Muss Tim Walter seinen Stuhl beim VfB bald räumen? Foto: Baumann - Baumann

Die Lage spitzt sich zu in Cannstatt. Die 1:2-Niederlage in Sandhausen geht an die Nieren. Tim Walter wird dünnhäutiger, stellt sich nicht mehr vorbehaltlos hinter seine Mannschaft. Und die Vereinsführung? Stellt die sich noch vorbehaltlos hinter Walter?

StuttgartDie so genannte „Leadership-Reise“ nach Kalifornien, sie hätte neben Sonnenschein auch jede Menge Erhellendes bereit gehalten. Besuche bei Facebook im Silicon Valley, der renommierten Stanford University oder bei Größen des US-Sports wie dem Footballteam der San Francisco 49ers stehen während des viertägigen Aufenthalts auf Initiative der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes auf dem Programm, zu der an diesem Montag neben dem Manager der Nationalelf, Oliver Bierhoff, auch 16 weitere Vorstände und Sportdirektoren der Bundesliga aufgebrochen sind.

Der VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger hat die Reise allerdings kurzfristig abgesagt, „weil im Moment die Situation hier wichtiger ist“, wie es ein Sprechers der Stuttgarter formuliert. Dass der Baum beim Traditionsclub vom Cannstatter Wasen nach dem 1:2 von Sandhausen, der mittlerweile fünften Niederlage des VfB im siebten Zweitligaspiel, deshalb aber bereits lichterloh brenne, so heißt es, solle niemand aus diesem Schritt herauslesen. Zwar will Hitzlsperger selbst nicht zur aktuellen Lage rund um die Zukunft seines Cheftrainers Tim Walter sprechen. Doch es sei, immerhin das ist aus dem roten Haus an der Mercedesstraße zu vernehmen, weiterhin der große Wille, die prekäre Lage gemeinsam mit dem Trainer Walter zu meistern.

„Das kotzt mich an“

Tatsächlich aber stehen beim VfB, um im Bild zu bleiben, kurz nach dem ersten Advent bereits mehrere Kerzen in Flammen. Es herrscht erhöhte Alarmbereitschaft – und so kommt dem Spiel der Stuttgarter am nächsten Montag in der heimischen Arena gegen den 1. FC Nürnberg auch in der Trainerfrage eine ganz besondere Bedeutung zu. „Es fühlt sich nicht gut, macht überhaupt keinen Spaß. Wir wollten nach dem Derbysieg über den KSC den Schwung, die Aggressivität und die Schärfe mitnehmen – das ist uns nicht gelungen“, umschreibt der Sportdirektor Sven Mislinat die Lage.

Der Chefcoach Tim Walter seinerseits macht am Vormittag nach der Sandhausen-Niederlage anders als unmittelbar nach Schlusspfiff, als er ein wenig angezählt wirkte, schon wieder einen engagierten und kämpferischen Eindruck. Lange hat sich der 44-Jährige vor seine Mannschaft gestellt – doch nach dem Sandhausen-Spiel schlägt er nun einen anderen Kurs ein. „Das kotzt mich an – da muss ich nicht drum herum reden“, sagt Walter etwa angesichts des Umstandes, dass der erste Sandhäuser Treffer bereits in der ersten Spielminute im Anschluss an eine Ecke fiel: „Da denkst du, du hast Dinge abgestellt – und dann kriegst du nach einer Minute so ein Gegentor nach einem Standard, wo du sonst nie Probleme hattest. Das macht mich sehr sauer.“

Einige seiner Spieler, so fährt der Trainer fort, die hätten sich zu Beginn der Partie am Sandhäuser Hardtwald wie Skifahrer verhalten, denen es auf der präparierten Piste offensichtlich zu langweilig geworden ist. „Die haben sich gedacht: Da fahre ich doch mal neben dran, obwohl da große Lawinengefahr herrscht“, sagt Walter. Ob es einigen Spielern zu gut gehe? „Das kann schon sein“, erwidert der Coach. Ein Trainer, der die schützenden Hände öffnet und seine Spieler öffentlich attackiert, das ist nicht selten einer, der nicht mehr allzu viele Patronen im Gürtel mit sich führt – so werden all diejenigen, die es weniger gut mit Tim Walter meinen, den Kurswechsel des 44-Jährigen jetzt wohl interpretieren.

Mangala wirkt uninspiriert

Zwar wirbt Sven Mislintat weiter um Verständnis. „Unser Aufwand, die Anzahl der herausgespielten Chancen sind gut – da dürften wir uns alle einig sein“, sagt der Westfale: „Doch das Verhältnis zum Ertrag stimmt nicht. Und das kann man nicht immer nur mit Pech erklären. Genauso wie man sagt: Immer Glück, das ist Können.“

In der Tat sind die Probleme abgesehen von der Standard-Schwäche von Sandhausen, die auch das 0:2 begünstigte, nicht neu. 75 Prozent Ballbesitz hatte der VfB wieder einmal vorzuweisen – doch gerade mal 24 erzielte Tore nach 15 Spieltagen sprechen aus Sicht eines Clubs, dessen klar definiertes Saisonziel der direkte Wiederaufstieg ist, eine noch deutlichere Sprache.

Jedes dritte Ligaspiel hat der einstige Topfavorit VfB inzwischen verloren, im Mittelfeld ist eine ideale Besetzung weiter nicht gefunden; kein Spieler hat im bisherigen Saisonverlauf Topniveau erreicht; junge Talente wie Orel Mangala wirken uninspiriert. In Summe gibt es für Tim Walter also viel zu tun.

Fragt sich nur, wie viel Zeit ihm noch bleibt.

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