass mit „Ein Gauner und Gentleman“ für ihn noch lange nicht Schluss ist.

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