Die Ausstellung „Adieu Plastiktüte!“ läuft bis zum 3. Juli. Foto: dpa/Christoph Schmidt - dpa/Christoph Schmidt

Vom praktischen Einkaufsbegleiter zur Umweltsünde: Die Plastiktüte hat einen Imageverlust erlitten und wird wohl bald aus unserem Alltag verschwinden. Höchste Zeit, den Tüten eine Ausstellung zu widmen, findet das Museum der Alltagskultur auf Schloss Waldenbuch.

WaldenbuchEinkaufstüten eines Supermarkt-Discounters zählen zu den Highlights der Ausstellung. „Aldi ist gleich zweimal dabei“, erklärt der Kurator Frank Lang. Er blickt auf die vom Künstler Günter Fruhtrunk entworfenen Tüten aus den 70ern und gerät ins Schwärmen: „Das ist das Irre, dass mal alles zusammentrifft. Wir haben ein superpopuläres Produkt, und gleichzeitig ist das hohe Kunst.“

Das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch (Kreis Böblingen) widmet der Plastiktüte eine Ausstellung. Grundlage sind geschätzt 50 000 Tüten von zwei privaten Sammlern, beginnend in den 60er Jahren. „Das ist praktisch eine Epoche. Es sind etwa 50 Jahre, in denen die Plastiktüte unser Leben begleitet hat und es uns auch erleichtert hat“, erklärt Lang. „Wir sind ja alle sorglos mit dem Zeug umgegangen: da Plastiktüte, hier Plastiktüte. Das ist ja irgendwie auch toll gewesen, das war ja das Wirtschaftswunder-Leben.“

Nun der Abgesang. Die Fabrikate aus Polyethylen oder Polypropylen sind zum Symbol der Konsum- und Wegwerfgesellschaft geworden, abgestiegen zum Umweltsündenfall angesichts von Müllteppichen in den Ozeanen. „Adieu Plastiktüte!“ lautet der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 3. Juli zu sehen ist.

Derzeit arbeitet Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) an einem Verbot von leichten Einweg-Kunststofftragetaschen. Schon seit 2016 sollen auf Grundlage einer freiwilligen Vereinbarung mit dem Handel Plastiktüten nicht mehr kostenfrei an der Kasse angeboten werden. Laut Ministerium verbrauchte jeder Deutsche zuvor durchschnittlich 68 Plastiktüten; 2018 sank die Zahl auf 24. Der Blick der Ausstellungsmacher auf die Plastiktüte ist zum Teil nostalgisch. Der Kurator selbst freut sich über eine Tasche des Musikladens, in dem er seine erste Gitarre gekauft hat. „Als ich die Sammlungen vorsortiert habe, habe ich 100 Kategorien gebildet. Sie können es nach Branchen sortieren, nach Motiven sortieren, nach Farben.“ Neben den Objekten aus Plastik gibt es auch Informationen zu Herstellung, Gestaltung und Verwendung. Im sogenannten Plastik-Wiki finden sich etwa Zahlen der Deutschen Umwelthilfe: Etwa eine Billion Plastiktüten verbrauchen die Menschen demnach jährlich weltweit. Nur ein Bruchteil in Europa werde recycelt, rund 90 Prozent landen auf Mülldeponien, von wo sie durch den Wind auch ins Meer gelangen.

Der Siegeszug der Plastiktüte begann 1964 mit einer Maschine zur Herstellung von Polyethylen-Tragetaschen. Für Geschäfte und Marken wurde die bedruckte Tasche zum Werbeträger, für Konsumenten mitunter zum Unterscheidungsmerkmal. Nach der Ausstellung sollen einige Tüten als kulturgeschichtliche Relikte bewahrt werden. Die Besucher können über die Objekte abstimmen, die dann in einem Depot eingelagert werden.

Der Eintritt in die Ausstellungen des Museums der Alltagskultur ist kostenfrei. Geöffnet ist Dienstag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag von 10 bis 18 Uhr. dpa/red

www.museum-der-alltagskultur.de

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: