Quelle: Unbekannt

Ein toter Inuitjunge, eine misstrauische Nachbarin. In „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ ermittelt eine Frau gegen das System. Im Theater der Altstadt wird das zu einer packenden Reise.

StuttgartSmilla Jaspersens Leben ist von einer doppelten Heimatlosigkeit geprägt. Die verstorbene Mutter der jungen Wissenschaftlerin gehörte zu den Inuit in Grönland, Smillas Vater hingegen ist Däne. Sie selbst ist damit eines jener Kinder, die nirgends richtig hingehören und in keinem Teil der elterlichen Kultur wirklich zuhause sind. Während Smilla heute vergeblich versucht, sich in einem ärmlichen Teilort von Kopenhagen einzuleben, hallen in ihr die Tage wider, in denen die grönländischen Inuit einst von der dänischen Kolonialmacht unterdrückt wurden. Zwar wurde sie selbst nie Zeuge der Gewalt, doch sie lebt mit deren Trauma.

„Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ ist ein Kriminalroman des dänischen Schriftstellers Peter Hoeg. Im Theater der Altstadt ist jetzt die Bühnenfassung unter der Regie von Bruno Klimek zu sehen. Auf den ersten Blick fokussiert sich diese zunächst auf den Kriminalfall, der dem Roman seinen Rahmen gibt: Der kleine Inuitjunge Jesaja liegt eines Tages tot im Hof der Wohnanlage, in der auch Smilla lebt. Die Polizei geht von einem Unfall aus, der Kleine sei vom Dach gefallen. Einzig Smilla glaubt nicht an diese Theorie – und stellt Nachforschungen an.

Hauptdarstellerin überzeugt

Auf der Bühne werden diese Ermittlungsarbeiten zum zentralen, treibenden Element der Inszenierung. Dennoch beschränkt Klimek sich nicht darauf, hier einen Krimi zu zeigen: Er offenbart vielmehr ein feines Gespür für das Innenleben seiner Hauptfigur und die damit verbundenen Traumata der politischen Konflikte zwischen Grönland und Dänemark. All das so zu erzählen, dass die verschiedenen Ebenen im Theater sichtbar, aber gleichzeitig nicht überfordernd werden, ist keine einfache Aufgabe. Schließlich erzählt Hoegs Roman genauso eindrücklich von emotionaler Abschottung und kultureller Zerrissenheit wie von Polarforschung, existenzieller Philosophie – und eben der Aufklärung eines Mordes.

Klimeks Inszenierung meistert diesen Spagat vor allem dank eines mutigen Schritts: Das Stück spart radikal aus, verdichtet die Erzählung und verzichtet dabei auf jegliche Ausschmückungen. Das Bühnenbild zum Beispiel ist bis zum Nicht-Vorhandensein minimiert. Hier gibt es keinen wahrnehmbaren Raum mehr, einzig die formlosen Rücken von fünf, in dicke Wintermäntel gehüllten Figuren, geben dem Zuschauer etwas Halt. Und der Inuitjunge Jesaja liegt vom Anfang bis zum Ende tot am Bühnenrand. Klimeks Inszenierung schafft mit dem radikalen Verzicht bewusst Raum für die oft komplexe Erzählung.

Diese wird dabei vor allem von Stefanie Friedrich als Smilla Jaspersen geschultert. Sie ist diejenige, die die Zuschauer mit ihrer klaren, pointierten Darstellung durch die verschiedenen Episoden der Handlung trägt. Souverän wandert sie dabei über Textberge und Erzählebenen, springt zwischen Selbstreflexion und Interaktion hin und her – einzig unterstützt durch schnelle, kalte Lichtwechsel und präzise Klänge.

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