Perfekt choreografiertes Entertainment für ein junges Publikum: Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt - Lichtgut/Christoph Schmidt

Die fast ausschließlich kindlichen und weiblichen und unfassbar kreischenden Fans sind Teil der Little-Mix-Show. Alles weitere: ein Hype aus Bombast und bis zum Exzess durchgestyltem Entertainment.

StuttgartLittle Mix? Nie gehört bis dato. Und gewarnt wurde man auch noch: Für Erwachsene sei das nichts. Aber irgendwas Größeres muss es sein. Die Mädchengruppe füllte gleich zweimal hintereinander die Stuttgarter Porsche-Arena, was Seltenheitswert hat. Schon allein deshalb ein Grund, sich den ausverkauften Auftakt der Deutschland-Tournee anzuschauen.

Die Vorab-Recherche ergab: Nicht nur in ihrem Heimatland Großbritannien sind Jesy Nelson, Jade Thirlwall, Perrie Edwards und Leigh-Anne Pinnock eine große Hausnummer, ähnlich groß wie die Spice Girls in den 90er-Jahren. Ihre Alben verkaufen sich wie geschnitten Brot, 45 Millionen Mal bislang. Neben Megatourneen durch Europa, Australien, Japan und den USA wurden ihre UK-Tourneen zu den erfolgreichsten Tourneen 2016 und 2017 gekürt. Die schillernde vierköpfige Popgruppe führt die Frauenpower in eine neue Generation ein. Nunmehr auch in Deutschland, wo sie bis dato fast keinen Fuß auf den Boden gebracht haben. Die bislang fünf Alben inklusive dem aktuellen LM5 kamen nicht über Platz 22 der Charts hinaus.

2011 gewannen sie als erste Girlgroup die achte Staffel der britischen Castingshow The X Factor – obwohl sie in derselben Staffel einzeln wie als Duo vorzeitig gescheitert waren. Minus-Gesang plus Minus-Gesang ergibt Top-Gesang, erkannte X-Factor-Chef Simon Cowell das Potential der Mädchen und machte damit alles richtig. Singen können sie ohne Frage alle. Bei der Ballade „Told you so“, „The Cure“ und dem anziehenden „Secret Love Song Pt II“, das eine Gemeinschaftsproduktion mit dem amerikanischen R&B-Sänger Jason Derulo ist, intonieren sie wunderschön harmonisierend halb a cappella. Insbesondere die blonde Perrie Edwards ist eine Meisterin darin, hohe Töne zu erreichen. Doch ob sie immer und alles live singen, ist mehr als fraglich. Beim Hit „Wasabi“ singen sie ohrenfällig Playback, überhaupt kommt die Musik ausschließlich vom Band. Instrumentalisten stehen keine auf der Bühne, nur bis zu zehn Tänzerinnen und Tänzer sorgen für ständiges Gewusel vor, hinter und zwischen dem Quartett.

Konzertante Virtuosität darf man bei Little Mix also nicht erwarten. Stattdessen regiert der Bombast. Schon das Opening ist an Überladenheit kaum zu übertreffen. Zu „Salute“ vom gleichnamigen zweiten Album 2013 schweben sie in martialischer Soldatenaufmachung von oben herab auf die Bühne, der Sound wummert fast metallisch die Gehörgänge frei, Pyros explodieren und Feuersäulen züngeln fast bis unters Hallendach. Die Schauwerte sind durchgängig groß: hydraulische Bühnenelemente, Laserstrahlen, Konfettiregen, zahlreiche Kostümwechsel, Bodennebel und riesige Videowalls samt Zuspieler kreieren immer wieder aufs Neue zum Teil faszinierende Bühnenbilder. Am Produktionsaufwand liegt es also nicht, dass die mit eineinhalb Stunden Verspätung gestartete Show vor allem zu Beginn seelenlos und artifiziell daherkommt. Es ist das bis zum Exzess perfekt durchchoreografierte und durchgestylte Entertainment selbst, das individuelle Freiräume der Protagonisten verhindert und damit austauschbar wird. Es ist ein vokales und tanzroutiniertes Nebeneinander der Mädchen, kein Miteinander. Erst mit dem zweiten Akt und den Hits „Only you“ und „Bounce Back“ erreichen sie Spice Girls-Niveau.

Die in fünf Akte unterteilte Show ist ein Mix aus alten und neuen, langsamen Songs und tanzbaren Bops (neusprachlich ein Song, der richtig gut ist). Das großartige „Wings“ stammt vom allerersten Studioalbum „DNA“ (2012), „No more sad Songs“ wurde dem vierten Album „Glory Days“ entnommen. Aber egal, welchen Titel sie auch performen, die 6500 Fans kennen jedes Wort und jede Tanzbewegung in- und auswendig. Sie singen, wie bei „Reggaeton Lento Remix“ im fünften Akt, alles lautstark mit. Im Grunde sind die fast ausschließlich noch kindlichen und weiblichen und unfassbar kreischenden Fans Teil der Show. Passend dazu gibt es leuchtende Hasenohren und eine 15-jährige Keelie Walker aus den USA im Vorprogramm, die nur Ohrenprobleme verursacht. Man muss jedoch konstatieren: Mit zunehmender Konzertdauer und Akzeptanz des Little Mix-Systems, zu dem in den Umzugspausen überleitende feministische Parolen wie „We are the Future“ oder „Let’s stand together as a Sisterhood“ gehören, entsteht ein immer größerer Sog durch den Brachial-Rhythmus der Musik und der Performance. Little Mix spielen fast schon sektiererisch auf der Klaviatur der Gefühle ihrer Fans, und Songs wie „Joan of Arc“ und insbesondere das ungemein poppige „Shout out to my Ex“ treffen auf gehörigen Widerhall, der sich in einem tosenden Crescendo auflöst. Das Auffälligste an dem Auftritt ist, wie wenig britisch und wie sehr amerikanisch er klingt. Es ist eine Show mit einem dicken Zuckerguss überzogen – Little Mix kennen letztlich ihr Zielpublikum: Sie spielen Spiele, um zu sehen, wer am lautesten jubeln kann.

Mit den zwei Zugaben „More than Words“ und „Touch“ endet die Show, die in einer stimmungsvollen Dance- und Sing-Atmosphäre aufgeht. Für den kurzen Moment von 90 Minuten sind Little Mix zweifelsohne intensiv, hektisch und aufregend und als Inspiration für heranwachsende Girlies scheinbar der Himmel auf Erden. Für den Großteil der Erwachsenen sind Little Mix live definitiv nichts. Aber man wurde ja gewarnt.

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